Schönebeck l Sie wollte eine zehnte Klasse als Fachlehrerin Deutsch noch bis zur Prüfung führen. Das ist ihr Ziel gewesen, das hat sie gemacht. Seit dem neuen Schuljahr bereitet Dagmar Bitterlich nun langsam ihren Abschied vor. Die Leiterin der Sekundarschule „Maxim Gorki“ in Schönebeck hätte schon mit 63 Jahren in den Ruhestand gehen können. Wenn da nicht dieser Plan mit den Zehntklässlern gewesen wäre ...

Nun wird sie die Schule Ende Januar verlassen. Ihre Nachfolgerin ist Kerstin Gundlach. Eine Kollegin aus dem eigenen Team. Es beruhigt zu wissen, dass Lehrer und Schüler in gute Hände kommen.

Sie geht mit gemischten Gefühlen

Dagmar Bitterlich geht mit gemischten Gefühlen. Immer wieder betont sie, wie schön es doch ist, in Kinderaugen zu schauen, die einen anlachen. Immer wieder spricht sie von ihrer „tollen Mannschaft“, ihrem Kollegium. „Ich verlasse das Schiff, aber die Gorkischule wird auf Kurs bleiben“, da ist sie sich sicher. Heute wird es nicht nur ein Schulfest geben. Gäste wollen sie verabschieden. Und sie möchte „Auf Wiedersehen“ zu Kollegen und Schülern sagen. „Klar werden Tränen fließen“, dessen ist sie sich bewusst. Und während sie so über die letzten offiziellen Tage an der Schule spricht, muss sie die ersten Tränchen schon zurückhalten. Die Gefühle übermannen sie. Verständlich, übt sie diesen Beruf doch mit Leib und Seele und ganz viel Herzblut aus.

Schon in der fünften Klasse stand für die gebürtige Wismarerin fest: Ich will Lehrerin werden. „Mein jüngerer Bruder musste immer herhalten“, erzählt sie schmunzelnd über ihre heimischen Versuche des Unterrichtens. Später studierte sie Deutsch und Geschichte in Leipzig. „Eine gute Fügung – dort habe ich meinen Mann kennengelernt.“ Ihr erstes Dienstjahr hat sie in Wurzen verbracht. Dann hat sie geheiratet, ist schwanger geworden. Die Wohnungsnot hat sie nach Schönebeck verschlagen. Im Heizkesselwerk hat ihr Mann, ein studierter Gießeringenieur, Arbeit bekommen und damit die junge Familie eine Wohnung. Dagmar Bitterlich geht an die Komarowschule (später Gymnasium am Malzmühlenfeld), übernimmt als Klassenlehrerin eine fünfte Klasse und auch einige Funktionen mit Verantwortung.

Sie war 32, als man sie fragt, ob sie sich vorstellen könne, die Polytechnische Oberschule (POS) Ludwig Schneider zu leiten. Und ja, sie hat sich „auf das Abenteuer Schulleiter eingelassen“. „Ich war sehr jung und wollte vielleicht zu viel ändern. Aber ich traf glücklicherweise ein aufgeschlossenes Kollegium. Wir haben gut zusammengearbeitet, es war eine schöne Zeit“, resümiert sie. Dann kam die Wende. Eine turbulente Zeit. Neue Impulse, Umstrukturierungen. „Da war ich etwas blauäugig. Ich dachte, alles bleibt wie gehabt“, räumt sie ein. Doch die Schneiderschule wurde Grundschule. Sie bewarb sich für die Neruda- und für die Gorkischule. Ist es wieder gute Fügung, dass sie 1991 für die Gorkischule genommen wurde? Die Nerudaschule gibt es seit 2011 nicht mehr.

Ähnliche Situation im Jahr 2003

Eine ähnliche Situation 2003. Liebknecht- und Gorkischule waren Grund- und Sekundarschule. Nun sollte eine Schule für die Erst- bis Viertklässler, eine für die Fünft- bis Zehntklässler sein. Beide wollten gern Sekundarschule bleiben. „Es war ein langes Hin und Her. Aber in der akuten Phase sind wir aufeinander zugegangen“, erinnert sie sich und fügt an: „Im Nachhinein betrachtet, konnte uns nichts besseres passieren. Ich habe engagierte Lehrer bekommen und wir haben uns zu einem tollen Kollegium zusammengefunden.“

Wenn sie zurückblickt, seien die Gorki-Anfangsjahre eine „sehr bewegte Zeit“ gewesen. „Aber die Atmosphäre war gleich sehr positiv: Ja, wir können uns vorstellen, dass das was wird.“ Dieses gute Gefühl halte bis heute an. Jeden Tag komme sie mit Freude zur Schule. Jeden Tag sage sie sich: Das ist der richtige Beruf.

Dagmar Bitterlich ist stolz auf ihre Schule: Weil sie ökologisch und künstlerisch ausgerichtet ist. Weil sie einen Förderverein hat. Weil es für die Jahrgangsbesten den Gorki-Preis gibt. Weil „Produktives Lernen“ – praxisorientiertes Lernen in Schule und Betrieb – angeboten wird. Nicht zu vergessen: Weil Inklusion im Alltag gelebt wird – mit derzeit 38 Schüler mit erhöhtem Förderbedarf und 36 Migranten von 454 Schülern. Und vieles mehr ...

Noch einige Stammlehrer da

Nun geht die 64-Jährige in den Ruhestand. Wie drei Kollegen schon im Sommer, zwei weitere Ende des Schuljahres. „Es sind noch einige Stammlehrer da, aber sie verabschieden sich nach und nach.“ Der Altersdurchschnitt liege bei 53 Jahren. „Ich hoffe auf noch mehr junge Lehrkräfte. Wir konnten gerade eine Referendarin hier behalten, das freut uns sehr. Noch hat die Gorkischule keine Lehrernot, aber demnächst“, schlägt sie schon vorsichtig Alarm.

40 Jahre hat sie nun in Schönebeck unterrichtet und geleitet. 40 Jahre, in denen sie es genossen hat, Wissen weiterzugeben und ein Stück weit dazu beigetragen zu haben, wie die Kinder aufgewachsen sind und sich entwickelt haben. Rückendeckung bekam sie immer von ihrer Familie, vor allem von ihrem Mann. „Er hat mir viele wichtige Hinweise aus Nichtlehrer-Sicht gegeben“, ist sie heute noch dankbar.

Nun freuen sie sich auf mehr gemeinsame Zeit. Ihr Mann ist schon seit Oktober im Ruhestand. Und was haben sie sich vorgenommen? „Wir wollen neugierig und gesund bleiben“, sagt sie und da ist die Vorfreude auf den neuen Lebensabschnitt zu spüren: Lesen, Reisen, Freunde treffen. Daheim liegen schon Karten für Konzerte von Phil Collins, Mark Knopfler und CCR.

Kontakt zur Schule halten

„Ich werde Kontakt zur Schule halten, 100-prozentig. Aber ich werde nicht im Alltag auf der Matte stehen.“ Zum Halbjahresende hat sie schon eine Einladung zum gemeinsamen Essen des Lehrerteams. Eine solche hofft sie auch zum Schuljahresende für das „Lehrergrillen“ zu erhalten. Und dann sind sie da wieder, die gemischten Gefühle. Die Vorfreude auf den Ruhestand auf der einen Seite, das Von-Der-Schule-Loslassen-Müssen auf der anderen. Es wird wohl vorerst eine Gratwanderung sein ...