Stendal l Das Jubiläum klingt beim ersten Hören etwas seltsam: „80 Jahre am Mönchskirchhof“. So lange hat die Stendaler Stadtbibliothek ihr Domizil im Backsteingemäuer an besagtem Platz. Aber ist das ein Grund zu feiern, wie es die dort anlässlich des Jahrestags aufgebaute Ausstellung suggeriert? Für Leiterin Brigitte Schnellhardt und ihr Kollegium schon, denn es ist ja auch die Geschichte der Bibliothek an sich. Und: „In diesen 80 Jahren hat sich wahnsinnig viel in der Entwicklung der technischen Bearbeitung getan“, betont Schnellhardt, die gern auch ihren Stolz auf diese Zeitspanne bekundet. Schließlich hat sie die Hälfte davon als Angestellte und die letzten zehn Jahre als Leiterin miterlebt.

Diese Entwicklung des Leihens, von der sie spricht, ist in den drei zunächst recht unscheinbaren Vitrinen im Obergeschoss sichtbar gemacht. Es gibt Publikationen, die von der Geschichte des Buches an sich erzählen, aber es gibt auch einige Exponate, die dem Betrachter ein Lächeln entlocken – rufen sie doch die Erinnerung an Zeiten wach, als die Leihfrist für ein Buch noch ins Leserheft und auf die Buchkarte gestempelt wurde, wobei Letztere mal im Karteikasten, mal in der hinten im Buch eingeklebten Papierecke steckte.

Mit Lesezimmer fing es an

Diese Details kann man sich allein durchs Anschauen nur zum Teil erschließen, wer mag, den begleitet eine Bibliotheksmitarbeiterin aber auf Nachfrage auch gern mit Erläuterungen zu den Schaukästen.

Denn was man da nicht explizit findet, ist die Geschichte der Einrichtung selbst. Seit 1939 also „wohnt“ die Bibliothek im letzten erhaltenen Teil des einstigen Franziskanerklosters. „Aber sie besteht schon seit 1910“, macht Schnellhardt neugierig. Damals hieß sie „Öffentliche Volksbücherei des Allgemeinen Bildungsvereins“, hatte ihr Domizil in der Volksknabenschule (heute Diesterweg-Sekundarschule), war mehr oder weniger ein Lesezimmer und verfügte über 1200 Bände Literatur. Es standen dann mehrere Umzüge an, erst in den Ratskeller in der Gerichtslaube und dann 1934 in die Hallstraße 35, wo heute die Volkshochschule ist.

Selbst stöbern erst seit 1966

Am 1. August 1939 fand die Neueröffnung im Erdgeschoss der sanierten Klosterbücherei am Mönchskirchhof 1 statt. Da waren es dann schon gut 6000 Bände Literatur. Die konnte man anfangs aber noch gar nicht so ausleihen, wie man es heute gewohnt ist. „Da sagte man dem Bibliothekar seine Wünsche, der verschwand dann zwischen den dicht an dicht gestellten Regalen und suchte das Gewünschte heraus“, beschreibt Schnellhardt das Vorgehen.

Als großen Schritt bezeichnet sie daher das Jahr 1966, als es eine Freihandbibliothek wurde, man also ganz nach eigenem Gusto schauen, stöbern, raussuchen konnte. Das dauert heute womöglich sogar länger als einst, denn der Bestand ist auf beachtliche 60.000 Medien gewachsen, 44.000 davon sind Bücher.

Dass die Bibliothek auch einen personellen Namen hat, nämlich seit 1986 „Anna Seghers“, ist vielen Stendalern vermutlich immer noch neu. Genauso wie die Tatsache, dass man keinen Beitrag zahlen muss, um die Bibliothek betreten und in den Regalen stöbern zu dürfen. Und noch mehr: „Man kann hier einfach verweilen und lesen, aber man muss auch nicht lesen“, sagt Cordula Stallmann, die seit 1990 zum Mitarbeiterstamm gehört und natürlich auch als Nutzerin registriert ist. Sie sieht es gern, wenn Schüler in der Bibliothek ihre Freistunden oder Buswartezeiten verbringen oder ihre Hausaufgaben machen. „Auch Studenten sitzen hier oft einfach so, arbeiten am Laptop.“ So kann es zugehen in Bibliotheken.

Noch dominiert das Buch

Wie lange sie wohl noch Bibliotheken heißen werden? Noch ist der ursprüngliche Namensgeber, das Buch (griechisch: biblio), für jeden, der den Blick durch die Räume schweifen lässt, offenkundig bildangebend und sorgt mit seiner in Regalen geordneten Mannigfaltigkeit auch für die unverwechselbare Aura einer Bibliothek. Doch längst beherbergt der wörtlich so zu übersetzende Bücherkasten neben dem gedruckten Buch auch virtuell-elektronisch abrufbaren Lesestoff, ebenso Filme, Musik, Hörbücher, Konsolenspiele und Zeitschriften. Und für die sogenannte Onleihe muss man noch nicht mal die Bücherhalle selbst betreten – wenngleich man da durchaus was verpasst, nämlich die so augenfällige wie subtile Verbindung aus geschichtsgetränktem massiven Backstein und zurückhaltend modern-transparantem Neubau. Beide Epochen sind so elegant miteinander verknüpft, dass man diese ambigue Gestalt des Gebäudes beinahe gar nicht bemerkt.

Vielleicht ist die Bibliothek der Zukunft irgendwann nur noch ein Virtual-Reality-Meetingpoint in irgendeiner Community-Cloud, zu der man sich per Subkutan-Chip Zugang verschafft. Aber bis dahin ist der Stendaler Bücherkasten für Cordula Stallmann und ihre Kollegen ein „offener Ort der Begegnung und Kommunikation mit gutem Service und immer einem offenen Ohr“.