Stendal l Das Erfreuliche vorweg: „Die von uns im Vorjahr beanstandeten Mängel sind beseitigt“, sagt Reiko Lühe. Es hat aber trotzdem überraschende Erkenntnisse auf der diesjährigen Testreise mit Bus und Bahn gegeben. Doch der Reihe nach:

Mit dem Zollstock misst Reiko Lühe den Abstand zwischen Bahnsteigkannte und Zug. „Es passt“, sagt der 45-Jährige, der wie seine Mitreisenden Wiebke Bretschneider, Johanna Michelis und Claudia Bolde zum Inklusionsbeirat des Landkreises Stendal gehört. Mit dabei auch Roland Müller vom Heimbeirat der Lebenshilfe-Wohngruppe in der Fichtestraße. Ihr Treff ist am Sonnabendmorgen der Hauptbahnhof in Stendal, ihr erstes Reiseziel Tangermünde.

Hans erfüllt Standards

Im „Hans“, wie der Zug von der Hanseatische Eisenbahn GmbH genannt wird, ist alles in Ordnung. „Hier gab‘s schon im Vorjahr nichts zu beanstanden“, sagt Claudia Bolde. Per Anzeigen und Durchsagen wird der Reisende informiert, groß genug sind Abstellflächen für Kinderwagen, Fahhrräder und Rollstühle. Die einfache Fahrt kostet 3,20 Euro, Roland Müller fährt als Schwerbehinderter frei, ebenso eine ihn begleitende Person.

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In Tangermünde warten Lolita und Marcus Graubner. Beide sind wegen der Bauarbeiten auf dem Stendaler Bahnhof von der Zugfahrt mit „Hans“ quasi ausgegrenzt. Sie als Rollstuhlfahrerin, er als schwer Gehbehinderter, denn dem Zugang zum Bahnsteig 8 (Verlängerung von 3) über den Röxer Tunnel mit den steilen Treppen fehlt jegliche Barrierefreiheit. Dafür ist der Service in Tangermünde top.

Rufbus mit Extra-Service

Pünktlich fährt der Rufbus am Bahnhof vor, Kai Naumann lässt sofort die Rampe herunter, fährt die 46-Jährige mit dem Rolli rein und sichert sie. Schnell wird das Fahrgeld (4,20 Euro) kassiert, den Rufbus-Zuschlag von 1,50 Euro müssen alle bezahlen. „Das ist auch in Ordnung“, sagt Lolita Graubner, „vor allem wegen des Entgegenkommens“, ergänzt Johanna Michelis. Sie habe die Gruppe bei der Stendalbus GmbH einen Tag vorher angemeldet und gefragt, ob der Rufbus zum Bahnhof kommen könne. Die Haltestelle befindet sich nämlich in der Lindenstraße. „Mit dem Entgegenkommen haben wir uns den Sieben-Minuten-Fußmarsch erspart.“

Während es vorbei an Feldern und Wiesen geht, notiert Reiko Lühe, der Vorsitzender des Inklusionsbeirates und auch Chef des Altmärkischen Gehörlosenverbandes ist, im Testprotokoll: „Mängel beseitigt.“ Erfreut zeigt er auf die leuchtende Infoleiste, auf der die Haltepunkte zu lesen sind. Mit der Nachrüstung sei nun auch ein Gehörloser im Rufbus bestens informiert. Alles andere sei „tadellos“, ist sich die Gruppe einig und bedankt sich bei Kai Naumann für die reibungslose Fahrt zum Bahnhof in Tangerhütte.

Schnittstelle Bus und Bahn

Dort ist 2006 die erste barrierefreie Schnittstelle zwischen Bus und Bahn im Landkreis Stendal eingeweiht worden; Bund, Land und die Stand haben den Ausbau finanziert. Es ist ein gepflegter, moderner Bahnhof, „aber erste Stolperkanten gibt es schon wieder“, stellen Johanna Michelis und Claudia Bolde, die in der Kreisverwaltung im Teilhabemanagement tätig sind, fest. Man sollte die Fugen nachbessern, notieren sie. Ebenso, dass Aushänge mit den Zugfahrplänen an den Bahnsteigzugängen fehlen, es keine Lautsprecherdurchsage gibt und die öffentliche Toilette geschlossen ist. „Wegen andauerndem Vandalismus“, begründet Marcus Graubner Letzteres, wobei dafür weder Bus noch Bahn, sondern die Stadt Tangerhütte der Entscheidungsträger ist.

Graubner, Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland, kenne auch den Grund für die fehlende akustische Information seitens der Deutschen Bahn. „Tangerhütte erreicht die sogenannten Einstiegszahlen nicht, um die Reisenden per Lautsprecher zu informieren.“

Spontanität fehl am Platz

Daraufhin entscheidet sich seine Frau Lolita spontan die Einstiegszahlen zu erhöhen und will von Tangerhütte nach Stendal mitreisen. Per Telefon wird versucht, einen Hilfsdienst für die Rollstuhlfahrerin auf dem Stendaler Bahnhof zu organisieren. Vergebens, die Bahnhofsmission ist am Wochenende nicht besetzt, beim Mobilien Hilfsdienst der Bahn hätte sie sich spätestens tags zuvor anmelden müssen. So wird die trotz ihrer Krankheit lebensfrohe und agilen Frau ausgebremst und greift auf den Fahrdienst ihres Vater zurück. „Spontanität geht gar nicht, das verbittet mich maßlos“, sagt Hans-Jürgen Schaffrath und begleitet seine Tochter zum Auto.

Wenig später fährt der Regionalzug ein und hält, jedoch nicht exakt. Die Türen befinden sich nicht genau dort, wo auf dem Bahnsteig weiße quadratische Felder im Boden eingearbeitet sind. „Sie dienen Blinden und Sehbehinderten zur Orientierung und signalisieren, hier ist ein Einstieg“, erläutert Claudia Bolde. Sie und die anderen Tester sehen über den Fehler hinweg, ihre Gedanken sind bei Lolita, die sie zurück gelassen haben.

Rampe im Zug - Benutzung eingeschränkt

Von der technischen Ausstattung des Regiozuges her, hätte es nicht sein müssen. Im Einstieg zwischen 1. und 2. Klasse gibt es eine moderne Rampe. Sie wird auf Knopfdruck raus- und wieder reingefahren. „Ja, aber bedient wird sie nur von uns“, sagt die Zugbegleiterin auf Nachfrage. Deshalb sei es ratsam, dass sich ein Rollstuhlfahrer vor Reiseantritt anmeldet. Auf die fragenden Gesichter antwortet die Bahn-Mitarbeiterin: „Es gibt keine Garantie, dass immer ein Zugbegleiter an Bord ist.“ Johanna Michelis ist überrascht und sagt: „Solch eine Einschränkung bei einer Regionalbahn - das hätte ich nicht gedacht.“

Erfreuliches dann noch bei der Ankunft in Stendal. Nicht nur, dass Lolita Graubner wieder das Test-Team komplettiert, sondern auch eine Hürde für sie als Rollstuhlfahrerin weg ist. Aus eigener Kraft kann sie die Eingangstür zum Bahnhofsgebäude öffnen. „Das ging mit der anderen Tür nicht, sie war viel zu schwer“, erinnert sich die Tangerhütterin an die Tortur im Vorjahr. Ohne Hilfe würde sie trotzdem nicht von Bahnsteig 1 ins Bahnhofsgebäude gelangen. „Die Rampe am Eingang ist zu steil.“ Und für die Gruppe Grund genug, „die Barrierefreiheit von Bus und Bahn im Januar 2021 zu wiederholen“, sagt Reiko Lühe.