Der Üllnitzer Thomas Kühne spricht über den Kampf gegen die Depressionen

Der letzte Ausweg: Elektroschocktherapie

Von Karolin Aertel

Vielen ist Thomas Kühne durch seine kritischen Leserbriefe im Gedächtnis geblieben. Oftmals erreichen schon früh am Morgen die Redaktion seine Kommentare zum aktuellen Tagesgeschehen. Doch der Üllnitzer hat neben der kommunalpolitisch-interessierten auch eine andere Seite. Drei Jahre lang kämpfte er mit schweren Depressionen. Seine Lebens- und Leidensgeschichte hat der heute 50-Jährige aufgeschrieben in einem Buch veröffentlicht. Am Mittwoch las er in der Waldgaststätte auf dem Calbenser Wartenberg einige Episoden daraus.

Calbe/Üllnitz. Eine Elektroschocktherapie – das letzte Fünkchen Hoffnung flackerte in Thomas Kühne auf. Er wollte, dass sein Gehirn endlich wieder richtig funktioniert. So wie früher, als er noch Freude am Leben hatte. Und wenn dafür Strom durch seinen Körper fließen musste, dann sollte es eben so sein.

Das kleine Fünkchen Hoffnung wurde dem heute 50-Jährigen gleich genommen. Er erfülle nicht die Voraussetzungen, die für eine derartige Therapie von Nöten sind, sagten die Ärzte. Eine niederschmetternde Nachricht. Hatte er doch schon alle anderen Therapien ausprobiert.

"Ich fühlte mich plötzlich einem Regime ausgesetzt"

Thomas Kühne erkrankte vor acht Jahren an Depressionen – eine Stoffwechselerkrankung des Gehirns. Die Produktion bestimmter Botenstoffe geriet aus dem Gleichgewicht. Er fühlte sich antriebslos, zog sich zurück, war nur mit sich selbst beschäftigt. Ein langer Leidensweg folgte.

Die ersten Anzeichen zeigten sich vor acht Jahren nach einem Wechsel seines Arbeitsplatzes. Thomas Kühne arbeitete als Marktleiter einer Kaufhalle. Jegliche Verantwortung lag in seinen Händen. Er entschied, wovon wie viel bestellt wurde. Er war glücklich, er fühlte sich gebraucht. Dann wechselte Kühne seinen Arbeitsplatz und war als Marktleiter einer anderen Handelskette tätig. Hier nahm man ihm jedoch jegliche Entscheidungsbefugnis. "Es wird so und nicht anders gemacht", war in dem neuen Unternehmen die Devise. "Ich fühlte mich plötzlich einem Regime ausgesetzt."

Die Arbeit wurde für den damals 42-Jährigen zur Tortur. Als er sich eines Tages nicht mal mehr in der Lage fühlte, seiner Tätigkeit nachzugehen und von einer Sekunde auf die andere entschloss nach Hause zu gehen, war ihm klar: "Mit mir stimmt etwas nicht." Der Anfang qualvoller Stationen – von Krankenhaus zu Krankenhaus.

Er war in der psychiatrischen Tagesklinik in Staßfurt, wurde stationär in Bernburg, Magdeburg und zwei Mal in Jerichow behandelt. Er probierte diverse Medikamente aus und hangelte sich von einer Therapie zur nächsten. "Es gibt nichts, was ich nicht gemacht habe", resümiert Kühne. "Vom Kuchenbacken über Gesprächstherapien bis hin zum Bastelnachmittag."

"Ich wollte alles richtig machen"

Es gab zwischenzeitlich sogar eine Phase, in der es ihm vermeintlich besser ging. Er kehrte ins Berufsleben zurück. Und mit jedem Tag auf Arbeit wurde es schlimmer. "Ich wollte alles richtig machen, habe aber nichts mehr auf die Reihe gebracht", erzählt er. Thomas Kühne wurde manisch. Er wurde manisch-depressiv. Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt. Er schloss sich daheim ein, wollte mit niemandem sprechen, grübelte stundenlang. Thomas Kühne wusste, was mit ihm geschieht, er war jedoch nicht in der Lage zu handeln. Er versackte in einem Sumpf, aus dem er nicht hinaus kam. Eine Zerreißprobe für seine ganze Familie.

Dann hörte er von der Elektroschocktherapie. Eine Behandlungsmethode, in die er alle Hoffnungen steckte. Als man ihm sagte, dass er für diese Therapie nicht geeignet sei, fühlte er sich, als stünde er vor einem Abgrund.

Der Arzt offenbahrte ihm eine letzte Option. Hypnorex – ein neues Medikament. Zunächst tat sich nichts. Gleichgültig- und Antriebslosigkeit bestimmten den Tag.

Doch Stück für Stück tat sich etwas in ihm. Er begann wieder mit seinen Mitmenschen zu reden, hatte plötzlich wieder Lust am Leben teilzuhaben. Er durfte wieder nach Hause. Erst für ein Wochenende, dann für eine ganze Woche und letztlich ganz und gar. Er fühlte sich wieder lebendig.

Daheim angekommen war er jedoch allein. Seine Frau war berufstätig, er erwerbsunfähig. Immer häufiger griff er zum Alkohol. "Ich denke es war meine Art mich zu belohnen", vermutet er. Vielleicht aber auch und was viel plausibler klingt, sich zu betäuben.

"Meine Familie war meine wichtigste Stütze"

Thomas Kühne hatte seinen Konsum nicht mehr unter Kontrolle, war schon vormittags betrunken. Seine Frau war am Ende ihrer Kräfte. Sie drohte, ihn zu verlassen. Und auch die Ärzte in Magdeburg erkannten die Problematik schnell. Wollten ihn zu einem Entzug zwingen. Kühne schaffte jedoch allein den Sprung. Wobei "allein" gelogen wäre: "Meine Familie war meine wichtigste Stütze."

Drei Jahre, von 2002 bis 2005, dauerte das ganze Drama. Drei Jahre, in denen Thomas Kühne nicht am Leben teilgenommen hat. Drei Jahre, in denen seine Frau mit und um ihn kämpfte.

Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Thomas Kühne hat eine Aufgabe gefunden. Er will mehr denn je am Leben teilnehmen. Er interessiert sich für Kommunalpolitik, verfolgt das Geschehen in und um Calbe und will aktiv helfen, die Zukunft zu gestalten. Er hat das Schreiben und Fotografieren für sich entdeckt. Schreibt Leserbriefe zum aktuellen Tagesgeschehen und scheut keine Konfrontation mehr.

Über das Leben mit und nach der Depression hat er im September des vergangenen Jahres ein Buch mit dem Titel "Depressionen – Mehr als eine Krankheit" herausgebracht. Auf 109 Seiten schildert er seine Lebens- und Leidensgeschichte. "Das Schreiben ist für mich eine Art Therapie", sagt er. Es habe ihm bei der Reflexion seiner selbst geholfen. Depressionen gehören immer noch zu den Tabu-Themen. "Diese Buch soll das Tabu brechen, helfen Depressionen zu erkennen und Mut machen sich zu öffnen", so Kühne.

Das Buch: "Depressionen – Mehr als eine Krankheit" von Thomas Kühne, erste Auflage erschienen: September 2009 im August von Goethe Literaturverlag, ISBN: 3837204669, Preis: 8,90 Euro.