Die Flora und Fauna der Altmark:

Eine effektive Bekämpfung scheitert an deutschen Bürokraten

Von Bernd Heinze
Die Raupen des Eichenprozessionsspinners.
Die Raupen des Eichenprozessionsspinners. Foto: Bernd Heinze

Altmark - Zahlreiche Tiere und Pflanzen haben in der Altmark ihr Zuhause. In verschiedenen Episoden wird die heimische Flora und Fauna in ihren Zusammenhängen erklärt. Heute: der Eichenprozessionsspinner.

Die Raupen des Eichenprozessionsspinners sind wieder im Anmarsch. Wie nun schon seit über 100 Jahren in dieser Region, werden uns auch in diesem Jahr wieder Millionen von diesen behaarten Raupen an den Eichen „beglücken“. Die unangenehme Wirkung dieser Massenvorkommen erstreckt sich auf zwei Bereiche: Das ist einmal die Schädigung der Eichen, die bei mehrjährig aufeinanderfolgendem Kahlfraß durchaus nicht zu unterschätzen ist. Zum anderen ist da noch die unangenehme Wirkung der Raupenhaare bei Kontakt mit der menschlichen Haut.

Aber auch Tiere können davon betroffen sein. Die Wirkung geht aber nicht von den langen, sichtbaren Raupenhaaren aus, sondern von äußerst kurzen, wie eine Samtschicht den Raupenkörper bedeckenden Haaren, die ab dem dritten Raupenstadium in immer größerer Zahl auftreten. Da sich die Raupen bis zur Verpuppung noch mehrmals häuten, werden auch diese Gifthaare mit der Haut abgestreift und bleiben somit an den Eichenstämmen und am Boden noch lange wirksam. Wenn diese Gespinste keinen Witterungsbedingungen ausgesetzt werden, können die Gifthaare noch nach mehreren Jahren auf der Haut Entzündungen hervorrufen.

Auch andere Insektensind in Gefahr

So manche Kommunalpolitiker werden nun plötzlich aktiv und setzen sich Jahr für Jahr für eine Bekämpfung der Raupen ein. Nun war aber dieses Jahres in einem anderen Zusammenhang in der Presse zu lesen, dass eine Kommune nicht für typische, sich aus der Natur ergebende, Gefahren haftet. Es ging um einen Sturz in ein vom Biber gegrabenes Loch. Es heißt: Das Risiko beim Betreten der freien Landschaft liegt grundsätzlich beim Betretenden. Wenn es also doch zu einem bedauerlichen schweren Zwischenfall kommt, braucht sich deswegen kein Bürgermeister selbst anzuzeigen.

Die Gefahren durch die Gifthaare der Raupen sind in der Region schon über 100 Jahre bekannt. So gibt es Berichte aus den Jahren 1760 und 1778 aus der Umgebung von Dessau-Roßlau und auch aus Jerichow aus der Zeit um 1850. Aus Havelberg wird in den Jahren 1936, 1937 und 1938 umfangreich über Vorkommen, Belästigungen und Bekämpfungsmaßnahmen berichtet.

Von den Kommunen organisiert und vom Land bezahlt laufen auch in diesem Jahr wieder die unterschiedlichsten Bekämpfungsmaßnahmen. Unter „unterschiedlich“ ist zu verstehen: Es gibt viele Maßnahmen, die durchaus zweckmäßig, vernünftig geplant und auch erfolgversprechend sind. Aber es sind auch solche zu beobachten, die völlig sinnlos, übertrieben und unwirksam nur von dem „Erfolg“ gekennzeichnet sind, Geld zu verpulvern. Genaugenommen sind unzweckmäßige Bekämpfungen der Raupen sogar ein Verstoß gegen Naturschutzbestimmungen, weil viele andere Tiere, vor allem aus dem Bereich der Wirbellosen, ebenfalls vernichtet werden. Ein Mittel, das nur gegen die Raupen der Eichenprozessionsspinner wirkt, gibt es nämlich nicht. Auch viele Gegenspieler, also die natürlichen Feinde der Raupen, werden dadurch mit vernichtet, wie etwa Raupenfliegen und Schlupfwespen.

Stimmen der Fachleute werden nicht gehört

Äußert man nun als Fachmann seine Bedenken, bekommt man keine sachliche Antwort. Darauf warte ich nun schon über einem Jahr. Auf mehrmaliger Nachfrage erfahre ich immer nur, an wen zuletzt meine Anfrage übergeben wurde. Dann ist Ruhe. Eine sachliche Antwort würde natürlich erst einmal die erforderlichen Kenntnisse eines Mitarbeiters voraussetzen.

Ein Problem der deutschen Bürokratie kann allerdings von den Kommunen auch nicht umgangen werden: Wenn der Einsatz eines Hubschraubers geplant werden soll, muss dieses europaweit ausgeschrieben werden. Das braucht Zeit. Zeit, die eine sachliche Entscheidung über den mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwartenden Umfang des Befalls überhaupt nicht möglich macht. Ein Nachweis von Eigelegen im Herbst bedeutet noch lange nicht, dass es im Jahr darauf zu einem Massenauftreten der Raupen kommen wird. Das kann man mit Sicherheit erst sagen, wenn die ersten Raupen geschlüpft sind, denn es gibt so viele negative Einflüsse auf ihre Entwicklung. Dann wären immer noch zwei bis drei Wochen Zeit, die Bekämpfung zu organisieren.

Aber in Deutschland ist das nicht möglich. Hier wäre es ein „schrecklicher Zustand“, wenn man nach intensiver Kontrolle des tatsächlichen Befalls feststellen würde, dass bereits für die Bekämpfung bewilligtes Geld überhaupt nicht benötigt wird. Bewilligtes Geld zurückzugeben ist verwaltungstechnisch nämlich ein sehr komplizierter Vorgang.