Calbe/Schönebeck/Staßfurt l In genau einem Monat wäre es eigentlich soweit gewesen. Als erste Abiturprüfung hätten einige der rund 5700 Abiturienten in Sachsen-Anhalt die schriftliche Prüfung im Fach Geschichte am 27. April abgelegt. Hätten: Wäre da nicht das Coronavirus, wegen dem die Prüfungen verschoben wurde - nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern in ganz Deutschland.

Darauf hatten sich die die Bildungsminister der Bundesländer geeinigt – eine von aktuell wenigen gemeinsamen Lösungen. Wann die Abiprüfungen stattfinden sollen, will Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner (CDU) in den nächsten Tagen bekannt geben. Doch was bedeutet die Verschiebung der Abiturprüfungen für die Schüler, Lehrer und Gymnasien im Salzlandkreis? Wie gehen sie mit der aktuellen Situation und dem fehlendem Präsenzunterricht zur Vorbereitung auf die Abiturprüfungen um?

Zukunft im Visier

Eric Grube ist Schüler der Jahrgangsstufe 12 des Dr.-Carl-Hermann-Gymnasiums in Schönebeck, dessen Schulsprecher und steht selber als einer von 70 Schülern in Schönebeck kurz vor den Abiprüfungen, die er in Biologie, Deutsch, Geschichte, Französisch und Ethik mündlich ablegen will. Bis zuletzt habe er sehr auf die bislang geplanten Termine für die Abiturprüfungen gehofft „da viele in unserem Jahrgang bereits ihre Zukunft im Visier haben“. Verträge für Ausbildungen, duale Studiengänge oder ein FSJ (Freiwilliges soziales Jahr) seien bereits unterzeichnet.

„Grundsätzlich würde eine Verzögerung für uns alle bedeuten, dass der Bildungs- und Ausbildungssektor sich der zeitlichen Verschiebung anpassen muss. Prüfungen im Hochsommer nachzuschreiben, wäre nicht zumutbar, und schon findet man sich im September wieder, in dem beinahe alles beginnt oder sogar schon läuft“, argumentiert der Schulsprecher.

Lernen über Online-Plattform

Seine Lehrerin Antje Wieduwilt findet: „Eine Verschiebung um eine kurze Frist ist sicherlich problemlos machbar, wenn keine Bewerbungsfristen verstreichen.“ Sie ist Teil der erweiterten Schulleitung und koordiniert zusammen mit einem Kollegen die Arbeit auf der vom Land betreuten Lernplattform Moodle.

Denn lernen müssen die Schüler des Schönebecker Dr.-Carl-Hermann-Gymnasiums trotz der Schulschließung weiterhin. Das ist auch an den Gymnasien in Bernburg, Calbe und Staßfurt der Fall, wie die Schulleiter Steffen Schmidt (Gymnasium Carolinum Bernburg und Dr.-Frank-Gymnasium Staßfurt) und Rolf-Uwe Friederichs (Friedrich-Schiller-Gymnasium Calbe) mitteilen.

„Die Schüler bearbeiten von den Lehrern digital aufbereitete Lernangebote, lösen Aufgaben und reichen ihre Ergebnisse ein“, erklärt Antje Wieduwilt. Rückfragen und Feedback gebe es über die Lernplattform ebenfalls.

Letzte Klausuren stehen teils noch aus

Schulleiter Steffen Schmidt kann gleich für zwei Gymnasien im Salzlandkreis sprechen. Er ist sowohl Schulleiter des Dr.-Frank-Gymnasiums in Staßfurt als auch des Gymnasiums Carolinum in Bernburg. Seiner Meinung nach sollten die Prüfungen erst dann stattfinden, wenn „ein geordnetes öffentliches Leben das Ablegen der Prüfungen zulässt. Alles andere wird sich dann wieder einspielen.“

Das Land hatte angekündigt, allen Abiturienten die Wahl zu lassen, ob sie ihr Abitur an ersten, noch nicht festgelegten Terminen oder bei einer zweiten Runde im Juni machen wollen.

Drei Wochen Zeit bräuchten die Abiturienten des Friedrich-Schiller-Gymnasiums in Calbe laut Schulleiter Rolf-Uwe Friederichs, ab dem Zeitpunkt wenn der Schulbetrieb wieder startet, bevor die Schüler die Abiprüfungen überhaupt ablegen könnten. „In dieser Zeit könnten die restlichen Klausuren geschrieben werden, der stattgefundene ‚Online-Unterricht‘ eingebettet werden und eine Prüfungsvorbereitung stattfinden.“

Denn: In Calbe haben die Abiturienten noch nicht alle „normalen“ Klausuren geschrieben. Die seien in Bernburg und Staßfurt schon durch, wie Schulleiter Steffen Schmidt erklärt.

Kritik an der Lernplattform des Landes

Zeit einsparen könne man laut Rolf-Uwe Friederichs zwischen schriftlichen und mündlichen Abiprüfungen. Regulär liegen zwischen diesen Prüfungen einige Wochen. „Dieser Zeitraum kann in diesem Jahr unter den gegebenen Bedingungen eingekürzt werden“, findet er.

Derweil bereiten sich Eric Grube und seine Mitschüler trotz nicht feststehenden Prüfungstermin auf ihr Abi vor. „Dazu haben wir Lernkreise gebildet und einen Prüfungsstundenplan für meine Klasse erstellt, in denen wir uns über den Stoff austauschen.“ Per Videotelefonie über das Internet.

Denn mit der Lernplattform des Landes gebe es immer wieder Probleme. „Moodle ist scheinbar bei weitem nicht für die aktuelle Nutzungsfrequenz ausgelegt, denn es kommt regelmäßig zu Störungen und Überlastungen, und das stört unseren Heimbetrieb gewaltig“, kritisiert der Schüler und findet, dass das Bildungsministerium „absolut unzureichend“ auf eine Krise wie diese vorbereitet sei. „Es ist unzureichend, dass man erst nach einer Schulschließung beginnt, über ein Vorgehen zu beraten und uns Schüler in Unwissenheit lässt“, sagt er.

Was die mittlerweile verworfene Idee aus Schleswig-Holstein angeht, die Abiprüfungen ausfallen zu lassen und aus den bisherigen Leistungen einen Abidurchschnitt zu errechnen, sagt Eric Grube: „Das finde ich absolut daneben. Ich möchte einen vollwertigen Abschluss ohne Abstriche.“