Heimatgeschichte

Denkmal: Paltrockwindmühle in Brumby im Dornröschenschlaf

Die Paltrockwindmühle in Brumby ist die größte und besterhaltene ihrer Art. Auch ohne Flügel hat sie Tonnen von Mehl hergestellt. Nach der Wende wurde auf Schrot umgestellt. Heute ruht der Betrieb der Mühle. 150 Jahre lang war sie im Familienbetrieb.

Von Enrico Joo
Der Zustand der Mühle im Juni 2021. Nach dem Verkauf 2017 wurde in das historische Gebäude kein Geld mehr gesteckt.
Der Zustand der Mühle im Juni 2021. Nach dem Verkauf 2017 wurde in das historische Gebäude kein Geld mehr gesteckt. Foto: Enrico Joo

Brumby - Christel Münch lag gerade im Garten am Pool. Es war warm. Es war Sommer. Dementsprechend leicht bekleidet war sie. Da standen da wieder zwei neugierige Touristen an ihrem Grundstück. „Hallo! Wir interessieren uns für die Mühle. Können wir da mal rein?“ Sie fragten höflich und Christel Münch ist kein Unmensch. Sie ließ die Touristen auf ihr Grundstück in Brumby bei Calbe, auf der sie nicht nur gewohnt hat, sondern auf der auch die einzige Paltrockwindmühle im Salzlandkreis steht.

Nicht nur das: Sie ist mit 15 Metern die größte in Deutschland und ist auch am besten erhalten geblieben. „Mit ihrem Drehkranz von neun Metern Durchmesser und ihren vier Böden ist es vermutlich das größte Exemplar, das je gebaut worden ist“, berichtet Thorsten Neitzel vom Arbeitskreis Mühlen Sachsen-Anhalt, der Mühlenbesitzer berät und beim Ausbau und Erhalt von Mühlen unterstützt. Auch deshalb fragte kürzlich eine Leserin bei der Volksstimme nach. Sie wollte wissen, was mit der Mühle in Brumby ist. Wie es um die Zukunft der historischen Mühle steht, die sich am südöstlichen Ortsrand von Brumby befindet.

Die Recherche führt eben ganz schnell zu Christel Münch. Sie wohnt seit 2017 in Schönebeck, hat aber bis dahin in dem Eigenheim direkt auf dem Grundstück der Mühle gewohnt. Die Hobbymüllerin hat bis vor wenigen Jahren in der Mühle geschrotet und damit Bauern in der Region mit Futtermittel für Schweine beliefert.

Sie ist eben die Frau, die sich auskennt. Die 56-Jährige kennt jeden Knopf, jede Schraube und jedes Gerät. Von 1991 an lag das Glück der Mühle in ihren Händen. Und natürlich hat sie auch immer wieder den doch vorhandenen Neugierigen die Türen geöffnet.

Umbau zur Paltrockwindmühle in 1950/1951

Von 1857 bis 2017 war die Mühle im Familienbesitz. Wohl 1848 als Bockwindmühle erbaut, wurde sie in den Jahren 1950/1951 von der Firma Kühl zu einer Paltrockwindmühle umgebaut, nachdem sie 1945 im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt wurde. Paltrockwindmühle heißt: Die Mühle wurde auf einen Rollenkranz gelegt. Dadurch konnte die Mühle vergrößert werden. Der Name Paltrock kommt von Mönchen und Büßern, die einen langen Mantel trugen, der aussah wie die heruntergezogenen Wände der Mühle.

Gerade zu DDR-Zeiten war die Mühle in Brumby sehr wichtig für die Region. Der Müllermeister Karl-Heinz Jäger, der ab 1957 für den Fortbestand sorgte, verarbeitete Roggen zu Mehl und belieferte zahlreiche Bäckereien im Umkreis von Schönebeck und Staßfurt. Die Kapazität betrug fünf Tonnen.

Christel Münch – Tochter des 2014 verstorbenen Müllermeisters – erinnert sich zurück. „Der Vater ist um 4 Uhr morgens aufgestanden und hat 5 Uhr die Mühle angemacht. Um 19 Uhr war Schluss.“ Es war ein anstrengendes, aber auch interessantes Arbeitsleben. Urlaub gab es kaum, aber Christel Münch und ihre drei Geschwister wuchsen im Grünen auf, auf dem Land. In Stille und ohne Nachbarn. Die Straße bis dahin war nur ein Feldweg. Denn die Wohnhäuser, die heute die Umgebung prägen, gab es damals noch nicht. „Es war auch eine schöne Zeit“, so Münch.

Die Wende brachte auch in Brumby Änderungen mit sich. Moderne Mühlenwerke übernahmen die Aufgaben, stellten Mehl in größeren Mengen und viel billiger her. Der Kapitalismus hatte auch Brumby überrollt. 1991 wurde das Gewerbe der Mühle abgemeldet. „Für meinen Vater brach die Welt zusammen“, erinnert sich Münch. Eigentlich sollte einer der Söhne die Mühle weiter betreiben, aber dieser hatte sich beruflich nach 1990 anders orientiert. In ganz Sachsen-Anhalt gibt es heute kein zehn Mühlen mehr, die gewerblich genutzt werden. Insgesamt gibt es aber noch über 1000 Mühlen in Sachsen-Anhalt.

Verkauf der Mühle im Jahr 2017

1991 sprang Christel Münch für ihren Bruder ein, betrieb die Mühle in Brumby aber nur noch als Hobby. Sie hatte das auch nicht gelernt. Münch ist bis heute Erzieherin in einer Kita in Schönebeck. Sie fuchste sich als Müllerin auf eigene Faust durch. „Als Kind durfte ich die Mühle nie betreten“, sagt sie. Als ihr Vater gesundheitliche Probleme hatte, drückte sie 1991 erstmals auf die Knöpfe in der Mühle. „Da habe ich geschwitzt“, gesteht sie. Schnell wurde sie aber zur Expertin.

Statt Mehl stellte sie noch Schrot her, kümmerte sich aber auch um den Erhalt der Mühle. 1973 krachte ein Flügelpaar herunter, das nach dem Orkan „Quimburga“ am 13. November 1972 angebrochen war. Danach hatte die Mühle keine Flügel mehr, die restlichen Flügel wurden abmontiert. Es wurde bis in die Gegenwart nur noch mit elektrischem Antrieb gearbeitet. Münch wollte die originalgetreue Erhaltung in Aussehen und Funktion wieder herstellen samt Dächersanierung, Erneuerung der Außenhaut und neuer Flügel. Das Teeren allein kostete 2000 Euro. Neue Flügel 50.000 Euro. „Wir hatten uns vor 20 Jahren mal um Fördermittel beworben, hätten aber 30.000 Euro selbst zahlen müssen“, sagt Christel Münch. Eine völlig utopische Summe. Und doch ist es der Hobbymüllerin zu verdanken, dass die Mühle theoretisch noch voll funktionsfähig ist.

„Die ursprüngliche Idee war es, ein Café daraus zu machen. Vielleicht ein Bikercafé, einen Anlaufpunkt für Radfahrer und Touristen. Das wäre eine Goldgrube gewesen“, so Münch. Der Ausbau scheiterte am Geld. Und doch öffnete sie die Mühle immer wieder für Besucher. 2014 gab es noch ein großes Mühlenfest am Pfingstmontag mit Musik, Speis und Trank und Führungen. „800 Menschen waren da“, so Münch. Der Pfingstmontag ist traditionell bundesweit der deutsche Mühlentag.

Es war eines der letzten Highlights. Nach der Trennung von ihrem Mann verkaufte Christel Münch Grundstück mit Wohnhaus und Mühle aus finanziellen Gründen an ein junges Paar, das heute dort wohnt. Seitdem ist die Mühle nicht mehr in Betrieb, es wurde auch nichts mehr in den Erhalt investiert. „Ich bin besorgt um den Erhalt der Mühle“, sagt Münch.

Die neuen Besitzer sind Mitglied im Verein „Arbeitskreis Mühlen Sachsen-Anhalt“. Grundsätzlich haben sie Interesse am Erhalt. „Uns fehlt aber das technische Verständnis für den Betrieb“, sagt der Besitzer, der anonym bleiben möchte. „Wir wollen es erhalten, momentan gibt es aber keine Pläne.“ Die Sanierung des Hauses steht im Vordergrund. „Am besten wäre es, wenn wir einen Verein gründen, um Fördermittel für die Mühle zu bekommen. Aber man müsste erst mal Leute finden.“

Der Erhalt von Mühlen ist schwer. „Es braucht immer Menschen mit Herzblut“, sagt Ludgar Eckers, Vorsitzender des Arbeitskreises Mühlen Sachsen-Anhalt. Es kann aber funktionieren. So wurde erst Mitte Mai bekannt, dass die Bockwindmühle in Pömmelte für knapp 60.000 Euro saniert wird. Vielleicht gibt das auch der Mühle in Brumby neuen Schwung? „Brumby war die erste Mühle, die ich in meinem Leben mit drehenden Flügeln gesehen hatte“, erzählt Thorsten Neitzel. Die Mühle steht bis heute unter Denkmalschutz. Ihre Zukunft ist aber ungewiss.

Karl-Heinz Jäger hatte die Mühle von 1957 bis 1991 betrieben. Er übergab sie danach an seine Tochter Christel Münch.
Karl-Heinz Jäger hatte die Mühle von 1957 bis 1991 betrieben. Er übergab sie danach an seine Tochter Christel Münch.
Foto: Familie Jäger
Im Jahr 1920 war die Mühle in Brumby noch eine Bockwindmühle, die in der ganzen Region bekannt war.
Im Jahr 1920 war die Mühle in Brumby noch eine Bockwindmühle, die in der ganzen Region bekannt war.
Foto: Familie Jäger
Im Jahr 1972 zerstörte ein Orkan einen Teil der Flügel. Später wurden sie ganz abmontiert. Danach lief die Mühle nur noch elektrisch.
Im Jahr 1972 zerstörte ein Orkan einen Teil der Flügel. Später wurden sie ganz abmontiert. Danach lief die Mühle nur noch elektrisch.
Foto: Familie Jäger
In den Jahren 1950/1951 wurde die Bockwindmühle zu einer Paltrockwindmühle umgebaut.
In den Jahren 1950/1951 wurde die Bockwindmühle zu einer Paltrockwindmühle umgebaut.
Foto: Familie Jäger
Die Schrotmaschine der Mühle im Jahr 1998.
Die Schrotmaschine der Mühle im Jahr 1998.
Foto: Münch
Der Walzenboden im Inneren im Jahr 1998.
Der Walzenboden im Inneren im Jahr 1998.
Foto: Christel Münch