Stendal l In rund 1,30 Meter Tiefe wechselt die Erdschicht von einem gelblichen Farbton in tiefes Schwarz. 50 bis 60 Zentimeter stark ist diese Schicht. „Die dunkle Farbe ist ein Zeichen für organisches Material, das wahrscheinlich dort entsorgt wurde“, schätzt Andreas Neubert vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie ein. Er fungiert als Grabungsleiter bei den archäologischen Untersuchungen, die begleitend zu den Erdarbeiten in der Rathenower Straße stattfinden. Er ist sich recht sicher: „Wir haben einen Graben gefunden, man kann ihn auch als Gosse interpretieren.“

Dafür spricht nicht nur die Erdfärbung, sondern auch eine Art hölzerner Pflock. Neubert, der nach zahlreichen Ausgrabungen in der Stadt durchaus als Stendal-Kenner bezeichnet werden darf, zieht einen Vergleich mit der Hohen Bude. Dort sei vor etwa zehn Jahren ebenfalls ein Abwassergraben entdeckt worden, der mit Flechtwerk und ähnlichen Hölzern wie dem jetzt gefundenen befestigt gewesen war.

Zufallsfund beim Schachten

Der Grabenabschnitt war ein Zufallsfund. Zu Füßen der Gaststätte „Deja Vu“ war geschachtet worden, um einen alten Hausanschluss freizulegen. Doch entgegen von Planungsanlagen befand sich dort gar kein Anschluss – stattdessen der Entwässerungsgraben aus dem Mittelalter, also aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. Der Graben verläuft von Nord nach Süd, „straßenbegleitend am heutigen Schadewachten und der Breiten Straße“, so Neubert.

Bilder

Die Geschichtsforscher vermessen nun den Abschnitt, fertigen Fotos an, dokumentieren ihre Arbeitsergebnisse. Und sie hoffen auf Funde dort. So hat Mitarbeiter Torsten Herm eine Scherbe entdeckt, die im Grabenrand steckt und nun freigelegt und geborgen wird.

Seit Mitte Juni begleiten Neubert und Herm die Bauarbeiten in der Rathenower Straße, bei der es bislang zur Erneuerung von Hausanschlüssen in die Tiefe ging. Um die 50 Löcher, berichtet Neubert, seien so entstanden, die die Archäologen in Augenschein nehmen.

Einfahrtsschneise am Arneburger Tor

Mit einiger Erwartung. „Das ist eine interessante Straße. Sie befand sich innerhalb der Stadtmauern und hatte eine ganz andere Bebauungsstruktur als heute“, begründet Neubert. So sei der Platz, der die Sperlingsida beherbergt, vor einigen hundert Jahren größer gewesen, weil dort keine Gebäude standen. Zudem sei die Rathenower Straße ein wichtiger Zufahrtsweg nach Stendal gewesen, heute würde man wohl von einer Ost-West-Einfahrtsschneise sprechen. Einst hieß sie Vor dem Arneburger Tor, was auf das entsprechende Stadttor hinwies. Ende des 18. Jahrhunderts wurde es abgerissen.

Doch zurück zu den Grabungen: Bislang haben Neubert und Herm rund 1000 Einzelfunde zu Tage gefördert. „Typische Abfälle“, wie der Grabungsleiter sagt. Dazu zählen Keramik von Küchen- und Kochgeschirr sowie Knochen als Überreste von Speisen. Gestoßen sind die Forscher bei ihrer Arbeit aber auch auf Glas und Reste von Dauben. Zwar seien die Glasfunde spärlich, liefern aber Hinweise auf den Gebrauch von becherartigen Trinkgläsern mit sogenannter Fadenauflage als Muster, erklärt Neubert. Bei den Dauben handelt es sich um kleine Holzgefässe, in denen beispielsweise Nüsse aufbewahrt wurden.

Gute Chancen für Holzfunde

Bei den Holzfunden profitiert das Duo in der Rathenower Straße vom „feuchten und luftdichten Milieu“, wie es der Grabungsleiter bezeichnet. Da bleibe Holz, aber auch Leder gut erhalten. Darauf gründet sich auch die Hoffnung auf weitere aussagekräftige Funde, wenn am Hauptkanal gearbeitet wird. Vage Hinweise auf einen Knüppeldamm, also eine mittelalterlichen Straße aus Holz, gebe es in der Rathenower Straße bereits. Ein eindeutiger Beleg und eine genaue Datierung würde ein weiterer Mosaikstein in der Erforschung der Stendaler Stadtgeschichte sein. Vor Jahresfrist gelang so ein Fund, der zeitlich genau zugeordnet werden konnte. Da legten Neubert und Herm in Wüste Worth einen öffentlichen Brunnen von 1178 frei.