Kleingärten

Staßfurter Paradies wird 100: Ein Hoch dem Zwerg – Knüppelsberg!

Zahlreiche junge Familien, nur ein Problemgarten und (normalerweise) viele Feste. Das kennzeichnet die Gemeinschaft des Leopoldshaller Kleingartenvereins „Am Knüppelsberg“, gegründet am 12. Juni 1921.

Von Falk Rockmann
Vereinsvorsitzender Uwe Radl freut sich, dass eine Verjüngung stattfindet. Zur Sparte gehören junge Familien und immerhin 28 Kinder zwischen zwei und 14 Jahren. Wie die Familie Berger mit Pepe.
Vereinsvorsitzender Uwe Radl freut sich, dass eine Verjüngung stattfindet. Zur Sparte gehören junge Familien und immerhin 28 Kinder zwischen zwei und 14 Jahren. Wie die Familie Berger mit Pepe. Foto: Falk Rockmann

Staßfurt - Das waren noch Zeiten, als Kleingärten verlost werden mussten, weil die Zahl der Interessenten die der zur Verfügung stehenden Parzellen weit übertraf. Die Geschichte des Vereins vom Knüppelsberg beschreibt dieses Vorgehen im damaligen Leopoldshaller Rathaus, nachdem die örtliche Regierung sehr viel Geld in die Hand genommen hatte: 47500 Mark für den Grunderwerb, 41000 Mark für die Einfriedung. Insgesamt 123047 Mark.

Laut historischen Unterlagen des Vereins übergab der damalige Bürgermeister Max Eggert die Anlage mit der Bitte, „dass die Gärten der Stadt zur Zierde und den Pächtern zur Freude gereichen“.

Soweit zum Beginn der Vereinsgeschichte mit Werkmeister Wilhelm Beutz als ersten Vorsitzenden.

Interesse am Gärtnern ungebrochen

Das Interesse am Gärtnern am Knüppelsberg scheint auch nach 100 Jahren ungebrochen, und der mittlerweile 19. Vereinsvorsitzende kann den Besucher durch blühende Landschaften führen. „Von 58 Parzellen ist nur eine nicht belegt“, berichtet Uwe Radl. Traumhaft im Vergleich zum allgemeinen Leerstandsproblem. Und der 54-Jährige nennt noch ein Pfund, was einen 100-jährigen Verein imposant macht: „Wir sind jünger geworden. Der Altersdurchschnitt unserer Mitglieder konnte von 68 auf 54 Jahre gesenkt werden.“

Möglicherweise liegt es an einer nicht allzu straffen Vereinsführung nach Kleingartengesetz. „Man muss heute einen goldenen Mittelweg finden zwischen den Paragrafen und den Bedürfnissen der jungen Leute“, weiß Radl, „Irgendwann werden die Rasenflächen auch wieder kleiner und die Gemüsebeete wieder größer.“ Und man dürfe sich auch nichts vormachen: Das kehrt sich nochmals um, je älter ein Gartenfreund wird.

Dass auch Corona dem Verein einen gewissen Zulauf gebracht hat, kann Uwe Radl bestätigen. 2019 gab’s noch fünf Leerstandsgärten in der Anlage. Der Vereinschef geht davon aus, dass die neuen Pächter mit großer Mehrheit bleiben. „Die Jugend hat gut investiert und die Lauben auf Vordermann gebracht, Bäume gepflanzt.“

Vielleicht werde der Wert eines Gartens auch wieder mehr geschätzt, weil sie nicht mehr verschenkt werden, wenn sie ihren Besitzer wechseln, denkt der Vereinsvorsitzende.

Es ist nicht zuletzt der Verdienst der älteren Generationen, die hier ihre Liebe zur Parzelle an ihre Kinder und Enkel weitergeben konnten. Es ist offensichtlich Tradition. Wie bei den Kochs beispielsweise. Rainer und Hildegards Scholle liegt seit 100 Jahren in der Hand der Familie. „Ich liebe diesen Garten. Das ist mein Lebenswerk“, beschreibt sie, ohne dass das Staßfurter Handball-Urgesteins eifersüchtig werden müsste. Der Bruder von Hildegard Kochs Opa war dabei, als vor einem Jahrhundert im Restaurant „Holle“ in der Grabenstraße der „Knüppelsberg“ als „Schrebergartenverein II – Leopoldshall“ aus der Taufe gehoben wurde.

Ähnliches aus der Familienchronik hat Manfred Boas zu berichten. Der 71-Jährige war schon als Kleinkind mit seinem Opa in Richtung Schrebergarten marschiert – am damals noch existierenden „roten Loch“ vorbei, wie er sich erinnert. Boas drückt seine Verbundenheit mit dem Garten hier so aus: „Weil’s Spaß macht, immer an der frischen Luft zu sein. Weil man immer jemanden zum Schlabbern findet. Und weil das Strandbad nicht weit ist.“

In 4. Generation „ackert“ und erholt sich der Vereinschef selbst und Marc Sternitzke sogar in 5. – beide übrigens mit den gleichen Vorfahren – hier oben. Ihr Uropa beziehungsweise Ururopa Paul Barth gehörte zu den ersten Pächtern von 1921.

Abgesehen von den persönlichen Geschichten blickt der Verein dank eines rührigen Vorstands und großzügiger Sponsoren auch auf ein gemeinschaftliches Leben, welches ebenfalls verdient hätte, groß gefeiert zu werden.

Feier muss auf 2022 verschoben werden

„Leider können wir nicht so wie wir wollen“, hat der Verantwortliche die aktuellen Auflagen für große Menschenansammlungen im Blick. „Wir wären weit über 100 Teilnehmer“, spricht Uwe Radl aus den Erfahrungen zurückliegender Vereinsvergnügen. Feste gefeiert wurde bis 2019 nicht nur im Sommer, sondern auch zum Männertag und zum Muttertag, im Herbst bei Bier und Schlachteplatte. Immer mit kleinen heiteren Programmen, welches die Vereinsmitglieder selbst gestalten. „Wir hatten auch schon eine Kutsche und die Jugendfeuerwehr hier“, so Radl.

Die üblichen drei tollen Tage mit Kinderfest und Fackelumzug am ersten bis Sonntags-Frühschoppen und einem gemeinsamen Zusammenräumen fallen leider erneut aus. Aber daran lässt der Vereinsvorsitzende keinen Zweifel: Der Schlachtruf „Hoch den Zwerg – Knüppelsberg!“ soll 2022 umso lauter erklingen, wenn nämlich der 100. nachgefeiert wird.

Eine Augenweide, diese Bienenweide vorm Insektenhotel, wenn sie blüht.
Eine Augenweide, diese Bienenweide vorm Insektenhotel, wenn sie blüht.
Foto: Birgit Radl
Rainer und Hildegard Koch pflegen  eine 100-jährige Familientradition. „Ich liebe den Garten", gesteht die Frau des Handball-Urgesteins.
Rainer und Hildegard Koch pflegen eine 100-jährige Familientradition. „Ich liebe den Garten", gesteht die Frau des Handball-Urgesteins.
Foto: Falk Rockmann
Ein Paradies ist der Knüppelsberg, wie allein diese mit Pollentracht bestückte Hummel auf einem Sonnenhut vermuten lässt.
Ein Paradies ist der Knüppelsberg, wie allein diese mit Pollentracht bestückte Hummel auf einem Sonnenhut vermuten lässt.
Foto: Birgit Radl
Mit einer Jubiläums-Erdbeertorte überraschte die Finanzerin des Vereins Birgit Radl (links) übern Gartenzaun die Frauen, die sich bei Frühjahrsputz im Vereinshaus ins Zeug legten, wie zum Beispiel Karin Kemper.
Mit einer Jubiläums-Erdbeertorte überraschte die Finanzerin des Vereins Birgit Radl (links) übern Gartenzaun die Frauen, die sich bei Frühjahrsputz im Vereinshaus ins Zeug legten, wie zum Beispiel Karin Kemper.
Foto: Falk Rockmann
Klaus Boas (links), Pächter in dritter Generation und Vereinsvorsitzender Uwe Radl blättern im Vereinshaus in historischen Unterlagen, unter anderem Pachtverträge von 1922 oder Produktionsberichten von 1952.
Klaus Boas (links), Pächter in dritter Generation und Vereinsvorsitzender Uwe Radl blättern im Vereinshaus in historischen Unterlagen, unter anderem Pachtverträge von 1922 oder Produktionsberichten von 1952.
Foto: Falk Rockmann
Karl-Heinz Roseneck und seine Frau Ursula haben sich ganz besonders um die Einrichtung des Naturgartens verdient gemacht, in dem es sogar Eidechsenburgen gibt.
Karl-Heinz Roseneck und seine Frau Ursula haben sich ganz besonders um die Einrichtung des Naturgartens verdient gemacht, in dem es sogar Eidechsenburgen gibt.
Foto: Birgit Radl