In der Winterzeit dringen Tiere immer häufiger in besiedelte Gebiete des Menschen vor

Wildtiere fressen Blumen auf Friedhof

Von Olaf Koch

Mit Wildtieren in der Stadt haben nicht nur die Städte Hecklingen und Magdeburg zu kämpfen, sondern auch Schönebeck. Immer wieder wagen sich Tiere in bewohnte Bereiche vor. Die Verwaltung steht dem machtlos gegenüber.

Schönebeck l Wolfgang Stechert ist den Tränen nahe. Immer wieder, wenn er sich die Fotos anschaut, muss er mit dem Kopf schütteln: Nicht nur wegen des Schmerzes nach dem Verlust seiner Frau, sondern auch, weil der Grabschmuck zwei Tage nach der Beisetzung Opfer von Tierfraß geworden ist. "Mehrere hunderte Euro haben die frischen Blumen im Dezember gekostet", schimpft Wolfgang Stechert. "Es ist so traurig."

Vor allem das riesige Gesteck mit den roten Rosen, als Herz geformt, war der letzte Gruß von Wolfgang Stechert an seine langjährige Ehefrau Adelheid. "Wir haben sie an einem Freitag auf dem Westfriedhof beigesetzt. Es ist mir alles sehr schwer gefallen", berichtet der 85-Jährige der Volksstimme.

Schon am nächsten Tag, als seine Tochter wieder auf den Friedhof ging, musste sie sehen, dass die Gestecke teilweise zerstört waren. Sie rief ihren Vater an, der sich am darauffolgenden Sonntag selbst zum Westfriedhof aufmachte. "Was ich dann dort sah, hat mir wirklich sehr weh getan", erinnert sich der Rentner aus Schönebeck. Die leuchtend bunten Blüten, die sich von der leichten Schneedecke absetzen, waren abgefressen. Lediglich die grünen Stengel blieben unberührt zurück.

Wolfgang Stechert hat seine kleine Digitalkamera dabei und hält fest, was ihn ärgert. Für ihn ist sofort klar: Das war kein normaler Diebstahl. "Ich habe ja schon oft davon gehört, dass Blumen von Friedhöfen gestohlen werden. Aber dass Tiere sich an den frischen Pflanzen zu schaffen machen, finde ich nicht nur unschön, sondern irgendwie auch pietätlos."

Nur wenige Schritte von der Grabstelle entfernt, findet Leser Wolfgang Stechert Spuren im Schnee. "Die waren ganz deutlich zu sehen", so der Rentner. Im Schnee zeichnen sich Rehspuren ab.

Dass sich Wildtiere in bewohnte Bereiche des Menschen vortrauen, ist für Michael Wunschik, Leiter der Ortsgruppe des Naturschutzbundes (Nabu) Schönebeck, nichts ungewöhnliches. Vor allem im Winter, wenn die Felder von einer Schneedecke überzogen sind, Frost den Boden härtet und die Tiere auf der Suche nach Fressbarem sind, trauen sie sich: Dann ist der Drang zum Fressen größer als die Scheu vor dem Menschen.

Doch wie kommen die Tiere auf das Gelände des Westfriedhofes von Schönebeck? Dafür haben Wolfgang Stechert und Michael Wunschik unterschiedliche Erklärungen. "Am Weg Richtung Hummelberg ist kurz vor Ende nochmals ein Eingang zum Friedhof. Der steht tagsüber offen. Vielleicht kommen die Tiere über diesen Weg in den umzäunten Friedhof herein?", fragt Stechert.

Nabu-Chef Michael Wunschik hat noch eine andere Idee: "Rehe zum Beispiel springen über den Zaun. Sie schaffen schon 1,80 bis 2 Meter", macht er deutlich. Vor allem, wenn Wildtiere - Rehe, Wildkaninchen, Feldhasen, Füchse und so wie in Hecklingen und Magdeburg auch Wildschweine - "spitz" bekommen haben, wo es in der futterarmen Winterzeit Nahrung gibt, suchen sie diese Plätze immer wieder auf. Da hilft nur, die Zäune zu erhöhen.

Das hilft Wolfgang Stechert im Moment gar nicht. Er ist traurig, dass ihm die Blumen, die er seiner Frau für den letzten Weg mitgegeben hat, einfach verschwunden sind.