Das Massaker an der Feldscheune Isenschnibbe:

Die Körper der Opfer qualmten noch

Durch die Ermordung von über 1000 KZ-Häftlingen in der Isenschnibber Feldscheune, am 13. April 1945, gelangte Gardelegen zu trauriger Berühmtheit. Hier die Vorgeschichte, die Ereignisse um die Kapitulation der Stadt und das Massaker aus amerikanischer Sicht (Teil 7):

Von Friedrich-Wilhelm Schulz
Ein Foto, aufgenommen in der Scheune.
Ein Foto, aufgenommen in der Scheune. Foto: National Archiv Washington DC

Gardelegen - Wie überall durchkämmten die amerikanischen Soldaten auch in der Gardeleger Region nach der deutschen Kapitulation die Häuser und suchten nach Waffen und deutschen Soldaten. Am 15. April entdeckte eine Streife, informiert von Kriegsgefangenen, die Isenschnibber Feldscheune und stieß auf die grausigen Überreste des Massakers. Die Soldaten waren entsetzt und informierten sofort die vorgesetzte Dienststelle.

Vom Regiment wurde der Divisionsstab in Bismark informiert und die ersten Berichterstatter fanden sich ein. Die Nachricht über das Massaker verbreitete sich im Korps und in der Armee wie ein Lauffeuer. Innerhalb kürzester Zeit waren alle höheren Stäbe informiert.

Durch Handgranatenwurden Menschen zerfetzt

Einer der US-Frontberichterstatter war Hugh Schuck. Er schrieb am 18. April 1945 in der „Times Herald“: „Gerade außerhalb der Stadt ist ein ziegelnes Lagerhaus, in dem die verkohlten Körper hunderter Häftlinge heute noch immer schwelten. Sie waren eingeschlossen und lebendig verbrannt worden.

Haufen von geschwärztem Fleisch, hautlose Schädel und Stümpfe, die einst Arme und Beine waren, liegen aufgeschichtet vor den Toren, wo diese menschlichen Fackeln dachten herauszukommen. Außerhalb des Gebäudes sind zerrissene Körper von denjenigen, die sich unter den Toren durchgegraben hatten, um von den Wachen mit Maschinengewehren durchsiebt zu werden. Hinter dem Gebäude sind zwei lange Gräber, halb voll, in denen 700 Opfer gerade beerdigt wurden, als die amerikanischen Truppen in die Stadt einrückten. Möglicherweise wurden einige lebend begraben.“

Im G-2-Tageslage-Bericht Nr. 165 der 102. Infanterie-Division vom 15. bis 16. April ist vermerkt: „Endgültiger Beweis von der Art und Weise wie die Deutschen ihre politischen Gefangenen beseitigen, wurde heute in Gardelegen (...) festgestellt. Dort in einer Backsteinscheune (...) des Ortes wurden die verkohlten Körper von schätzungsweise 300 Polen, Juden, Franzosen und Russen entdeckt, die lebendig verbrannt wurden, weil sie nicht mit den Grundsätzen der Nazis einverstanden waren.

Einer von sechs Augenzeugen der Scheußlichkeit, der es fertig brachte zu entkommen, behauptet, die Gefangenen seien vom Osten 1000 Kilometer weit bis vor drei Tagen hier nach Gardelegen transportiert worden. Unterwegs wurden die Männer nur mit rohen Kartoffeln verpflegt und diejenigen, die schlappmachten, wurden erschossen. Spätnachmittags am Freitag, den 13. April kamen die Gefangenen nach Gardelegen und wurden in die Scheune getrieben, in der sie übernachten sollten, wie sie annahmen. Der Boden war jedoch mit benzingetränktem Stroh bedeckt und um 18 Uhr wurde das Stroh in Brand gesetzt. Alle, die aus dem Gebäude zu entkommen versuchten, wurden erschossen und andere Ausbrecher wurden mit Handgranaten zerfetzt.“

Der Bevölkerung wurdendie Opfer gezeigt

Militärisch knapp und sachlich wird der Tatbestand an die Vorgesetzten gemeldet. Der amerikanische Bericht spricht nicht von KZ-Häftlingen, sondern die aufgefundenen Toten wurden in allen amerikanischen Berichten als Häftlinge oder Gefangene, teils sogar russische Gefangene, bezeichnet. Der Kommandeur der 102. US-ID, Frank A. Keating, war erschüttert und ordnete an, dass jeder männliche Einwohner Gardelegens zur Stätte des Grauens gebracht werden soll, um den entsetzlichen Anblick wahrzunehmen.

Die männlichen Einwohner, die Bürgermeister und Parteigrößen der umliegenden Orte wurden unter militärischer Bewachung zur Scheune geführt, wo sie die noch qualmenden Opfer des Massakers betrachten mussten. Ihnen wurde aufgetragen, allen Bewohnern ihrer Dörfer darüber zu berichten. Auch Angehörigen der US-Armee, die man zur Scheune gebracht hatte, wurde ausdrücklich erlaubt, allen Bekannten und Freunden über das Gesehene zu berichten.

Der Obergefreite Jack Montrose, damals in der Nachrichtenabteilung der 29. ID., berichtet 1995: „Ich glaube, ich war wahrscheinlich unter den ersten eingeladenen Beobachten, die den Ort besuchen konnten. Es waren nur sehr wenige Menschen anwesend, als ich das erste Mal eintraf. Während meines kurzen Aufenthalts versammelten sich allerdings immer mehr. Bei meiner Ankunft traf ich nur einen einzigen amerikanischen GI, den ich befragen konnte. Es sah so aus, als wenn er mehr oder weniger der Einzige war, der angewiesen war, sich um die ablaufenden Dinge zu kümmern. Eine kleine Gruppe von Offizieren ging herum, zeigend und erzählend. Sie waren offensichtlich unabhängige Beobachter, wie ich einer war.

Als wir gerade dabei waren den Ort wieder zu verlassen, erreichte ein Fahrzeug mit amerikanischen Krankenschwestern den Ort. Daran kann ich mich noch gut erinnern, da sie lachend und witzelnd der Scheune entgegen gingen. Als sie nahe genug heran waren, um zu begreifen, was sie da sahen, kehrte die Hälfte der Gruppe umgehend zu ihrem Fahrzeug zurück und zwei von ihnen mussten sich übergeben.“

Mit letzter Kraft wurdenTore aufgebrochen

Das XIII. Armee-Korps hatte ab dem 16. April sein zentrales Feldlazarett im Wald bei Estedt aufgeschlagen. Das 184. Sanitäts-Bataillon mit der 446. und 448. Sanitäts-Transport-Kompanie und der 625. Sanitäts-Aufklärungs-Kompanie verblieben dort bis zum 5. Mai 1945.

Montrose weiter: „Das Stroh in der Scheune lag nicht sehr hoch, vielleicht mal zwölf Inches (etwa 30 Zentimeter). Es lag ein starker Brandgeruch in der Luft. Ein Teil des Strohs hatte nicht gebrannt, vermutlich war es feucht oder nicht mit Treibstoff vollgesogen. Ich erinnere mich an ein kleines bisschen Rauch vom glimmenden Stroh.

Die Körper in der Scheune waren fast alle in unmittelbarer Nähe zur aufgebrochenen Tür. Ich erinnere mich an mindestens ein Loch, wahrscheinlich gab es aber mehrere, die wie auch immer durch die Mauer geschlagen wurden, um Luft zu bekommen. Die inneren Wände der Scheune waren schwarz vom Rauch, nicht alle aber die meisten und das bis zu einer Höhe von vier Fuß (etwa 122 Zentimeter). Die aufgebrochene Tür war extrem schwer und solide gebaut. Ich war erstaunt, dass Leute in so schlechter Verfassung stark genug waren, um diese schwere Tür aufzubrechen.

Es gab noch weitere Türen in der Scheune. Ich kann mich noch an weitere große und eine kleine erinnern, weiß aber nicht mehr, ob diese auch aufgebrochen waren. Es gab keine Anzeichen, dass das Feuer heftig war. Die meisten Gefangenenuniformen waren unverbrannt. Die Opfer, da gibt es keinen Zweifel, starben entweder an einer Rauchvergiftung oder durch Kugeln.

An einer Ecke war der Standort eines Maschinengewehrs. Eindeutige Spuren am Boden zeigten, dass ein Maschinengewehr wiederholt von diesem Standort abgefeuert wurde. Vielleicht gab es weitere Standorte, die nicht aufgefallen waren. An verbrauchte Munitionshülsen kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht habe ich sie einfach ignoriert.

An der aufgebrochenen Tür lag ein Stapel von Körpern. Ich wehre mich eine genaue Zahl zu raten. Auf allen Bildern ist der Stapel nicht mal annähernd so groß wie ich ihn in Erinnerung habe. Der Stapel erstreckte sich über beide Seiten der Türöffnung hinaus und erreichte in der Mitte eine Höhe von 4,5 bis 5 Fuß (etwa 130 bis 150 Zentimeter). Es müssen also viele Körper bereits entfernt worden sein, bevor die Bilder aufgenommen wurden.

Eine Reihe von Körpern lag vor der Scheune. Auch hier kann ich nicht die Anzahl raten, aber die Reihe war etwa 90 Fuß lang (zirka 27 Meter). Eine zweite Reihe von Körpern lag etwas weiter von der Scheune. Ich kann keine Beweise anführen, die belegen, dass auch mehrere Jungen in der Gruppe waren. Auf halbem Weg entlang der Reihe waren zwei oder drei Körper, welche als Jungen erschienen, ungefähr 14 Jahre alt. Sie lagen nebeneinander. Dann waren da noch zwei Gräben, die noch nicht geschlossen waren. Diese Gräben müssen nach dem Feuer ausgehoben worden sein.

Eine schnelle Flucht derTäter war möglich

Eine Graspiste und ein Gebäude waren 0,25 bis 0,5 Meilen entfernt und in einem Tal unterhalb der Scheune. Mir wäre es nicht aufgefallen, wenn da nicht der Windsack auf dem Dach gewesen wäre. Das war eine oft genutzte Startbahn, die vermutlich nichts mit den Gräueltaten zu tun hatte, allerdings wenn ein Flugzeug verfügbar war, kann dieses eine schnelle Flucht für Teilnehmer der Schreckenstaten ermöglicht haben.

Ich werde niemals glauben, dass es irgendwelche Überlebenden von diesem Ort gibt. Die Täter waren offensichtlich für lange Zeit vor Ort. Wenn man den Zustand der Gefangenen bedenkt, kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand den Rauch und die Kugeln überlebt hat oder unentdeckt blieb.“