Stendal l Wenn Archäologen und Denkmalpfleger über Funde berichten, ist immer auch etwas Erstaunliches oder Außergewöhnliches dabei. Für Bärbel Hornemann ist dies im Zusammenhang mit den Marktplatzgrabungen vor allem die Erkenntnis, dass der Stendaler Marktplatz um 1300 schon gepflastert war, und zwar mit Feldsteinen. „Das ist außergewöhnlich für diese Zeit, das konnten sich nur wohlhabende Städte leisten“, sagt die Mitarbeiterin der Unteren Denkmalschutzbehörde Stendal. Ebenso erstaunlich: Dass man bei der Neupflasterung des Marktplatzes im Jahr 1905 einen Teil der Steine jener Zeit wiederverwendet hat.

Flechtwerk schützte vor Erosion

Für Grabungsleiter Manfred Böhme sind es die freigelegten Schichten insgesamt, die ihn faszinieren. „Sie haben sich über einen Zeitraum von 60 Jahren abgelagert, also zwischen 1179, als die Kaufhaus-Baustelle schon in Gange war, und dem Beginn des 13. Jahrhunderts. In dieser Zeit wurde das Areal bei mehrtägigen Jahrmärkten besonders intensiv genutzt.“ Knochen- sowie holzverarbeitendes Handwerk sind ebenso nachweisbar wie die Verarbeitung und der Verkauf von Wolle, Leder, Blei und Silber. Pfostengruben unterschiedlichen Durchmessers deuten darauf hin, dass hier sowohl feste Stände aufgebaut als auch kurzzeitig Stöcke für Planen zum Schutz vor Sonne und Regen eingepflockt waren.

Den Abschluss dieser Schichten bilden nun Mitte August ans Tageslicht gekommene Entwässerungsgräben. „In niederschlagsreichen Jahren entschloss man sich, den Platz durch solche Gräben in einem trockeneren, begehbaren Zustand zu halten“, erklärt Manfred Böhme und setzt hinzu: „Sie hatten aber keinen Anschluss an die Uchte, sie waren in sich geschlossen.“ Innen waren sie mit einem Flechtwerk aus Eichenlatten und Birkenästen verkleidet, um sie vor Erosion zu schützen. Böhme schwärmt für die Gräben, da sie „sehr illustrativ“ sind und das Holz gut erhalten ist. Der jüngste dieser Gräben stammt von 1218, insgesamt waren rund 60 Meter Gräben auf der gesamten Marktfläche angelegt. Sie dienten gleichzeitig der Unterteilung der Händlerflächen, waren dennoch partiell mit Holzbohlen abgedeckt, damit man von Stand zu Stand gelangen konnte.

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Viel Spannendes zu erwarten

Nach der Entdeckung von Relikten eines Kaufhauses von 1179 an der Kornmarktseite sowie einer Markthalle aus dem 14. Jahrhundert mag das wenig spektakulär klingen. Doch für Böhme zählt das Gesamtbild der Funde: Aus seiner Sicht sind die Zusammenhänge und Strukturen im Grunde auch interessanter als die Funde an sich. „Wir wissen im Einzelnen ohnehin noch gar nicht, was in all den Tüten drinsteckt, die jetzt im Landesamt sind. Das Wichtigste war, alles in hohem Tempo und kurzer Zeit zu dokumentieren und zu bergen. Da wird noch viel Spannendes zutage treten, was uns Aufschluss darüber gibt, wie die Marktfläche genutzt wurde.“

Die Gräben sind nun sowohl i-Tüpfelchen auf als auch Schlusspunkt hinter die Grabungen. Donnerstag dieser Woche war der letzte Tag für Grabungsleiter Manfred Böhme und sein Team. Nun rücken die Baufirmen an, Archäologen sind nur noch baubegleitend zur Stelle, wenn doch noch zufällig Funde gemacht werden.

Präsentation im Herbst 2017

Die Reinigung und Dokumentation der Grabungsfunde vom Stendaler Marktplatz findet im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle statt und wird wohl bis in den Herbst 2017 dauern. Danach sollen die Ergebnisse öffentlich präsentiert werden. „Es wird auch für uns sehr spannend sein, das Gesamte nun zusammenzufügen“, sagt Bärbel Hornemann.