Zehn Standorte

Ameos ist ein privater Gesundheitsdienstleister, der sich 2002 in Zürich gegründet hat. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen über 13 000 Mitarbeiter. 85 Einrichtungen an 47 Standorten gehören zu Ameos. In Sachsen-Anhalt unterhält Ameos 18 Einrichtungen an zehn Standorten. Darunter fallen Krankenhäuser in Aschersleben, Bernburg, Halberstadt, Haldensleben, Oschersleben, Schönebeck und Staßfurt. 3900 Mitarbeiter sind bei Ameos Ost beschäftigt. Dazu kommen Polikliniken und andere Pflegeeinrichtungen.

Schönebeck/Staßfurt l Seit 2012 sind die Gehälter bei Ameos eingefroren. Die Gewerkschaft Verdi hatte daher vor zwei Wochen zum Warnstreik aufgerufen, dem sich über 500 Beschäftigte anschlossen. Ameos will nicht auf die Forderungen eingehen und erklärt, warum. Enrico Joo und Andreas Mangiras sprachen mit Regionalgeschäftsführer Lars Timm darüber, wie es weitergehen soll.

Herr Timm, Verdi hatte seit dem Sommer fünf Aufforderungen zu Tarifverhandlungen an Ameos geschickt. Darauf gab es laut Verdi keine Reaktion. Die neue Frist bis Mittwoch ist verstrichen. Haben Sie auf die letzte Aufforderung reagiert? Jetzt droht die Ausweitung der Streiks. Was nun?
Wir haben die erste Anfrage telefonisch beantwortet. Aufgrund von Umstrukturierungen und meinem Neuanfang haben wir uns erst in 2020 in der Lage gesehen, über das Thema zu sprechen. Das ist eine feige Lüge, dass wir nicht reagiert hätten und zeigt die Seriosität auf. Wir haben uns natürlich Gedanken darüber gemacht, den Mitarbeitern mehr Gehalt zu zahlen. Das muss das Unternehmen aber auch verkraften können. Setzen wir die Verdi-Forderung so um, geht es an die Substanz der Krankenhäuser und es stehen 800 betriebsbedingte Kündigungen im Raum. Das wollen wir für die Bevölkerung und die Mitarbeiter vermeiden. Das gilt natürlich auch bei einem Streik.

Also haben Sie auf die letzte Anfrage von Verdi nicht mehr geantwortet?
Nein. Wir hatten ja schon auf die erste Anfrage reagiert und es ändert ja an der Tatsache nichts.

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Herr Timm, bei den Streiks vor zwei Wochen standen Sie konkret in der Schusslinie. Sie hatten einen Tag vor den Streiks eine Mail an die Mitarbeiter geschickt und in dieser darauf hingewiesen, dass es massive betriebswirtschaftliche Folgen haben wird, wenn die Mitarbeiter an den Streiks teilnehmen. Zudem sollen den Mitarbeitern einmalig 400 Euro angeboten worden sein, wenn sie sich nicht an den Streiks beteiligen.
So eine Art Streikbrecherprämie? Das stand nicht in der Mail.

In der Mail stand es nicht, nein. Aber: Gab es ein Angebot für eine Sonderzahlung?
Nein, möge man uns das dann auch eidesstattlich nachweisen. Schade, dass wir auf dem Niveau angekommen sind.

Jedenfalls das und die Mail wurde von Verdi als Drohung empfunden.
Verdi will ja einzig und allein Mitglieder für sich gewinnen. Die sagen: Wenn ihr bei uns Mitglied werdet, bekommt ihr mehr Geld. Aus deren Sicht ist dieses Geschäftsmodell nachvollziehbar. Das heißt aber für uns: Wir können die Abteilungen in der Fülle nicht mehr vorhalten. Deswegen habe ich die Mail als Hinweis geschrieben. Wir würden Erlösausfälle haben und müssten uns defizitäre Klinikabteilungen genau betrachten und folgerichtig auch schließen. Und das hätte dann sehr erhebliche Auswirkungen auf den eigenen Arbeitsplatz. Dann müssten wir uns von Abteilungen trennen und die Kollegen müssten weitere Wege zu ihrem Arbeitsplatz auf sich nehmen.

Das war keine Drohung, sondern ein mahnender Hinweis. Jeder hat das Recht zu streiken. Wenn aber der verantwortungslose Populismus von Verdi zu Lasten von Krankenhäusern und Arbeitsplätzen geglaubt wird, dann hat das auf der anderen Seite massive Auswirkungen. Sehr schnell wird dann die Ideologie durch die Realität eingeholt.

Die Angestellten bei Ameos vergleichen sich natürlich mit anderen Arbeitnehmern. In Magdeburg verdienen Krankenschwestern für eine vergleichbare Arbeit bis zu 600 Euro mehr. Wie gehen Sie damit um, wenn gesagt wird, dass schlecht bezahlt wird?
Ich bin am 1. Juli dieses Jahres dafür angetreten, dass wir uns bei den Gehältern bewegen müssen. Aber wir müssen uns so bewegen, dass wir die Häuser bei Ameos Ost weiter in der engen Dichte wohnortnah betreiben können. Nächstes Jahr eine Steigerung um drei Prozent, in 2022 um drei Prozent und im Jahr 2024 drei Prozent. Dazu Einmalzahlungen in 2020 über 300 Euro, in 2021 über 400 Euro und in 2023 über 400 Euro. Zudem fünf Jahre lang ein Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen bei einem Gesellschaftswechsel.

Ist das ein Versprechen?
Ja, klar. Aber definitiv nicht mit Verdi. Wir fangen jetzt am Montag in Haldensleben mit den Gesprächen an. Ich will mit jedem einzelnen Mitarbeiter sprechen und ihm erklären, warum es sinnvoller ist, diesen Abschluss zu machen, als jenen von Verdi, der jeden, wirklich jeden Arbeitsplatz gefährden wird. Die Forderung von Verdi bedeutet: Schließungen von Abteilungen und den Abbau von 800 Arbeitsplätzen.

Was würde das bedeuten für die Standorte?
800 von 3900 Arbeitsplätze würden bei Ameos Ost verloren gehen. Daher brauchen wir moderate und für das Unternehmen verkraftbare Gehaltssteigerungen.

Sachsen-Anhalts Krankenhausplaner haben jetzt verkündet, dass bis 2021 keine Kliniken geschlossen werden. Die demografische Entwicklung ist aber weiter negativ. Die Bevölkerungszahlen gehen nach unten. Können Sie versprechen, dass alle Standorte bei Ameos Ost erhalten bleiben?
Wir wissen nicht, was auf Bundesebene passieren wird. Es gibt verschiedene Gesetzesinitiativen, die das Leben der Krankenhäuser wahnsinnig schwer machen. Zum jetzigen Zeitpunkt treten wir dafür an, alle vier Standorte im Salzlandkreis weiter zu betreiben. Das betrifft auch die Standorte in Halberstadt und in Haldensleben. Bei einer Streikfortführung können wir das nicht mehr garantieren und werden schnell handeln.

Ist das realistisch, alle Standorte im Land zu behalten?
Jedes Jahr werden auf Bundesebene 30 bis 35 Standorte geschlossen. Für die Region hätte eine Schließung eines jeden einzelnen Standortes, zumeist als Hauptarbeitgeber in der Stadt, erhebliche Auswirkungen. Klinikschließungen werden in den nächsten Jahren auf der Tagesordnung stehen und Mitarbeitende dann längere Fahrtwege in Kauf nehmen müssen. Wir wollen das Gegenteil.

Bei Ameos Ost haben Sie bereits ein Zentrenmodell vorgestellt. Gibt es noch andere Ideen, um die Standorte zukunftsfest zu machen?
Bei diesem Modell geht es darum, die Kompetenzen zu bündeln. Die Grundversorgung bleibt beim neuen Modell erhalten. Es geht um einen neuen Service, der Operateur kommt zum Patienten. Online-Sprechstunde und Online-Anmeldung sind zudem Dinge, mit denen wir uns gerade beschäftigen.

Der Stendaler Krankenhaus-Chef Thomas Krössin warnte kürzlich vor einem Kliniksterben. Ein Drittel der Krankenhäuser könnte verschwinden. Zudem hatte die Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen in der SPD (AfA) kritisiert, dass Privatisierungen in der Daseinsvorsorge falsch wären. Wie beurteilen Sie das?
Hätte es im Salzlandkreis keine Privatisierungen gegeben, würde es heute nur noch zwei Krankenhäuser geben. Das wird gerne vergessen. Die These ist also völlig falsch. Das ist absoluter Unfug. Unsere Gruppe steht für: Wir machen moderate Gewinne und die investieren wir direkt wieder in die Krankenhäuser. So nehmen wir zum Beispiel in Schönebeck zusätzlich 14 bis 15 Millionen in die Hand, um zusammen mit dem Geld über Fördermaßnahmen vom Land und Bund die zwei Standorte in Schönebeck zu einem zusammenzuführen.

Ameos hat kein gutes Image. Woher kommt das?
Private Betreiber haben ja oft das aufgedrückte Image, dass sie nur Gewinne erzielen wollen. Wir springen aber ein, wenn Häuser in wirtschaftliche Schieflage geraten sind. Dann müssen wir zwingend die Maßnahmen durchführen, die andere verpasst und verschlafen haben. Die Maßnahmen sind natürlich manchmal hart. Wir sind aber eher langfristig gesehen die Retter der Arbeitsplätze. In vielen Landkreisen sollen zum Beispiel Geburtshilfe und Gynäkologie trotz sehr geringer Fallzahlen aufrechterhalten werden. Das kann man ja auch machen. Aber das hat seinen Preis. Wenn Millionen der Steuergelder dafür verwendet werden, dann fehlt das in der Bildung, in der Kita, in der Digitalisierung, in der sozialen Sicherung oder beim Straßenbau. Was ist so schlimm daran, wenn eine Schwangere 20 Kilometer weiter fährt in ein Zentrum, wo mehr Qualität herrscht? Man muss derzeit gut aufpassen, dass das gute Gesundheitssystem in Deutschland weiter aufrechterhalten wird.

Nochmal zurück zum Image. Es gibt Bewertungsportale für Arbeitnehmer, wo Ameos schlecht abschneidet. Dort hat die Gesamtgruppe eine Bewertung von 2,7 von fünf Sternen. Helios als privater Konkurrent hat 3,08, das Uniklinikum Magdeburg 3,24. Die Arbeitnehmer schreiben über Ameos Dinge wie: „Gewinn ist alles“ oder „Die Personalpolitik ist nicht nachvollziehbar“ oder „Das ist Arbeit für einen Mindestlohn und ohne Aussichten“. Da rumort es also gewaltig. Zudem haben wir den Eindruck, dass bei Ameos in der Führungsebene oft Personalrochaden stattfinden. Woran liegt das? Steht auch die Chefetage unter Druck?
Wir sind ja erst seit sieben Jahren hier im Salzlandkreis. Natürlich ist das so, dass das für Mitarbeiter bei Übernahmen in der Vergangenheit eine Zäsur war. Das wurde nicht vergessen. Und das wird dann in solchen Portalen kundgetan. So etwas schauen wir uns natürlich auch an. Wir bewerten dann, ob das ein sachdienlicher Hinweis ist.

Vor den Übernahmen liefen Stationen vermutlich mit ganz anderen Besetzungen, aber der Betrieb war kaputt, insolvent. Und uns wird dann die Schuld zugeschoben, wenn wir es anders machen müssen. Was den Wechsel in der Gruppe angeht: Wir haben einige Nachwuchsführungskräfte, die haben eine Standzeit von ein bis zwei Jahren und wechseln dann in die nächste Führungsposition. Es gibt auch immer mehr Krankenhausdirektoren, die ihren Wohnsitz woanders haben. Weil sie nicht permanent auf der Straße auf ihre Arbeit angesprochen werden wollen und ihre Familie nicht umziehen lassen wollen. Da gibt es Kollegen, die nach zwei Jahren sagen: Für mich ist die Fahrerei jetzt zu viel. Grundsätzlich ist es aber so, dass wir in Ameos Ost seit Sommer schon eine stabile Mannschaft haben.

Im Land ist der Investitionsstau enorm. Anderen Kliniken fehlen Millionen und Milliarden. Wie sieht es in Ihren Häusern aus? Welche Erwartungen haben Sie?
Es ist sehr zu begrüßen, dass die Sozialministerin Petra Grimm-Benne mehr Investitionen gefordert hat. Wenn aber das Finanzministerium sagt, dass das nicht zu stemmen ist, dann müssen wir als Klinikbetreiber lernen damit umzugehen. Da sind wir wieder bei dem Thema. Machen die Kliniken keine Gewinne, können sie nicht investieren. Bei uns sieht der Investitionsbedarf pro Jahr etwa 28 Millionen Euro vor. Eine Streikfortsetzung würde das engmaschige Krankenhausnetz massiv gefährden und zum Teil für die Patienten unwiederbringlich zerreißen. Das muss jedem klar sein.