Barby l „Wir sind bei dem schönen Wetter alle draußen“, zuckt Erzieherin Annegret Sternke ein bisschen bedauernd mit den Schultern, als ich gegen 9 Uhr die Kita betrete. „Da wird es schlecht, wenn du vorlesen willst.“

Von wegen. Es dauert keine zwei Minuten, da ist Andrej ran. Kurz darauf bildet sich eine Traube von Kindern um mich herum. Der Grund: Ich lese den Kinderbuchklassiker „Die drei kleinen Schweinchen“ von Elizabeth Shaw vor. In dem englischen Märchen geht es um Zilli, Billi und Willi, denen der böse Wolf an den Speck will. Ein Buch, das in den 1970ern und 1980ern in keinem DDR-Kinderzimmer fehlen durfte. Es hat auch heute nichts von seiner Ausstrahlung verloren. Sein Inhalt behandelt zuerst Harmonie und Häuserbau. Doch dann kommt ein verfressener Isegrimm, der die Schweinchen verputzen will. Während Zilli und Billi ihre Häuser aus Stroh und Holz basteln, ist Ferkelchen Willi so pfiffig, stabil aus Stein zu bauen. Der Wolf hustet und pustet so lange, bis er platzt.

Peng!

Peng! Ende gut, alles gut.

Die Kinder lernen, dass man besser die Bauvorschriften einhält.

Bilder

Andrej stammt aus Russland, besucht seit einem Jahr die Barbyer Kindertagesstätte und spricht besser deutsch, als so manches inländische Kind.

Andrej ist von dem Buch begeistert. „Lies nochmal vor“, strahlt er mich an. „Nächstes Jahr kann ich das auch.“ Denn der selbstbewusste und aufgeweckte Junge mit den dunklen Augen kommt im August zur Schule. Dass die drei kleinen Schweinchen eigentlich für kleinere Kinder geschrieben wurden, stört den Sechsjährigen nicht. „Zuhause liest mir keiner was vor“, gesteht er. Seit einem Jahr wohnt er mit seinen Eltern in Barby; Papa hat mit der Haussanierung zu tun. Andrej gesteht, noch nicht mal Bücher zu haben. Auch keine russischen. Ich verspreche, ihm ein paar ausrangierte Bücher unserer Kinder zu schenken.

Einen Bösewicht gibt es immer

Als ich das Schweinemärchen zum dritten Mal vorgelesen habe, ebbt das Interesse der Drei- bis Sechsjährigen ab. „Was ist das da?!“, deutet die dreijährige Anna auf ein weiteres Buch. Darin geht es um die Tiere des Waldes, die ein Fest feiern wollen, aber von einem dicken, dummen Wildschwein gestört werden. (Es ist wie im richtigen Leben: Einen Bösewicht gibt es immer.) Nachdem sich mein Publikum krumm und lahm lacht, weil ich nicht nur vorlese, sondern auch ein bisschen (passend zu den Tieren) grunze, gackere oder quake, krame ich meine Russichbrocken hervor, um Andrej anzusprechen. „Svinja leschit v posteli i ustala.“ Das Schwein liegt im Bett und ist müde, übersetzt der Sechsjährige und strahlt schon wieder.

„Du bist jetzt mein Kollege und fotografierst mal alle Kinder auf dem Hof!“

Ich auch, denn er hat mein Geradebreche verstanden. Dann erzähle ich ihm wie ich heiße und wo ich wohne. Zwei Standards, die man in den ersten Russischstunden lernte. „Menja sowut Thomas Linßner, ja schiwu v Barby na ulitse Liebknechtstraße.“

Komische Laute

Die anderen Knirpse wundern sich ein bisschen über solche komischen Laute. Doch spätestens jetzt habe ich Andrej auf meiner Seite. Er rückt mir nicht mehr von der Pelle.

Währenddessen macht Erzieherin Annegret Sternke Fotos von uns, als würde es ab morgen verboten. „Möchtest du auch mal?“, drücke ich Andrej meine kleine Zweitkamera in die Hand.

Er möchte!

Zwar fehlen bei den ersten Fotos noch diverse Köpfe oder er verdeckt mit dem Finger das Objektiv. Doch schnell hat der Junge den Bogen raus. „Du bist jetzt mein Kollege und fotografierst mal alle Kinder auf dem Hof!“, befehle ich.

Dawai!

Dawai! verkneife ich mir. Andrej flitzt los. (Das Ergebnis können Sie, liebe Leser, an den perforierten Randstreifen dieser Seite sehen.)

Schnell ist klar, dass mir solche fröhlichen Fotos überhaupt nicht gelungen wären. Andrejs „Mit-Kinder“ und Erzieherinnen strahlen fröhlich in die Kamera, posieren cool oder spreizen die Finger zum Victory-Zeichen. Andrej ist einer von ihnen.

Ich bin nur ein Märchen-Onkel.

Es dauert gar nicht lange, da gibt es die erste Sensation. Ein paar Fünfjährige haben eine dicke Raupe gefunden, die sie mir stolz präsentieren. Während ein paar Püppis vorsichtshalber in Deckung gehen, trägt Fin das Tier stolz wie ein Löwenbändiger vor sich her.

Integration gelungen

Kita-Leiterin Iris Jacob hält die Integration von ausländischen Kindern bei den „Elbespatzen“ für gelungen. Nicht nur Andrej, sondern auch Mädchen und Jungen vom Balkan, der Türkei und aus dem arabischen Raum besuchen den Kindergarten in der Schul­straße. Das zeige sich im guten Miteinander, aber auch bei der Toleranz der Eltern. „Ich habe den ausländischen Eltern klar gemacht, dass wir hier zum Beispiel beim Mittagessen keine Ausnahmen machen“, sagt sie. Damit meint Iris Jacob Gerichte mit Schweinefleisch. Die meisten Muslime hätten das auch akzeptiert; ein türkischer Vater nicht. Er holt seine Tochter vor dem Mittagessen ab.

Der große Garten des Barbyer Krankenhausbegründers Dr. Franz Klefeker (1876) ist ein Segen. Wer hier nicht toben, malen, klettern, basteln oder Fußball spielen will, zieht sich in ein stilles Eckchen zurück.

Andrej macht das nicht. Er wuselt noch immer mit dem Fotoapparat durch die Landschaft. Als ich meine Kamera zurück bitte, sagt er: „Du musst los? Schade. Dein Chef wartet, ja?“

Neugier

Bei dieser Neugier kann der auch mal Reporter werden, denke ich.

Die nächste Folge der Sommerserie erscheint am Dienstag, 23. Juli: Dann arbeitet Falk Rockmann als Bauarbeiter. Bisher erschienen der erste und zweite Teil der Serie, in denen Olaf Koch als Bierbrauer und Enrico Joo als Bademeister unterwegs waren.