Stendal l Als die Gäste des Lebendigen Adventskalenders am vergangenen Freitag in die Jacobi-Kirche kamen, standen die mehr als zwei Meter großen Weihnachtsbäume noch ganz gesittet auf dem Boden. Wie sonst hätten die Gemeindemitglieder ihre mitgebrachten Strohsterne auch dranhängen sollen. Eine Tradition der Stendaler Jacobi-Gemeinde, ein „Selbstläufer“, wie es Pfarrer Thomas Krüger nennt, ein Stück adventliche Normalität.

Nicht so wie die Norm

Alles andere als das, was zu Weihnachten Norm zu sein scheint, ist die Art, wie und wo diese sieben Christbäume in der Jacobikirche stehen werden. Wieso eigentlich stehen? Dazu später.

Zuerst einmal ist Thomas Krüger wichtig zu erzählen, wie der Weihnachtsbaum überhaupt in die Kirche, in den christlichen Glauben passt. Dort gehörte er zu Luthers Zeit – bekanntlich ist die rund 500 Jahre her – noch gar nicht hin. Heidnisch war dieser Brauch und als solcher verpönt. Später hätten sich die Theologen „einen Kopf gemacht“, wie der Baum ins Weihnachtsbrauchtum integriert werden könnte. Lasst uns einen der beiden Bäume aus dem Paradies nehmen, den Baum des Lebens. Für ihn soll der zu Weihnachten geschmückte Baum Symbol sein, sei die pfiffige Idee der Kirchenmänner gewesen.

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Typisch Deutsch

„Und dann wird‘s wieder typisch Deutsch“, stellt Pfarrer Krüger fest. „Eine Ordnung musste her. Im 16. Jahrhundert gab es sie dann. Eine ‚Ordnung zum Schlagen von Weihnachtsmaien‘, so hieß das damals. Acht Fuß hoch sollte die Weihnachtsmaie sein. Das ist sie ja heute oft noch, so um die 2,40 Meter groß“, weiß der Pfarrer der Jacobikirche und schlägt mit einem „Übrigens“ den Bogen in die Gegenwart, zu den Weihnachtsbäumen in seiner Kirche im Allgemeinen und zur Art ihres Aufstellens im Speziellen. „Es war tatsächlich einmal Tradition, den Weihnachtsbaum unter die Zimmerdecke zu hängen. In den kleinen Stuben der kleine Häuser sparte man so Platz.“

Bauz, da ist es raus, das „Geheimnis“ um die Weihnachtsbäume 2015 in der Stendaler Jacobikirche. Die werden heute Abend nämlich nicht auf dem Kirchenboden stehen, sondern etwa zweieinhalb Meter über ihm „schweben“.

Mit Seil funkltioniert's nicht

Eigentlich hatte Thomas Krüger vor, sie an Stahlseile unters Gewölbe des Kirchenschiffs zu hängen. Aber diese Idee scheiterte an ihrer Umsetzbarkeit. So erdachte sich der Pfarrer 2,50 Meter hohe Stangen-Konstruktionen, die er am Montagabend mit Lars Nürnberger montierte und auf denen die Bäume thronen. Auf jeder der sieben Stangen einer, geschmückt und beleuchtet wie es sich zu Weihnachten gehört.

Mit Mangel an Platz in der Stendaler Jacobikirche hat diese Art des weihnachtlichen Schmückens jedoch nichts zu tun. Krüger geht es um das „Ooh-Erlebnis“ derjenigen, die das Gotteshaus zu Weihnachten betreten. Das freudige Überraschtsein. Das beschert Thomas Krüger den Besuchern seiner Kirche am heutigen Heiligen Abend nicht zum ersten Mal. „Vergangenes Jahr waren es die fliegenden Adventskränze. Als wir wieder abnahmen, habe ich gedacht: So, und was machst Du im nächsten Jahr? So kam ich auf die fliegenden Weihnachtsbäume.“

Sieben Sterne

Allerdings werden nicht nur sie für freudiges – so hofft der Pfarrer – Erstaunen sorgen. Schon draußen über dem Portal von St. Jacobi leuchtet den Besuchern ein Stern, ein großer, ein Herrnhuter. Insgesamt sieben dieser Sterne sind es, die den Besucher am heutigen Abend in die Kirche begleiten. Hoch oben hängen sie, jeder ein Stück höher als der vorherige, bis der siebente und größte Stern in der Höhe über dem Altar leuchtet. Um die Symbole, den Stern und den Baum, wird es auch in Thomas Krügers Predigt ab 18 Uhr gehen.

Geronnene Sehnsucht

„Geronnene Sehnsucht“, nennt Krüger diese Symbole, den Stern, den Baum, die Krippe im Stall von Bethlehem. „Sehnsüchte, die an Weihnachten besonders groß sind, die Weihnachten aber auch überfordern können. Wie die Sehnsucht nach einer heilen Welt. Unsere Welt ist nicht heil“, spricht Thomas Krüger eine Wahrheit aus, die angesichts von Millionen Menschen auf der Flucht eine bedrückend aktuelle ist. „Aber mit dem Kommen Gottes in diese Welt kann sie zur Heimat werden.“ So kommt zu dem Ooh-Erlebnis auch noch ein Aha, das dem Pfarrer mindestens ebenso wichtig ist.

Beides soll es auch im kommenden Jahr in der Jacobikirche geben. „Ich habe da schon ein paar Pläne, aber die verrate ich jetzt natürlich noch nicht“, sagt er, und tut es beim Blick auf die in der Kirche aufgebaute Krippe dann doch, ein Stück weit zumindest: „Ich habe so das Gefühl, dass uns Maria und Joseph im Laufe des kommenden Jahres hier noch einmal besuchen werden.“ Alles Weitere behält er für sich, denn: „Meine Gemeinde lässt sich gern überraschen.“