Schönebeck l Die Silvesterkonzerte der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie sind eigentlich Veranstaltungen für ganzjährig sehr beschäftigte Klassik-Freunde. Denn wer es in den vergangenen zwölf Monaten zu keinem der Konzerte des Orchesters geschafft hat, dem verschafft Musikdirektor Gerard Oskamp kurz vor dem Jahreswechsel noch einmal die Chance, die Höhepunkte der vergangenen Wochen und Monate quasi im Zeitraffer zu erleben.

„2016 ade“ überschrieben, könnten die beiden Konzerte im Gründer- und Innovationszentrums (IGZ) Inno-Life auch „Willkommen 2017“ heißen. Denn neben einem Rückblick geht es natürlich darum, die kommenden Projekte schon einmal ins Bewusstsein zu rücken. Um es vorweg zu nehmen, der Spagat ist geglückt. Vielleicht auch, weil im vergangenen Jahr, O-Ton Oskamp, „so viel passiert ist“.

Denn das Orchester hat beinahe eine kleine Weltreise unternommen, hat in Südkorea, Portugal, Berlin und, nicht zu vergessen, gleichzeitig an drei verschiedenen Standorten in der Kreisgrabenanlage Pömmelte gespielt.

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Botschafter für Schönebeck

Kultische Verehrung, wie in Pömmelte einst zelebriert, hat der Niederländer indes nicht nötig. Vielmehr wolle er, so sagt er im Auditorium des IGZ, mit seinem Ensemble ein Botschafter für Schönebeck, den Salzlandkreis und Sachsen-Anhalt sein.

Ziemlich überzeugend ist das im Französischen Dom in Berlin gelungen. In Erinnerungen an den Auftritt schwelgen die Musiker mit der Sinfonie Nr. 3 in C-Dur des englischen Komponisten William Boyce. „Ein kleines Juwel“, so Gerald Oskamp. Noch spannender wird es, wenn der Niederländer seine musikalischen Fundstücke des vergangen Jahres präsentiert.

Denn, so die Erkenntnis, nach 40 Jahren, mit über 1000 Konzerten, über 120 verschiedenen Orchestern und der Beschäftigung mit vermeintlich sämtlicher Literatur, gelingt es auch dem Niederländer, noch „Perlen zu entdecken“. So hat Oskamp unter anderem den „Elfentanz“ eines schwedischen Komponisten zutage gefördert. „Haben Sie die Elfen auch tanzen gesehen?“, fragt er die Zuhörer nach der Darbietung seines Orchesters.

Portugal-Tour

Ganz ohne tanzende Fabelwesen musste das Orchester auf seiner letztjährigen Portugal-Tour auskommen. Vier Auftritte, darunter im imposanten Theater von Braga und in einem SOS-Kinderdorf, standen im Land des Fado auf dem Programm.

Die Kammerphilharmonie setzte anstatt portugiesischer Folklore dann doch besser auf die klassische Karte. Brahms etwa. Das 1. Cello-Konzert, dargeboten mit Unterstützung der fabelhaften Cellistin Elena Tkachenko.

Applaus und Blumen

Für die erneute Interpretation erhält das Orchester beim Silvesterkonzert einen warmen Applaus vom Publikum und Tkachenko zudem einen Strauß Blumen. Weiter mit der Rückschau: Mit der Wolfenbütteler Sinfonie von Carl Christian Agthe (1762 bis 1797).

An dieser Stelle wagt Oskamp einen Ausblick ins neue Jahr, denn es wird eine CD erscheinen. Die Kammerphilharmonie hat sich am besagten sachsen-anhaltischen Komponisten, auch „Mozart vom Mansfelder Land“ genannt, versucht. Zu viel versprochen ist diese Etikettierung nicht, denn der Salzburger Komponist steht bei Agthe unverkennbar Pate.

Immer nach der Pause: Orchester spielt „verrü

Nach der Pause, so Oskamp, spiele das Orchester dann ganz gern mal „verrückt“, das wüssten vor allem die Stammbesucher des Operettensommers.

Auf die Ouvertüre aus Strauss‘ Fledermaus müssen sich die Besucher aber noch etwas gedulden. Zunächst gibt es einen weiteren Vorgriff auf das Programm 2017. Die Neujahrskonzerte stehen unter dem etwas sperrigen Motto „Bekannte Werke - Große Solisten. Von Kopf bis Fuß auf Kino eingestellt - Filmmusik von Stummfilm bis 3D“. Die Musik ist weitaus gefälliger als der Titel der Veranstaltung. Kostprobe? Nino Rotas Soundtrack zu „Der Pate“ von Francis Ford Coppola. Das sogenannte Liebesthema ist legendär. „Parla Più Piano“ (deutsch so viel wie: Sprich leiser) der Titel. Die Kammerphilharmonie intoniert es mit erhabener Ernsthaftigkeit. „Und: Hat das Appetit auf mehr gemacht?“, fragt Oskamp. „Jaaaa“, tönt es lautstark aus den Reihen.

Bewährte Klassiker

Damit haben sich die Anwesenden dann doch noch ein Stück Sommer mitten im Winter verdient: Strauss‘ Fledermaus. Die Ouvertüre präsentiert das Orchester mit der nötigen Dynamik. Danach hat sich Chefdirigent Oskamp ein prickelndes Gläschen Sekt – oder ist es Champagner? – auf der Bühne verdient. Denn einige Zugaben kommen noch. Unter anderem bewährte Klassiker wie Brahms Ungarischer Tanz Nr. 5 oder Offenbachs „Höllen“-Cancan aus der Operette „Orpheus in der Unterwelt“.

Nach drei Zugaben und Applaus geht es dann aber unweigerlich hinaus in die kalte Schönebecker Nacht. Und wenn für den einen oder anderen die Zeit im kommenden Jahr wieder zu knapp bemessen ist, um sich einen der Auftritte der Kammerphilharmonie anzuschauen, dann gibt es ja noch immer Gerard Oskamp. Der wird die vielbeschäftigten Klassik-Fans sicher nicht hängen lassen – und zum Jahreswechsel 2017/18 wiederum mit einem Mix aus Rückschau und Ausblick aufwarten.

Wer eines der zehn Neujahrskonzerte unter anderem in Pretzien, Barby, Bad Salzelmen, Kleinmühlingen oder Magdeburg besuchen möchte, kann unter der Rufnummer (03928) 40 04 29 Karten bestellen. Los geht es heute um 19.30 Uhr in Staßfurt. Weitere Informationen im Internet unter www.mitteldeutsche-kammerphilharmonie.de.