Schönebeck l Als Heinz Werner Spandau im Jahr 1928 geboren wird, ist die Welt noch eine andere als heute. Die „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht wird uraufgeführt, mit dem Luftschiff werden Fahrten in die Polarregion durchgeführt, in Afrika herrscht noch die Sklaverei und – man beachte – die Visumspflicht zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien wird aufgehoben. Zu dieser Zeit wächst in der Elbestadt ein Steppke auf, der wenige Jahre später eine Liebe entdeckt, für die er heute noch Feuer und Flamme ist.

Der Tennissport ist und wird auch seine große Leidenschaft bleiben. „Den ersten Kontakt hatte ich als kleiner Junge“, erinnert sich Karl-Heinz Spandau. Gemeinsam mit seinem Bruder schauten die beiden Knirpse den Schönen und Reichen bei diesem besonderen Sport zu. Und die beiden verdienen damals ihr erstes Geld. „Wir durften damals die Bälle aufsuchen – für 15 Pfennig die Stunde“, so Spandau.

Nach dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte befindet sich der Tennisplatz nicht mehr in einem bespielbaren Zustand. Der frühere Balljunge will nun selbst spielen und engagiert sich mit anderen, den Court wieder aufzubauen. Auch in der Leitung des noch jungen Vereines übernimmt Karl-Heinz Spandau Verantwortung. Und die Liste seiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Verein ist so lang, dass sie an dieser Stelle nur bruchstückhaft wiedergegeben werden kann. „Im Verein BSG Chemie Schönebeck war ich von 1949 bis 1989 im erweiterten Vorstand und 2. Vorsitzender des Vereines“, berichtet der Schönebecker.

In dieser Zeit spielt er nicht nur in der 2. und 1. Herrenmannschaft, sondern ist von 1955 bis 1982 auch Leiter der Spiel- und Wettkampfkommission und damit verantwortlich für den gesamten Spielbetrieb. Spandaus Erfolge können heute noch im Vereinsraum auf dem Tennisplatz bewundert werden. Und noch einen Sieg erringt der junge Mann in der Tennisabteilung: Dort lernt er seine spätere Frau kennen. Spiel, Satz, Sieg.

Sport der Doktoren und Reichen?

Die Anfangszeit der DDR ist schwierig. Tennis gilt bei den Oberen als verpönt als der Sport der Doktoren und Reichen und nicht der Arbeiter und Bauern. Erst später, als sich sportliche Erfolge auch auf höherer Ebene einstellen, dreht sich das Blatt. „Trotzdem war es zu Beginn schwierig, alles zu bekommen: Zaun, Netze, Bälle. Aber diese Probleme waren später überwunden“, erinnert sich Karl-Heinz Spandau, der in Sachen Schönebecker Tennis schon fast als eine Legende zu bezeichnen ist.

Nach der Gründung des Schönebecker Sportclubs (SSC)ist „der Lange“, wie er von Sportfreunden gerufen wird, von 1990 bis 2013 als Schatzmeister tätig. Heute ist er Ehrenmitglied und hat Goldene Ehrennadeln an die Brust geheftet bekommen wie andere Punkte beim Einkaufen sammeln. Inzwischen glänzt das üppige Gold so sehr, dass den Verleihern bereits die Auszeichnungen ausgehen – Karl-Heinz Spandau hat sie längst alle.

Wenngleich er nicht mehr selbst aktiv sein kann, Zuschauer ist der Schönebecker nach wie vor gern. „Tennis ist eben ein schöner Sport“, berichtet der Rentner. „Körper und Geist werden gefordert.“ Vor drei Jahren hat der heute 88-Jährige das letzte Mal einen Schläger in der Hand.

Karl-Heinz Spandau ist nicht nur seit sage und schreibe 71 Jahren Mitglied im Verein, sondern erlebt Vereinsgeschichte von Beginn an: zunächst den Aufbau bei BSG Chemie, dann den Aufbau vom SSC und ab kommenden Freitag den Aufbau von Union. Nur mit der letzten Entscheidung kann sich der Tennisspieler nicht so richtig anfreunden. Aber den neuen Weg überlässt er ja auch der jüngeren Generation, sollen sie mal machen.