Schönebeck l Kahlschlag. Anders lässt sich das nicht beschreiben, was auf dem Grundstück am Elbweg Mitte Dezember passiert ist. Nachdem Anwohner die Untere Naturschutzbehörde beim Salzlandkreis alarmiert hatten, wurde das weitere Abholzen gestoppt. Wie sich im Nachgang herausgestellt hat, lag für diesen Vorgang des Investors keine Fällgenehmigung vor. Die Stadt sowie der Landkreis prüfen nun, ob hier eine Ordnungswidrigkeit vorliegt. So viel zu dem bisher Geschehenen.

Die Emotionen vor allem bei den Anwohnern kochen weiterhin hoch. Sie üben nicht nur Kritik an der Beseitigung des kleinen Robinienwäldchens an sich. Für sie ist grundsätzlich unverständlich, warum überhaupt das Grundstück von der Stadt verkauft worden ist.

Ist das Grundstück unter Wert verkauft worden? Was ist an privater Wohnnutzung als touristisches Potenzial zu sehen?... Kerstin Mainka und Sven Schwatlo aus Schönebeck haben sich mit der Materie genau beschäftigt. Sie bringen hierbei unter anderem die Begriffe Biosphärenreservat und Baudenkmäler ins Spiel. Müssen also bei einer möglichen Bebauung die Richtlinien des Biosphärenreservats beachtet werden? Gilt das gesamte Ensemble an der Elbe mit den Salinehäusern als Baudenkmal?

Offene Fragen

Das sind Fragen, die aus Sicht der Anwohner geklärt werden sollen, bevor Baurecht geschaffen wird. Ihre Kritik richtet sich sowohl an den Investor als auch an die Stadträte, die im August 2016 dem Verkauf der Grundstücksfläche zugestimmt hatten. Nun werden sich die ehrenamtlichen Mandatsträger erneut mit dieser Fläche beschäftigen. Denn der Stadtrat soll während seiner Sitzung am 2. Februar über den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan für diese Fläche entscheiden. Vorberaten wird das Thema am kommenden Montag, 9. Januar, im Bauausschuss (17 Uhr, Großer Sitzungssaal im Rathaus).

Dem entsprechenden Beschlussvorschlag ist zu entnehmen, was der Grundstücksbesitzer hier an der Elbe vor hat: „Die Reederei Süßenbach plant eine Weiterentwicklung des Unternehmens am Standort Schönebeck. Neben der Fahrgastschifffahrt und der Sportbootschule sollen der Ausbildungsstandort der Schiffsführer im Bereich der Elbe-Wasserstraße entwickelt und in diesem Zusammenhang ein Schulungs- und Trainingsbereich aufgebaut werden.“ Hinzu treten, so heißt es in der Beschlussvorlage, benötigte Flächen für den ruhenden Verkehr.

Zählt Biosphärenreservat?

Und: „Darüber hinaus soll der neue Betriebsstandort auch Wohnstandort der Reederei-Familie werden. Hierzu wird eine räumliche Veränderung des Schifffahrtskontors notwendig, da am aktuellen Standort in der Baderstraße keine ausreichenden Entwicklungsmöglichkeiten vorhanden sind.“

Die Reederei Süßenbach ist seit 2008 in Schönebeck ansässig. Das Schifffahrtsunternehmen betreibt neben der Sportbootschule das Fahrgastschiff MS „Marco Polo“, welches am Schiffsanleger am Salzblumenplatz liegt. Für die Volksstimme ist die Familie Süßenbach nicht erreichbar gewesen, um ihr Konzept genauer vorzustellen oder auf die Kritik der Anwohner einzugehen.

Konzept ist schlüssig

Dafür betonen die Vorsitzenden der Stadtratsfraktionen auf Volksstimme-Nachfrage, dass sie nach wie vor hinter ihrer Entscheidung für den Grundstücksverkauf stehen. „Das Konzept ist schlüssig und der Nutzungszweck passt“, sagt Frank Schiwek (SPD). Wie er weiter mitteilt, hatte seine Fraktion Tobias Süßenbach als Antragsteller eingeladen, wo-raufhin dieser sein Konzept im persönlichen Gespräch vorgestellt habe. Aus Sicht der SPD ist die Entscheidung für den Grundstücksverkauf als Wirtschaftsförderung zu verstehen. Ähnlich sieht das Torsten Pillat (CDU). „Die Wirtschaftsförderung für ein kleines mittelständisches Unternehmen war für uns der Hauptgrund“, sagt er. „Das hört sich nach einem interessanten Angebot an“, beurteilt Sabine Dirlich (Linke) das Vorhaben der Reederei. Ihrer Meinung nach trägt dieser Schritt zur Belebung der Region bei. „Dass die Robinien ohne Fällgenehmigung gefällt worden sind, das steht auf einem ganz anderen Blatt“, sagt sie.

Ebenfalls vom Konzept überzeugt zeigen sich Reinhard Banse (FDP/Rettet die Altstadt) und Thoralf Winkler (Grüne) auf Volksstimme-Nachfrage. Unabhängig von der vermutlich illegalen Baumfällung nennt Thoralf Winkler einen weiteren Gesichtspunkt, den er verfolgen möchte. „Ich möchte, dass die Stadt Einfluss nehmen kann auf die Gestaltung des Uferbereichs“, sagt er. Möglich sei das zum Beispiel mit einer Gestaltungssatzung, die er im Stadtrat anstreben werde.

Wichtige Aufwertung

Und was sagt überhaupt die Stadtverwaltung zu dem Thema? „Die Stadt hat ein großes Interesse, einem ortsansässigen und landesweit angesehenen Tourismus-Unternehmen Bestandssicherheit zu gewähren und in Schönebeck zu halten“, sagt Hans-Peter Wannewitz, Sprecher der Stadt. Aus Sicht der Stadt, so der Sprecher, verfügt die Firma mit ihrem touristischen Netzwerk über ein für die Stadt relevantes wirtschaftliches Potenzial, das jede Unterstützung verdiene. „Immerhin geht es um nicht weniger als eine weitere Aufwertung unseres städtischen Elbufers“, führt er aus.

Des Weiteren berichtet er, dass sich die Reederei ursprünglich um den Cokturhof beworben hatte. „Die Zusammenarbeit von Salzlandkreis, Stadt und dem Unternehmen trug jedoch zunächst keine Früchte, weil der Kaufantrag durch den dafür zuständigen Kreistag abgelehnt worden war“, sagt Hans-Peter Wannewitz. Infolge dieser Entwicklung hatte seinen Ausführungen nach die intensive Suche nach einem Ausweichstandort für das Investvorhaben beginnen. „Aber die möglichen Alternativen in Schiffsanlieger- und Elbnähe waren begrenzt“, sagt er. Und: „So kam es durch einen einstimmigen Stadtratsbeschluss zum Verkauf des jetzt in Rede stehenden Grundstückes an dieses Unternehmen.“

Eine Ausschreibung, die unter anderem die Kritiker anmahnen, sei für einen Grundstücksverkauf gesetzlich nicht notwendig, sagt Hans-Peter Wannewitz.