Calbe l „Um mich herum war alles so neu, so anders, ohne Lebensgefahr, ohne Kriegslärm, fast unwirklich“, schreibt der 89-Jährige in seinen Lebenserinnerungen. Das Städtchen und seine Menschen seien ihm im Sommer 1945 fremd gewesen. So alle in Zivil. „Das freie Leben ohne Uniform und Befehlsausübung war viel schwieriger als erwartet.“

Nach Verbüßung der Kriegsgefangenschaft habe er sich nun als „Gefangener der Zeit“ gefühlt. „Das ist heute kaum noch zu begreifen“, wandert Otto Plönnies‘ Blick gedankenverloren aus dem Atelierfenster. Der Jahrgang 1927 war mit diesem Gefühl nicht allein. Seine Generation zählt zu der betrogenen des 20. Jahrhunderts. Letztendlich waren es die Kunst und die Neugier auf das Leben, die den Kriegsheimkehrer stark machten, der von der Schulbank gleich in den Schützengraben musste.

Diese Neugier hat er sich bis heute bewahrt.

In seinem Atelier an der Calbenser Schloßstraße bekommt man einen Eindruck, wie breit der Mann heute künstlerisch aufgestellt ist. Als habe er sich nicht entscheiden können, welchem Genre er dem Vorzug geben sollte. Neben plastischer und figürlicher Schnitzarbeit findet man Skulpturen aus Sandstein, zarte Aquarelle, Metallguss-Figuren und immer wieder Kupfertreibarbeiten. Auf diesem Feld machte sich der ehemalige Ingenieur des Niederschachtofenwerkes und spätere Betriebsdirektor einer Schönebecker Brauerei 1974 selbständig.

„Ich trat nach meiner gern gelebten 21-jährigen leitenden Arbeit im volkseigenen Sektor in die private Selbständigkeit über“, erinnert sich Plönnies. Das habe damals „viel Staub aufgewirbelt“. „Ich flog aus der Gewerkschaft und den Massenorganisationen.“ Nur nicht aus der Partei. „Die SED forderte mehr Mitgliedsbeitrag, denn ich war ja Kapitalist geworden“, winkt Otto Plönnies ab.

Hohe Nachfrage

Für den Selbständigen war es nicht leicht, das begehrte, einen Millimeter starke Kupferblech zu bekommen. Ein „Kontingent“ bekam er ja erstmal nicht. So klapperte der Calben­ser die Bastlerläden der Republik ab, um „Produktionsabfall“ oder „Verschnitt“ zu kaufen.

Besonders in den 1980er Jahren riss die Nachfrage nach seinen Kupfertreibarbeiten nicht ab. Die Leute kauften sie privat, die Betriebe als Präsente oder Auszeichnungen. Der Laden brummte. 1986 wurde anlässlich der 1050-Jahr-Feier in Barby feierlich eine Stele im Schlosspark enthüllt, die den dort geborenen Philosophen Jakob Friedrich Fries zeigt. Plönnies Arbeiten waren zu Selbstläufern geworden.

Das ging bis zur Wende so. Dann änderte sich der Zeitgeschmack schlagartig. „Das Eingehen meines freischaffenden Gewerbes, dem Ende der DDR bald folgend, war schmerzlich“, gesteht der 89-Jährige.

Zwar gab es hin und wieder eine Ausstellung - die Luft schien aber raus zu sein. Otto Plönnies zog sich aus der Öffentlichkeit verbittert zurück.

Weihnachtspyramide

„Einen starken Anschub für meine künstlerische Arbeit gab erst wieder das Vorhaben der Calbenser Interessengemeinschaft zum Bau einer Weihnachtspyramide“, erzählt er. Das war Ende der 1990er Jahre. Plönnies, mittlerweile auch schon über 70 Jahre alt, schnitzte dafür fünf 60 Zentimeter große Figuren aus harter bayrischer Eiche. Eine künstlerische Schwerstarbeit. Sie stellen typische Calbenser Berufsbilder wie Fischer, Tuchmacher, Bergmann oder Eisenwerker dar. (Wenn sie nicht gerade im Advent ihre Kreise ziehen, zieren sie heute das Treppenhaus im Calbenser Rathaus.)

Otto Plönnies‘ zweites künstlerisches Leben hatte begonnen. Was auch der Auftakt zu einer Reihe von Arbeiten war, die heute als Stahlschnitte der Saalestadt Identität verleihen. Der damalige Bürgermeister Peter Zunder habe ihn dabei maßgeblich motiviert, sagt er. Die flachen, mit dem Laser ausgeschnittenen Stahlplatten zieren heute 16 markante Punkte der Saalestadt. Proportional zur altersbedingt nachlassender Muskelkraft, stieg bei „O.P.“ offensichtlich die Kreativität in Sachen Stahlschnitt. Die Figuren wurden immer filigraner, ausdrucksstärker.

Dopingathleten

In seinem Atelier findet man heute eine Bildhauerarbeit, die „Superschwerer Seriensieger“ heißt. Damit spießte Plönnies in den 1980er Jahren die Dopingathleten auf: viel Muskeln, kleiner Kopf. Da auch diese Arbeit in der DDR entstand, die ja äußerst misstrauisch und Weltmeister im Überinterpretieren war, hatten die Kuratoren bei der Bezirkskunstausstellung ihre Probleme mit dem Werk. Doping? In der DDR? Nie! Also nannte es Otto Plönnies trotzig „Die Augenbinde“. Das war ungefähr so, als würde man den Calbenser Roland „Der Helmträger“ nennen. Aber damit kam er durch, die Plastik wurde zur Ausstellung zugelassen.

Die Frage, wie lange er denn für eine Eichenfigur oder eine Eule aus Stein brauche, beantwortete Plönnies einmal mit einem Zitat des damals 70-jährigen Malers Niemeyer-Holstein: „Wenn man mich fragt, wie lange ich an diesem Bild gemalt habe, sage ich: 70 Jahre und 35 Minuten!“