Zens l Die Koffer sind schon wieder gepackt. Zwischen den Arbeitsorten Norwegen und Schottland liegen nur zwei Tage Freizeit. Eine kurze Auszeit daheim in Zens für Sabine Lichtenfeld. Eine Gruppe ist verabschiedet, da wartet schon die nächste. Stress? Die 56-Jährige schüttelt vehement den Kopf. Sie ist in ihrem Element. Schließlich kann sie ihren Traum als Reiseleiterin ausleben. Endlich ... Der Weg dahin ist alles andere als gradlinig gewesen.

Rückblick: 1981 macht die gebürtige Burgerin ihr Abitur. Sie ist eine gute Schülerin. Am leichtesten fallen ihr die Sprachen. Ihre Lehrerin empfiehlt den Eltern, ihre Tochter auf eine Sprachschule zu schicken. Nach Tangermünde oder Calbe. „Meine Mutter hat sie nicht mal ausreden lassen. Ich sollte nicht weggehen. Schade“, bedauert Sabine Lichtenfeld.

Sie lässt sich nicht entmutigen, schreibt ein gutes Abitur. „Ich dachte, dass mir die Welt offen steht und ich mir aussuchen kann, was ich studieren will: Journalismus oder Sprachen“, gibt sie zu und lacht über ihre jugendliche Naivität. Was sie nicht bedenkt: Im April 1981 hätte ein Parteibuch vielleicht hilfreich sein können. Das lehnt sie ab. Bezüglich eines Berufswunsches ist sie nun ratlos. Ärztin, wie von den Eltern gewünscht, konnte sie sich nicht vorstellen. „Aber meine Schule hatte sich natürlich auch Gedanken gemacht. Nachdem ich keine Lehrerin werden wollte, hatte mein stellvertretender Schulleiter an der Ingenieurhochschule Merseburg einen Platz für mich reserviert: Diplomingenieurin für Schweißtechnik sollte ich werden. Da habe ich schallend losgelacht und gesagt: Dann gehe ich in die Produktion“, erinnert sich Sabine Lichtenfeld. Da ist sie 18.

Lohnrechnerin in Burg

Sie fängt als Lohnrechnerin im Burger Bekleidungswerk an, das Uniformen für die Nationale Volksarmee herstellt. Die Zeit möchte sie nicht missen. „Das ist ein interessantes Jahr gewesen. Am Puls der Zeit. Ich habe viel über die DDR erfahren, über die Wirklichkeit fernab von Intellektuellen. Das war wie eine andere Welt.“ Mit ihren jungen Jahren lernt sie schon, Verantwortung zu übernehmen. Sie ist alleine für die Gehaltsrechnung zuständig. Kindergeld, Nacht- und Meisterzuschläge, Rente – alles ist einst im Betrieb ausgezahlt worden. „Ich habe wirklich bei jedem etwas verkehrt gemacht, aber mit den Nachzahlungen viel gelernt“, räumt sie schmunzelnd ein.

Sie merkt jedoch schnell, dass das nicht ihre berufliche Zukunft ist und will nun doch – zur großen Freude der Eltern – studieren. Der Vater hilft, eine Zulassung zur Eignungsprüfung für Sprachmittler an der Humboldt-Universität Berlin zu bekommen. Den Test besteht sie, einen Studienplatz in Berlin bekommt sie nicht. „Lag‘s an der ‚West-Oma‘? – Leipzig nimmt Leute wie dich, lautete die Empfehlung“, erinnert sich Sabine Lichtenfeld. „Erst nach der Studienaufnahme 1982 wurde uns bewusst, dass wir keinen Hochschulabschluss erwerben werden, da wir nur in Russisch die komplette Ausbildung bekamen, aber in Englisch, unserer Zweitsprache, nur eine Sprachkundigenprüfung ablegen sollten.“ Damit sind die beruflichen Einsatzmöglichkeiten beschränkt.

„Mir war das wurscht, ich wollte eh ausschließlich zum Reisebüro der DDR, am liebsten in Leipzig.“ Doch da gibt es ja noch die Studienlenkung. „Vorgesehen war ich für das Schwermaschinenkombinat Ernst Thälmann in Magdeburg“ Erneut Widerspruch, diesmal fast erfolgreich: Am 1. September 1985 fängt sie bei der Bezirksdirektion Berlin des Reisebüros der DDR als Reiseleiter/Dolmetscherin an.

Stadtbilderklärerin

Sie arbeitet fast ausschließlich mit Touristen aus der Sowjetunion, erwirbt in dieser Zeit Lizenzen als sogenannte Stadtbilderklärerin (Gästeführerin) in Berlin, Leipzig und Magdeburg.

Auf ihrer Terrasse in Zens kommt Sabine Lichtenfeld beim Blick auf die vergangenen Zeit ins Schwelgen. „Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt, die mich sehr geprägt haben“, sagt sie. „Ich könnte ein Buch schreiben: ,Aus dem Leben einer Reiseleiterin‘.“ Da seien die Gäste aus Magadan gewesen, die nördlichste von Menschen bewohnte Stadt der Welt. „Irre, was sie erzählt haben, die Urenkel, Enkel, Kinder von Stalin-Verfolgten.“ Oder die Soldaten des Zweiten Weltkrieges. „Das war so berührend, was sie erzählt haben. Sie standen mit Tränen in den Augen am Brandenburger Tor, wollten auf den Reichstag, hatten sie doch damals da die Fahne gehisst.“ Oder die eine Kasachin, die zehn Söhne hatte. „Sie hat zu mir gesagt: Ich bin die Mutter, ich entscheide über die Schwiegertochter. Und dann fragt sie mich wirklich, welchen ihrer zehn Söhne ich haben will.“

Sie hält kurz inne, die Erzählungen von einst werden gerade wieder vor ihren Augen lebendig. Sie braucht einen Moment, muss sich sammeln. Zu viele Emotionen ...

1988 wird ihre erste Tochter geboren, die junge Familie zieht nach Magdeburg. Sie tauschen eine Einraumwohnung ohne Balkon in Hohenschönhausen gegen eine Dreiraumwohnung Altbau mit Fernwärme in Magdeburg.

Burg-Berlin-Magdeburg-Zens

1991 kommt ihre zweite Tochter zur Welt. Der Familie ist klar: Sie braucht eine größere Wohnung. Ein Bekannter erzählt von einem Haus in Zens, das frei wird. An einem Sonntag fahren sie es sich anschauen. Es ist das heutige Grundstück der Familie Feldbach, auf dem Pfingstsonnabend seit Jahren „Dixieland non stop“ stattfindet. „Was Feldbachs daraus gemacht haben – einfach toll!“, schwärmt sie. Doch für sie sei es damals nichts gewesen, es hätte einfach noch zu viel Hand angelegt werden müssen. Doch ihr Makler hatte da noch ein Haus, so gut wie nebenan. „Das ist es gewesen“, sagt sie heute, während sie den Blick über Haus und Garten schweifen lässt. „Burg – Berlin – Magdeburg – Zens. Wir sind hier wirklich sehr freundlich aufgenommen worden“, betont die heute 56-Jährige.

Sabine Lichtenfeld will wieder Arbeit finden. Doch nach der Wende und mit zwei Kindern ist das gar nicht so einfach. Sie ist kurzzeitig bei einer Werbeagentur im Büro. Wird dann beim Fremdenverkehrsverein Elbe-Saale-Auen von jetzt auf gleich Geschäftsstellenleiterin.

Dann die nächste Herausforderung: Die Kurverwaltung Bad Salzelmen sucht einen Marketing-Mitarbeiter. Sie bewirbt sich, wird genommen und setzt mit ihrer Leiterin Ines Grimm-Hübner viele Ideen um: Ostereiertrudeln am Hexenhügel, Aufführung des Defa-Films „Das Vorspiel“ – „Wir hatten sogar zwei Hauptdarsteller zum Interview da.“, Lichterfest, Kulinarische Nacht. Sabine Lichtenfeld übernimmt immer die Moderation. Es macht ihr nichts aus, im Gegenteil. Ihre Auftritte werden immer ausgereifter.

Nebenher schreibt sie für die Volksstimme, fasst beim Radio als Honorarkraft Fuß, ist Ansagerin beim lokalen Fernsehen. Sie ist wieder da, geht in ihrer Rolle auf. Die Jahre vergehen. Die Kinder wachsen heran. Dann ist er da, der erste Urlaub ohne Kinder. „Wir sind nach Edinburgh geflogen und dann mit dem Bus weiter“, erinnert sie sich noch genau. Nach 20 Jahren Reise-Abstinenz. „Ja, ich gebe zu, ich hatte wieder Lunte gerochen. Aber ich hatte das ja alles ad acta gelegt.“ Fünf Jahre später die nächste Tour. Ihr Mann und sie gehen auf Busreise über Korsika und Sardinien. „Die Reiseleiterin wirkte unsicher und schlecht vorbereitet. Es ging einiges schief. Nach drei Tagen bot ich meine Hilfe an. Das weckte Sehnsüchte, die damals noch nicht erfüllt werden konnten.“

Die Kinder gehen noch in Calbe zur Schule, und Sabine Lichtenfeld ist in der Marketing- abteilung eines Magdeburger Unternehmen tätig. „Dann veränderten sich die Bedingungen für mich, und ich sah meine Chance, mich noch einmal beruflich zu verändern.“ Da ist sie 52.

Die Wende macht es möglich

Sie wirft alle Grübeleien über Bord. Seit Mitte 2016 ist sie selbständige Reiseleiterin, arbeitet für verschiedene Unternehmen in verschiedenen Ländern, begleitet deutsche Gäste weltweit.

Sabine Lichtenfeld kann ihren Traum leben. Die Wende hat es möglich gemacht.

Sie sieht die Welt, sie zeigt die Welt. „Ich kann meinen Job so ausleben, wie ich es immer wollte.“ Auf sieben Tage Tirol folgen drei Tage in Zens, dann vier Tage Lüneburg. Zum Beispiel. In diesem Jahr geht es noch in die Hohe Tatra und nach Irland, Kuba und Kroatien hat sie schon hinter sich. Wenn sie Ostern oder Silvester Touren hat, ist ihr Mann mit dabei. „Ein sehr angenehmer Gast“, sagt sie augenzwinkernd.

Familie trägt es mit

Dass sie ihren Traum ausleben kann, ist für sie „eine Gnade des Schicksals“. „Aber, ganz ehrlich, ohne die große Unterstützung meines Mannes wäre das und einiges andere nicht möglich gewesen. Ich freue mich jeden Tag aufs Neue, dass es so ist und dass meine Familie es mitträgt.“ Zumal ihr bewusst ist, dass sich bei Termin- absprachen alle nach ihrem Kalender richten müssen. Für 2020 steht da auch schon ein Moderationstermin fest: die Jazz-Nacht in Magdeburg.

„Sprachmittlerin zu werden, war ein Wunsch tief in mir. Ich wollte schon immer helfen, dass ganz unterschiedliche Menschen zusammenkommen und ich ihnen helfen kann, dass sie sich verstehen. Das ist auch ein Beweggrund für mich, im Winter, wenn wenige Reisen anstehen, in Magdeburg Deutsch für Ausländer zu geben und dabei auch Einblicke in unser Leben“, erzählt Sabine Lichtenfeld. „Genauso möchte ich nicht nur Bauwerke betrachten und bestaunen, sondern Menschen treffen, mit ihnen sprechen und möglichst viel über ihr Leben und ihre Geschichte erfahren.“

Rapallo - wie das Paradies

Und welche Reiseziele findet sie besonders schön? „Flandern, ich liebe aber auch London und Kuba“, schwärmt sie. „Und die italienische Stadt Rapallo. Als ich die Promenade entlang gefahren bin, liefen mir die Tränen. So muss das Paradies aussehen.“

Nach der laufenden Saison, die vom 1. November 2018 bis 31. Oktober 2019 geht, wird sie 188 Tage unterwegs gewesen sein, etwa 55 Ein- und Mehrtagesfahrten mit insgesamt rund 1900 Gästen begleitet haben.

Jede einzelne Reise bereitet ihr Freude, betont Sabine Lichtenfeld. Aber immer auch das Heimkommen ...