Das Programm zur Woche „Denken ohne Geländer“ (25. bis 30. Januar)

Rund um den 27. Januar, den Tag der Befreiung von Auschwitz, laden die Hochschule Magdeburg-Stendal und das Theater der Altmark zu einer Themenwoche ein. Sie findet vom 25. bis 30. Januar unter dem Titel „Denken ohne Geländer“ statt und bietet Filme, Lesungen, Theater, Vorträge und Workshops. Die Veranstaltungen entstanden mit Unterstützung der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt und in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Stadtgemeinde Stendal, dem Stadtarchiv Stendal, dem Winckelmann-Museum, dem Uppstall-Kino Stendal, der Stuve e.V. und dem Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit im Landkreis Stendal.

Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei.

Montag, 25. Januar

• 10-12 Uhr, Stadtarchiv Stendal: „Jüdisches Leben in Stendal“ – Dokumentation jüdischen Lebens im Stendaler Stadtarchiv mit Ina Nietzsche (Anmeldung bei Julia Heidecke unter Tel. 0157/51  37  79  70)

• 16 Uhr, Theatercafé: Welcome-Café, Geflüchtete und Altmärker können bei lockeren Gesprächen und Gesellschaftsspielen neue Bekanntschaften machen. Wer mit einem kleinen Auftritt etwas aus seiner Kultur beitragen möchte, kann sich bei Cordula Jung (03931/63  58  09) melden.

• 18 Uhr, Osterburg, Gemeindesaal, Burgstr. 19: „Rechtsaußen und nebenan – Völkische Siedler im ländlichen Raum“, Vortrag

Andreas Speit führt anhand regionaler und überregionaler Beispiele in Weltanschauung und Lebensformen der völkischen Siedler ein und diskutiert, wie im Alltag mit ihnen umgegangen werden kann.

• 18.30 Uhr, Hochschule Magdeburg-Stendal, Audimax, Osterburger Str. 25: „Hitlerjunge Salomon“, Filmvorführung mit anschließendem Gedankenaustausch

Ein Film über Sally Perel, der 1925 in Peine als Kind einer jüdischen Familie aufwuchs und als Scharführer in der Hitlerjugend-Schule in ständiger Gefahr, enttarnt zu werden, überlebte. Schulklassen melden sich bitte bei Stephanie Stößel, Tel. 01522/955  66  25.

Dienstag, 26. Januar

• 9-12 Uhr, Uppstall-Kino Stendal: „Er ist wieder da“, Filmvorführung mit anschließender Diskussion

Der teilweise durch Improvisationstheater entstandene Film zeigt Adolf Hitler, der 69 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mitten in Berlin erwacht. Was ist mit Deutschland in der Zwischenzeit geschehen? „Überall Ausländer, Demokratie und Euros“, das gefällt dem Ex-Diktator gar nicht. Und wie reagieren die Menschen auf ihn? Im Anschluss wird über gegenwärtige und historische Bezüge des Films diskutiert.

Schulklassen melden sich bitte bei Lisa-Marie Nord an: Tel. 0176/31  41  17  28

• 12.30-16 Uhr, Hochschule Magdeburg-Stendal, Haus 2 Raum 1.19:, Osterburger Str. 25:

„Abgeklebt und angezettelt“, Videoinstallation über Propaganda im öffentlichen Raum

Gezeigt werden Aufkleber, mit denen Meinungen im öffentlichen Raum angezettelt werden: für und gegen Flüchtlinge oder von und gegen Neonazis. Manchmal wird auch abgezettelt, so dass die Botschaften nur noch schwer zu entziffern sind. Fundorte und Bedeutung der Aufkleber werden in der hinterlegten Tonspur von Studierenden kommentiert.

•18 Uhr, Hochschule Magdeburg-Stendal, Raum 008, Breite Str. 63: „Geht es hier mit rechten Dingen zu?“, Politischer Salon „Die NPD im Fokus“, Vortrag von Andreas Speit

Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) hatte lange eine Scharnierfunktion zwischen neonazistischem Spektrum, Rechtsrockmilieu und parlamentarischem Rechtsextremismus. Aufgrund des Parteienprivilegs genießt die Partei – bislang noch – zu Recht Schutz. Das bedeutet aber nicht, dass sie demokratisch ist. Der Referent informiert über Ideologie, Struktur und Ziele dieser Partei.

Mittwoch, 27. Januar

• 19.30 Uhr, Theater der Altmark, Kaisersaal: „Ein ganz gewöhnlicher Jude“, Intendant Alexander Netschajew liest Charles Lewinsky

Als Emanuel Goldfarb, dessen Eltern den Holocaust überlebten, eine Einladung bekommt, Hamburger Schülern Fragen zum Judentum zu beantworten, spricht er wütend in sein Diktiergerät. Aus der Begründung, warum er der Einladung nicht folgen könne, wird ein ergreifender Monolog darüber, was es heißt, Jude in Deutschland zu sein. Die Plätze sind begrenzt, darum kostenlose Karten unter 03931/63  57  77 reservieren.

Donnerstag, 28. Januar

• 9-14 Uhr, Hochschule Magdeburg-Stendal, Aula, Osterburger Str. 25: „Nathans Weise“, Workshop zu Lessings „Nathan der Weise“. Anmeldungen bei Lena Kaersten unter Tel. 0157/52  84  78  93.

Freitag, 29. Januar

• 8-10 Uhr, Hochschule Magdeburg-Stendal, Osterburger Str. 25

Kinderuni – „Vielfalt im Weltferienlager“, Workshop für Kinder über Vorlieben und Abneigungen: Du bist gerade im Weltferienlager angekommen und mit dir andere Kinder aus der ganzen Welt. Ihr dürft selbst auswählen, mit wem ihr die nächsten zwei Wochen im gleichen Zelt wohnen wollt.

Die Teilnahme ist begrenzt, Anmeldungen bei Falko Leonhardt, info@kinderuni-stendal.de.

• 19.30 Uhr, Dom Stendal, Cordatussaal:

Hannah-Arendt-Lesung, mit Ingrid Birkholz, begleitet von Ronny Kaufhold (Klavier)

Schauspielerin Ingrid Birkholz liest aus Interviews, Briefen, Aufsätzen und Gedichten der großen Philosophin und Theoretikerin Hannah Arendt, die sich mit wichtigen politischen Fragen beschäftigte: Wie entsteht Totalitarismus, wie Antisemitismus? Als Berichterstatterin des Eichmann-Prozesses wurde sie wegen ihrer These von der „Banalität des Bösen“ hart angegriffen. Die Lesung bringt Hannah Arendt auch als Mensch nahe.

Sonnabend, 30. Januar

•18 Uhr, Theater der Altmark, Kleines Haus:

„Die Palästinenserin“, Gespräch zur Premiere mit dem Autor Joshua Sobol

Als Einführung in die aktuelle Premiere des TdA sprechen der Autor Joshua Sobol und der Historiker und Theaterwissenschaftler Stefan Hofmann über die Entstehungsgeschichte des Schauspiels „Die Palästinenserin“, über politische Hintergründe der Figuren und über die aktuelle Situation der in Israel lebenden Araber. Der Platz ist begrenzt, darum bitte kostenlose Eintrittskarten reservieren: Tel. 03931/63  57  77. Unter selber Nummer können auch (zu bezahlende) Karten für die anschließende Premiere um 19.30 Uhr bestellt werden.

Stendal l Nein, man muss der Hannah-Arendt-Lesung nicht fernbleiben, nur weil man noch nie etwas über sie oder gar von ihr gelesen hat. Ingrid Birkholz, die die Lesung gestalten wird, ging es nämlich anfangs genauso. „Ich kannte den großen Namen Hannah Arendt und wusste von ihrem Buch über den Totalitarismus. Ansonsten war ich unwissend.“ Und ja, der Film über Arendts Rolle als Berichterstatterin im Adolf-Eichmann-Prozess war ihr ein Begriff sowie die Kontroverse, die Arendt mit ihrer Formulierung von der „Banalität des Bösen“ auslöste.

Vor drei Jahren erstmals gelesen

Doch das war schon alles, was die Schauspielerin Ingrid Birkholz über die Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt (1906-1975) wusste. Bis vor drei Jahren, als sie auf Anfrage der TdA-Dramaturgin Aud Merkel in Perleberg bei einer Veranstaltung anlässlich des Gedenkens zur Pogromnacht auftrat – und aus dem Buch „Denken ohne Geländer“, das Texte von Hannah Arendt versammelt, las. Seither, sagt Ingrid Birkholz, sei sie jedesmal „wie elektrisiert, wann immer ich den Namen höre“.

Buch bietet vielfältigen Einblick

Das Buch „Denken ohne Geländer“– das der Themenwoche von Stendaler Hochschule und Theater der Altmark (siehe Infokasten) ihren Namen gab, empfindet Ingrid Birkholz angesichts des äußerst umfassenden Werks Hannah Arendts als so „ausreichend und vielfältig“, dass es sich hervorragend eben für alle eigne, die bisher nicht mit Hannah ­Arendt zu tun hatten. Darin gehe es nämlich – ganz im Gegensatz zum Arendt‘schen Denken ohne Geländer, einem radikal-unabhängigen Denken – „wie an einem Geländer entlang, auf so verständliche und sinnliche und keineswegs nur theoretische Weise“, sagt Ingrid Birkholz.

„Das ist so spannend und unserem Leben abgelauscht! Da springt die Begeisterung für Hannah Arendt über, und man kann nicht aufhören, mehr über ihre Lebensgeschichte, ihre philosophischen Fragen zur Politik und zur Situation des Menschen im vorigen, so blutigen Jahrhundert zu erfahren.“

Begeisterung in Blick und Gestus

Diese Begeisterung spricht in Wort, Blick und Gestus auch aus Ingrid Birkholz in dem Moment, wo sie über Arendt reflektiert. Nicht ganz unschuldig daran dürfte die von Heidi Bohnet und Klaus Stadler im Piper-Verlag herausgegebene Textsammlung „Denken ohne Geländer“ sein, die sie als „spannendes Lesebuch“ bezeichnet und aus der sie am 29. Januar ab 19.30 Uhr im Cordatussaal des Stendaler Domstifts vorlesen wird. Begleitet wird Birkholz dabei von Ronny Kaufhold am Klavier. Mit seinen Improvisationen wird er „die Denkpausen füllen und erfühlen“.

"Sie ist eine sinnliche Frau"

Neben Arendts politischem Denken kommt in der etwa 75-minütigen Lesung aber auch die menschliche Seite der Theoretikerin, die sich selbst nicht als Philosophin sah, zur Geltung. Arendts Freundschaften, Beziehungen und Leidenschaften, ihren Gedanken über ihr Judentum, über Flucht, Emigration und Konzentrationslager gibt das Buch ebenso Raum wie von ihr geschriebenen Gedichten und anrührenden Briefen – Ingrid Birkholz freut sich darauf, auch diese Facetten Arendts erlebbar zu machen. „Sie ist eine sinnliche Frau, ihre Lebendigkeit und Ausdrucksstärke sind einfach ansteckend. Es gehen einem der Kopf auf und das Herz.“

Anregung für eigenen Beruf

Ein im Prolog des Buches zitierter Ausspruch hat in Ingrid Birkholz selbst etwas wachgerufen. „Wenn ich arbeite, bin ich an Wirkung nicht interessiert“, hat Arendt einst einmal formuliert. „Das war eine Anregung für mich, meinen Beruf betreffend“, sagt die Schauspielerin Ingrid Birkholz. „Wenn ich mich ganz hingebe in einer Situation, ohne an die Wirkung nach außen zu denken, da glauben Sie gar nicht, was da aufgeht, es wird alles viel durchlässiger, viel wahrhaftiger.“

Der Enthusiasmus Birkholz‘ ob des Lebens, Denkens und Wirkens dieser Frau sprudelt aus ihr heraus, je länger sie über Hannah Arendt spricht.Mit der Lesung möchte sie diese Frau den Zuhörern nahebringen. Und als wenn es noch eines letzten, überzeugenden Arguments bedurfte, auf die Lesung neugierig zu machen, sagt Birkholz: „Hannah Arendt war eine Jahrhundertfrau!“

Lesung in Stendal

Die Lesung zu Hannah Arendt findet am Freitag, 29. Januar, um 19.30 Uhr im Cordatussaal des Domstifts Stendal statt. Eintritt frei.