Sommerferien

Ferienspaß quer durch Staßfurt

Seit Beginn der Sommerferien können Kinder und Jugendliche mit dem Handy verschiedene wichtige Punkte der Demokratie in Staßfurt aufsuchen. Ein Volksstimme-Reporter testet die digitale Schnitzeljagd, die Laune macht und einen ernsten Hintergrund hat.

Von Enrico Joo 10.08.2021, 20:00
Die digitale Schnitzeljagd führt durch die Innenstadt. So viel sei verraten: Auch am Salzlandtheater vorbei Richtung Steinstraße.
Die digitale Schnitzeljagd führt durch die Innenstadt. So viel sei verraten: Auch am Salzlandtheater vorbei Richtung Steinstraße. Foto: Enrico Joo

Staßfurt - Es rauscht ein wenig und dann spüre ich einen Windzug. Huch. Gerade noch merke ich, wie nah die Gefahr ist. Ich trete erst einen Schritt zurück und nehme dann den Kopf hoch. Eben ist ein Auto sehr nah an mir vorbeigefahren, weil ich im Eifer des Gefechts vergessen habe, beim Überqueren der Straße nach dem Verkehr zu schauen.

Das Problem: Ich war so mit meinem Handy beschäftigt, dass die Welt drumherum fast ausgeblendet war. Für die digitale Schnitzeljagd durch Staßfurt, die die Koordinierungs- und Fachstelle „Demokratie leben!“ über die App „Actionbound“ auf die Beine gestellt hast, ist das ein gutes Zeichen. Meine Aufmerksamkeit für die Tour ist hoch.

Seit Beginn der Sommerferien am 22. Juli können Kinder über die App „Actionbound“ eine digitale Schnitzeljagd durch Staßfurt machen. Los geht es am Bahnhof. Danach führt die Tour quer durch die Stadt. Immer müssen Punkte aufgesucht und Fragen beantwortet werden, die wichtig für die Demokratie und die Geschichte Staßfurts sind. „Demokratie fördern, Vielfalt gestalten, Extremismus vorbeugen im Salzlandkreis“, ist das Motto. Am Ende wartet ein kostenloses Eis.

Startpunkt am Bahnhof

Aber wie gut funktioniert die Tour? Ich habe am Montag den Selbstversuch gemacht. Am späteren Nachmittag starte ich die Tour. Vorher habe ich im Play Store die App „Actionbound“ heruntergeladen und gebe einfach nur „Staßfurt“ in die Suchmaske ein. Die Tour ist schnell gefunden, ich starte sie. Von den Redaktionsräumen in der Gollnowstraße aus werde ich mit einem Kompass über die Überführung zum Bahnhof geführt. Besser gesagt zum grünen Willkommensschild. Das ist der Startpunkt der Tour. Permanent wird mir dabei angezeigt, wie weit das Ziel noch entfernt ist. Erreiche ich das Ziel, macht das Handy „pling“. Als Belohnung bekomme ich 100 Punkte und werde dazu aufgefordert, das nächste Ziel anzusteuern. Das mache ich auch umgehend. Natürlich.

Weil der Rätselspaß erhalten bleiben soll, werde ich nicht verraten, welche weiteren Orte ich ansteuern musste. Nur so viel sei verraten: Es geht quer durch die Innenstadt bis zur Bode und sogar in Bereiche, die etwas außerhalb der Innenstadt liegen. Immer zu Orten, an denen die Kinder und Jugendlichen etwas über Demokratie lernen können. Immer muss eine Frage dazu beantwortet oder ein Foto gemacht werden.

Mein Problem: Ich hatte nicht nur nicht auf die Straße, sondern auch nicht in den Himmel geschaut. Nach dem vierten Ort öffnete sich der Himmel. Es regnete plötzlich in Strömen. Ich stellte mich – regenschirmlos, wie ich war – unter und wartete, dass der Regen vorbeizieht. In der Zeit bekam die App aber Probleme. Der Kompass funktionierte nicht mehr, die Standorterkennung haute nicht (mehr) hin. Überspringen ging auch nicht. Was blieb: Die App neu starten und zum Ursprung zurück. Bei Monopoly würde man sagen: „Zurück auf Los“.

Der Ärger war groß, ich startete die Tour erneut, war dann aber ab den neuen Punkten wieder erstaunt. Zwar kannte ich alle Orte schon und wusste um deren Bedeutung für die Demokratie. Es tat aber gut, sich gewisse Dinge wieder ins Leben zu rufen. Die Fragen waren immer interessant.

Noch verhaltene Teilnahme

Besonders Kinder und Jugendliche können so spielerisch herangeführt werden. Was bedeuten die Stolpersteine, wofür steht ein Denkmal oder ein bestimmter Baum? Was ist eigentlich die „Stasi“ und wer war der erste Bürgermeister von Staßfurt und warum wurde dieser auf offener Straße erschossen? All diese Fragen werden bei dieser Tour beantwortet.

Die Tour ist für eine Dauer von 1,5 bis 2 Stunden zu Fuß angelegt, ich war allein unterwegs und in 41 Minuten durch. Auch wenn der Kompass manchmal herumgesponnen hat, so funktionierte die Tour beim zweiten Mal doch reibungslos.

Am Ende zeigte mir die Auswertung, dass ich der Vierte war, der die Tour durch Staßfurt gemacht hat. „Leider sind die Kinder bisher noch verhalten“, sagt Luisa Liebefinke, Netzwerkkoordinatorin bei der Koordinierungs- und Fachstelle „Demokratie leben!“. „Dabei werde ich oft darauf angesprochen. Die Kinder wissen Bescheid, das Interesse ist groß.“ Allein: Es wird in Staßfurt kaum genutzt.

Auch nicht in Aschersleben, Bernburg, Köthen und Quedlinburg. Auch in diesen Städten kann über „Actionbound“ eine digitale Schnitzeljagd gemacht werden. Nicht mehr als zehn Menschen hätten diese Tour laut Statistik bisher insgesamt in den fünf Städten gemacht. „Ich hatte aber bei der Eisdiele in Bernburg nachgefragt, wie viele dort bisher ein kostenloses Eis nach der Tour geholt haben. Das waren mehr, als laut Statistik angezeigt wird“, so Liebefinke. Der Verdacht liegt also nahe, dass die Zahlen nicht übereinstimmen und in Wirklichkeit mehr Kinder und Jugendliche die Tour gemacht haben.

Trotzdem verstärkt Liebefinke mit ihrem Team die Werbekampagnen noch einmal. Auf Instagram und Facebook hat sie darauf hingewiesen, auf der Homepage wird Werbung gemacht. Ein Kollege will es nun auch auf TikTok teilen. Dazu kommt Werbung in verschiedenen Medien.

Dabei kann der Rundgang nicht nur zur Lehrstunde für Demokratie werden. Man legt auch einige Meter zurück. Ich habe mitgeschrieben bei meinem Rundgang am Montag. Vom Startpunkt bis zum Ende waren es über 2,3 Kilometer zu Fuß. Bei mir muss sogar noch ein Kilometer draufgepackt werden, weil ich die ersten vier Punkte zweimal absolviert habe. Man tut also auch etwas für die Gesundheit. Natürlich kann die Tour auch mit dem Fahrrad absolviert werden.

Nur ein Problem gab es am Ende in Staßfurt. Das kostenlose Eis konnte ich mir leider nicht abholen. Das Eiscafé hatte aus unerfindlichen Gründen geschlossen. „Aber das macht ja nichts. Einfach die Auswertung speichern und später vorzeigen, wenn die Eisdiele wieder offen hat“, schlägt Luisa Liebefinke vor. Sie hilft mir, dass ich doch noch zu meiner Eiskugel komme.

Am Ende habe ich die volle Punktzahl erreicht. Das macht mich ein bisschen stolz. Ich habe alle Orte gefunden und konnte alle Fragen richtig beantworten. Darum geht es ja aber nur sekundär. Wichtig ist: Kinder und Jugendliche sollen in den langen Sommerferien vor die Tür gehen und dabei noch ein bisschen was über die Stadt lernen, in der sie leben.

Die Tour führt an Punkten vorbei, die wichtig für die Demokratie sind. So müssen zum Beispiel Stolpersteine gefunden werden, die an das Schicksal von Verfolgten des Nazi-Regimes in Staßfurt erinnern.
Die Tour führt an Punkten vorbei, die wichtig für die Demokratie sind. So müssen zum Beispiel Stolpersteine gefunden werden, die an das Schicksal von Verfolgten des Nazi-Regimes in Staßfurt erinnern.
Foto: Enrico Joo
Der Kompass zeigt an, wie weit es noch bis zum Ziel ist.
Der Kompass zeigt an, wie weit es noch bis zum Ziel ist.
Screenshot: Enrico Joo
Ist das Ziel gefunden, gibt es 100 Punkte.
Ist das Ziel gefunden, gibt es 100 Punkte.
Screenshot: Enrico Joo
Am Ende verrät die Auswertung, wie gut der Nutzer war.
Am Ende verrät die Auswertung, wie gut der Nutzer war.
Screenshot: Enrico Joo