Schönebeck l Wie es in einer Kita abläuft, weiß jedes Kind. Es gibt feste Zeiten für Frühstück, Mittag, Teepause, für Mittagsschlaf und Gesprächskreis. Wenn das Wetter mitspielt, gehen alle raus – wenn nicht, nicht. Es gibt Gruppenräume und die Gruppen haben zumeist Namen wie „Racker“, „Meisen“, „Forscher“. Es gibt Mittagskinder und andere, die es gerne sein wollen. Und um 17 Uhr, spätestens, werden alle Kinder abgeholt.

Nun soll in Schönebeck aber eine neue Kita entstehen, bei der einiges ganz anders sein wird. So können sich hiesige Firmen in diese Einrichtung quasi einkaufen: Ein Kita-Platz kostet rund 22.500 Euro. Der steht dann einem Mitarbeiter beziehungsweise dessen Kind zur Verfügung. Insgesamt sollen 28 solcher Plätze angeboten werden, insgesamt soll die Kita Platz für 60 Kinder haben. Und die müssen nicht zwangsläufig bis spätestens 17 Uhr von ihren Eltern abgeholt werden. Sie können auch länger bleiben. Sogar über Nacht.

Standort in Bahnhofsnähe

Entstehen soll diese Rund-um-die-Uhr-Betreuungssstätte unweit des Schönebecker Bahnhofes. Hier will ein großer Schönebecker Wohnungsvermieter in den nächsten Jahren ein Wohnviertel neu errichten lassen. Die Kita soll Teil des Ganzen sein. Die Mehrheit der Schönebecker Stadträte findet die Idee gut. Ein entsprechend positives Votum hat es bereits im Sommer gegeben (Volksstimme berichtete). Zwar müsste dann, mit Eröffnung der „Kita im Schillergarten“, die Kindertagesstätte in Grünewalde schließen, aber das wird von den Stadträten mehrheitlich akzeptiert. Die Grünewalder Einrichtung sei ohnehin sanierungsbedürftig und zudem hochwassergefährdet, heißt es zur Begründung.

Mit dem Salzlandkreis, der in Sachen Kita ein Wörtchen mitzureden hat, sei das Projekt besprochen worden, heißt es im Rathaus. Die Verantwortlichen der Stadt Schönebeck sind von der Idee fast schon begeistert, denn sie, die Stadt, müsste nicht einen Cent dazu bezahlen. Eine geschenkte Kita also, noch dazu mit zukunftsweisendem Charakter. Wer macht denn solche Geschenke?

Die Städtische Wohnungsbau GmbH (SWB). Natürlich kann von Geschenk nur eingeschränkt die Rede sein. Dass sich das alles rechnen muss, ist SWB-Geschäftsführerin Sigrid Meyer klar. Die Arbeitsphase, sagt sie, habe jetzt begonnen. Firmen hatten bis Ende Oktober Zeit, ihr Interesse an Kita-Plätzen anzumelden. Es gebe ausreichend Interesse, versichert Sigrid Meyer. Ein finanzielles Risiko sieht sie für die Firmen nicht. Wenn ein Kita-Platz nicht mehr benötigt wird, kann er wieder verkauft werden und zwar für den Ankaufspreis. Findet sich keine andere Firma, kauft die SWB den Platz zurück, das werde vertraglich geregelt. Sollte überhaupt keine Firma Bedarf haben, stehe der Platz der Bevölkerung zur Verfügung. „Es gibt für keinen ein Risiko. Auch kleine Firmen können das stemmen“, meint die SWB-Geschäftsführerin. Sie plant die Plätze Hälfte/Hälfte an Firmen beziehungsweise frei zu vergeben. „Einen Kita-Platz kaufe ich selbst“, sagt sie für die von ihr geleitete SWB.

Träger soll Arbeiterwohlfahrt sein

Träger der Schillergarten-Kita soll die Arbeiterwohlfahrt (Awo) sein. Die Geschäftsführerin des Schönebecker Awo-Kreisverbandes, Ines Grimm-Hübner, beurteilt diesen Weg als gangbar. Keine Erzieherin würde durch die Schließung der Grünewalder Kita, die sich in Trägerschaft der Awo befindet, arbeitslos. Sie erhalten, wie die Kinder, sehr moderne Bedingungen, betonen beide Frauen unisono. Beiden ist bewusst, dass hier Neuland betreten wird. Rund-um-die-Uhr-Kitas gibt es in Deutschland bislang nur wenige. Aber ist eine 24-Stunden Betreuungszeit wirklich notwendig? Ist das im Sinne der Kinder? Sigrid Meyer: „Es gibt nicht wenige alleinerziehende Elternteile, die in Nachtschichten arbeiten. Sie haben oft ein schlechtes Gewissen. Deshalb wollen wir erstens ein solches Angebot vorhalten und zweitens den Bereich der Kita, in dem die Kinder über Nacht bleiben, wie eine Wohnung herrichten. Mit Wohlfühlatmosphäre. Es soll für sie wie ein zweites Zuhause sein.“

Das aber verloren geht, wenn das Schulalter erreicht ist. „Nein“, versichert die SWB-Chefin, „das Angebot besteht bis zum zehnten Lebensjahr eines Kindes, wenn das gewünscht ist.“ „Bahnbrechend“ nennt Sigrid Meyer das Konzept. Doch sie sieht auch einen noch zu bewältigenden steinigen Weg. Die Kita Schillergarten muss mit der geltenden Gesetzeslage für Kinderbetreuung (das viel diskutierte KiFöG) in Einklang gebracht werden. Was ihr aber schon einmal Mut macht, sind der von Firmenvertretern geäußerte Zuspruch und ebenso die Äußerungen von Kollegen aus der deutschen Wohnungswirtschaft. „Mehrere haben mir gesagt: `Warum bin ich nicht darauf gekommen`.“