Schönebeck l Im Urstromtal der Elbe, in welchem Schönebeck liegt, ist ein zeitweise höherer Grundwasserstand nicht ungewöhnlich. Unterirdisch fließt ständig Wasser. In nassen Jahren mehr, in trockenen Jahren weniger. Mal tritt es zu Tage, mal nicht. „Wir sind hier der Flaschenhals. Hier läuft das Wasser aus dem Elbe-Saale-Winkel zusammen, bevor es in die Elbe geht“, erklärt Schönebecks Oberbürgermeister Bert Knoblauch (CDU).

Das wissen auch die Altvorderen und haben ihre Häuser dementsprechend gebaut. Zum Beispiel nicht in immer wieder vernässten Gebieten oder mit sogenannten Kriechkellern, also sehr flach.

Zu DDR-Zeiten entspannt sich die Situation, an hohe Grundwasserstände ist kaum noch zu denken. „Im südlichen Bereich der Stadt gab es viele Wasserentnahmestellen. Wasserwerke in Felgeleben und Zackmünde, große Betriebe, dazu die Landwirtschaft. Für Brauch- und Trinkwasser und für die Beregnung der Felder“, sagt Baudezernent Guido Schmidt. Das alles trage dazu bei, dass der Grundwasserstand künstlich niedrig gehalten wird.

Große Wasserabnehmer weg

Dann kommt die politische Wende. Und mit ihr auch die wirtschaftliche. Große Betriebe machen dicht, damit verschwinden die Wasserabnehmer. Von lokaler wird auf Fernwasserversorgung umgestellt. Die Tiefenbrunnen werden abgestellt, ohne die Folgen zu bedenken. Der natürliche Grundwasserstand stellt sich wieder ein. Dazu kommen immer wieder extreme Wetterlagen. Hochwässer lassen das Grundwasser ansteigen. Dazu Regen. „2009/2010 hatten wir 30 Prozent mehr Niederschlag als in den Jahren zuvor. 2010/2011 stand der Kunstanger unter Wasser“, erinnert Henrik Scheffler, bei das Stadt für das Grundwassermanagement zuständig. Die Situation eskaliert immer wieder. Felgeleber, Sachsenländer und Bad Salzelmener haben immer wieder nasse Keller. „Wer vor 50, 60 Jahren gebaut hat, war einen ganz anderen Grundwasserstand gewöhnt“, ist sich Guido Schmidt bewusst. Es sei normal gewesen, den Keller zum Hobbyraum umzufunktionieren oder Heizung und Öltank dort unterzubringen.

Der eigentlich normale – sprich nicht von außen, nicht vom Menschen beeinflusste – Grundwasserstand bringt vielen Schönebeckern im südlichen Teil der Stadt schlaflose Nächte. In extrem nassen Jahren steht das Grundwasser an der Oberfläche. In trockenen Zeiten wie derzeit liegt der Pegel in diesen Gebieten bei zwei Meter unter Geländeniveau.

Bürgerinitiative

Eine Bürgerinitiative gründet sich. „Einer allein kann nur sich selbst helfen. Die leidgeprüften Menschen haben sich aber zusammengeschlossen. Ein Hilferuf an die Stadt: Ihr müsst etwas machen“, so Guido Schmidt. Der damalige Oberbürgermeister Hans-Jürgen Haase habe Kontakt zu Prof. Frido Reinstorf von der Hochschule Magdeburg-Stendal, Fachbereich Wasser- und Kreislaufwirtschaft, aufgenommen sowie zum LandesUmweltministerium und um Hilfe gebeten.

„2008 war ich Stadtrat und die Ortsumfahrung B 246a im Bau. Schon da war ein Drainagekanal angedacht. Doch die Lage war noch nicht so eskaliert, der Druck nicht so hoch, das Papier ist in der Schublade gelandet“, erinnert sich Bert Knoblauch. 2011 aber. In Felgeleben, Sachsenland, Gnadau, Wespen und Bördeland steht das Wasser in den Kellern und auf den Äckern.

Pilotprojekt

Das Land sieht das Problem, mit dem nicht nur Schönebeck und Umgebung zu kämpfen hat. Auch in Dessau und Halle ist Land unter. Es legt 2011 einen Vernässungsfonds von 30 Millionen Euro auf. Schönebeck wird zum Grundwassermanagement-Pilotprojekt des Landes. In einer Arbeitsgruppe arbeiten Reinstorf als Fachmann für Hydrologie und Geoinformatik, Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten, Umweltministerium, Unterhaltungsverband, Bürgerinitiative, Salzlandkreis, Stadträte und Stadt zusammen. 2013 wird eine Prioritätenliste vorgelegt: Schlüsselprojekt ist der Abfanggraben. Darauf bauen Tiefendrainage und grundwassersenkende Maßnahmen wie das geplante Schöpfwerk in Frohse mit Siel auf.

Zur aktuellen Diskussion zum Abfanggraben betont Baudezernent Schmidt: „Die Frage war natürlich auch immer: Was bewirken die Maßnahmen? Der Abfanggraben an sich hat keinen direkten Einfluss auf den Grundwasserstand, höchstens 10 bis 20 Zentimeter. Aber: Was nicht reinfließt, kann den Stand nicht erhöhen.“ Im zweiten Schritt soll durch die Tiefendrainage vor dem Ortsteil Felgeleben/Sachsenland das zu hohe Grundwasser zum Abfanggraben und somit zur Elbe abgeleitet werden.

Vernässungsfonds

Problem: Der Vernässungsfonds fördert nur Maßnahmen anteilig bis maximal eine Million Euro. Für den Abfanggraben, der nach derzeitigem Stand 11,6 Millionen Euro kosten soll, sind damals schon 4,6 Millionen Euro veranschlagt. „Da das Flurneuordnungsverfahren noch nicht abgeschlossen war, konnte man das Vorhaben über den Wege- und Gewässerplan aufnehmen. So ist eine Förderung von 85 Prozent möglich geworden“, berichtet Guido Schmidt. Und so sei auch die Teilnehmergemeinschaft als Maßnahmenträger mit ins Spiel gekommen. „Wo sie sonst Kat-Wege bauen, sind sie auf einmal für Gewässer zuständig“, weiß Bert Knoblauch um die nicht einfache Situation.

Doch die Stadt habe seitdem nicht nur auf den Abfanggraben gewartet, so der Baudezernent. Parallel sind verschiedene Projekte über das Vernässungsprogramm – Planung 80 Prozent Förderung, Realisierung 65 Prozent – gelaufen.

Maßnahmen

Alles Maßnahmen, damit das Wasser schnell abfließen kann und nicht den Grundwasserstand nährt:
• Görtzker Brücke ertüchtigt und vergrößert: 350.000 Euro, davon ein Drittel Eigenanteil;
• Pegelsystem installiert (18 Pegel im Stadtgebiet werden einmal am Tag automatisch gemessen): 80.000 Euro, davon ein Drittel Eigenanteil;
• Kunstanger mit Regenrückhaltebecken, Grabensystem und Niederschlagsentwässerungsleitung ausgestattet: 1 Million Euro, davon ein Drittel Eigenanteil, den Abwasserentsorgung Schönebeck GmbH übernimmt;
• Überfahrt Götzenthie-Graben ertüchtigt: 15.000 Euro Eigenmittel;
• Randelgraben ertüchtigt: 1,5 Millionen Euro Eigenmittel;
• Solgraben ertüchtigt: 500 000 Euro über Fonds Beseitigung Hochwasserschäden;
• Eggersdorfer Brücke erneuert, Anbindung Froschgraben an Solgraben hydraulisch verbessert: 360 000 Euro Eigenmittel;

Nun steht die Realisierung des Abfanggrabens an. Laut Machbarkeitsstudie, die im Zuge des Landes-Pilotprojektes erarbeitet worden ist, ist er das Schlüsselprojekt. Um im zweiten Schritt das Verlegen von Tiefendrainage zu erleichtern. Aber auch, um sofort eine Entlastung für Sol- und Randelgraben zu haben und um das ankommende Wasser aus dem Umland vor der Stadt abzufangen. Ein Schlüsselprojekt, das nicht unumstritten ist und die Gemüter bewegt. Dreh- und Angelpunkt ist die Kostenexplosion von 4,6 auf 11,6 Millionen Euro. Das Land fördert 85 Prozent.