Stendal l Wenn der Kreistag demnächst mit dem Abfallwirtschaftskonzept die Strategie für die nächsten Jahre festlegt, dürfte es auch um diese Frage gehen: Können und wollen wir den Bioabfall vor Ort nutzen, um Energie zu erzeugen? Während der Diskussion über die neuen Satzungen zur Abfallentsorgung und zu den Abfallgebühren hatte die AfD-Fraktion bereits angekündigt, das Thema intensiver behandeln zu wollen. Denn gerade die große Menge an Bioabfall im Landkreis Stendal biete sich zur Erzeugung von Biogas und Wärme an, sagte Fraktionsmitglied Arno Bausemer. Er kündigte zudem an, dass es zu Jahresbeginn einen Prüfantrag seiner Fraktion geben soll, ob eine solche Bioabfallverwertung möglich wäre und unter welchen Bedingungen.

In einem offenen Brief an den Kreistag und Landrat Patrick Puhlmann (SPD) hatte zudem Karl-Heinz Ziebarth aus Seehausen gefordert, dass Bioabfall als Biomasse genutzt wird zur Energieerzeugung.

Nordmethan stellt sich vor

Und dabei gibt es bereits Unternehmen, die sich eine Investition dafür vorstellen können – und das auch schon im Landkreis vorgestellt haben. „Wir stehen parat, entscheiden muss aber der Kreistag“, sagte Reiner Instenberg, Projektleiter bei der Firma Nordmethan, im Volksstimme-Gespräch. Schon im Oktober, als der Wirtschaftsförderungsausschuss des Kreistages die Biomethan-Raffinerie im Arneburger Industriegebiet besucht hat, ging es darum, wie aus landwirtschaftlichen Abfallprodukten Biogas hergestellt wird.

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Darüber hinaus nutzte Reiner Instenberg die Möglichkeit, in einigen Fraktionen das Unternehmen und dessen Möglichkeiten, unter anderem eine Erweiterung am Standort Arneburg, vorzustellen. Dabei wiederholte er das Angebot, den gesamten Bioabfall, der im Kreis anfällt, für die Methanproduktion zu verarbeiten. Aktuell wird der Bioabfall bei Polte, einem Ortsteil von Tangerhütte, kompostiert.

Für das Abfallwirtschaftskonzept wünscht sich Reiner Instenberg, dass darin nicht mehr nur das Kompostieren festgeschrieben wird, sondern auch eine höherwertige Verwertung der Bioabfälle. „Der Landkreis muss sich diese Option offenhalten, um nicht hinterherzulaufen“, so der Stendaler. Nordmethan, das zur international agierenden Muttergesellschaft Weltec Biopower gehört, sei daran interessiert, gemeinsam mit dem Landkreis ein Projekt anzugehen, aus Bioabfällen Biomethan zu produzieren. Dafür könnte zum Beispiel mit Versorgungsunternehmen oder mit der ALS eine Gesellschaft zum Betrieb gegründet werden, so eine Überlegung.

Betriebe bieten Potenzial

Was die Abfälle angeht, dafür sieht Reiner Instenberg „ein großes Potenzial“ im Landkreis und denkt dabei unter anderem an Großbetriebe in der Lebensmittelindustrie. Denn neben den organischen Abfällen aus der Biotonne, die allein den Bedarf nicht decken würden, können auch Schlachtabfälle, verpackte Reste aus Supermärkten, Fette und Öle, Lebensmittel-Fehlchargen, Kantinen- und Restaurantabfälle, grüne Tomaten, Schlempe (Nebenprodukt in der Brennerei) und anderes mehr in der geschlossenen Anlage vergärt werden. Auch Hühnerkot habe einen hohen Energiewert.

Die Produktion und Nutzung von Biomethan direkt vor Ort hat für Reiner Instenberg neben dem ökologischen (Stichworte Klimaneutralität in der EU bis 2050 und Verzicht auf fossile Brennstoffe) auch einen finanziellen Aspekt – denn ab diesem Jahr gibt es die CO2-Bepreisung für Verkehr und Wärme, die die Preise steigen lässt. Eine Alternative, so Instenberg: „Hier produziertes Biomethan könnte zum Beispiel für die Fahrzeuge der ALS oder im Nahverkehr eingesetzt werden oder von Großvermietern.“ Gerade wegen der Kosten, die sich mit jedem zusätzlichen Kilometer erhöhen, „könnten kleinere regionale Standorte interessant werden, wenn sie sich rechnen. Am Ende wird die Entfernung entscheiden.“

Für den Bau einer Anlage zur Bioabfallverwertung benötigen die Unternehmen aber eine längerfristige Sicherheit, schon wegen der Finanzierung der Investition. Für die Kompostierung wurden die Verträge nur für wenige Jahre geschlossen. Der aktuelle Vertrag für Polte läuft bis Mitte 2022 und kann um zwei beziehungsweise ein Jahr bis spätestens Mitte 2025 verlängert werden. Für die Zeit danach zeigt sich der Landkreis offen: Die Möglichkeiten zur hochwertigen Verwertung von Bioabfällen aus der Biotonne sollen im Zuge der Erarbeitung des Abfallwirtschaftskonzeptes „verfahrensoffen diskutiert“ werden, hieß es vor einigen Wochen aus dem Landratsamt.

In den Startlöchern und in Kontakt mit dem Landkreis Stendal steht auch das Mannheimer Energieunternehmen MVV. Das hat Mitte Dezember mit der Gemeinde Colbitz eine Vereinbarung zur Grundstückssicherung abgeschlossen. Auf dem etwa drei Hektar großen Grundstück soll eine Bioabfallvergärungsanlage gebaut werden. Geplant ist eine Investition von rund 20 Millionen Euro, bis zu fünf Arbeitsplätze sollen entstehen.

Standort für drei Kreise

In der Anlage sollen nach Fertigstellung Bioabfälle aus den Landkreisen Bördekreis, Stendal und Jerichower Land sowie aus der Stadt Magdeburg vergärt werden, um daraus grünen Strom und hochwertigen Kompost zu gewinnen. Aus dem Landkreis Börde und der Umgebung werden etwa 33.000 Tonnen Bioabfall erwartet. Das regionale Bioabfallaufkommen im Umkreis von 70 Kilometern um Colbitz liegt bei rund 40.000 Tonnen pro Jahr.

„Wir haben bewusst nach einem mittig gelegenen Standort gesucht, um eine Biovergärungsanlage zu planen, denn wir brauchen eine gewisse Größe“, erklärte Dirk Tempke vom Bereich Geschäftsentwicklung der MVV Umwelt GmbH, die Ende Dezember für eine ähnliche Anlage in Bernburg den ersten Spatenstich gesetzt hat. Denn: „Energie aus Abfall ist ein wichtiges Thema. Darum wollen wir bei der energetischen und stofflichen Nutzung eine Rolle spielen“, ergänzte Julian Bott, Projektverantwortlicher der MVV. Den Vorteil von Bioerdgas beschreibt er so: Es wird aus Abfällen gewonnen, die sowieso anfallen, und ist darum als erneuerbare Energie deutlich zuverlässiger verfügbar als Windkraft und Sonnenenergie. Und: Biovergärungsanlagen vermeiden im Vergleich zur offenen Kompostierung den Ausstoß klimaschädlicher Emissionen.

Mit der Reservierung des Colbitzer Grundstückes, günstig an der A 14 gelegen, ist ein wichtiger Schritt gemacht. „Wir sind auf der Hälfte des Weges, alles ist ein Prozess“, so Julian Bott. Ein Start der Anlage in den Jahren 2024/25 sei realistisch. Die nächsten Monate sollen genutzt werden, um im Austausch mit den Landkreisen, Entsorgungsunternehmen und anderen das Projekt zu konkretisieren.

Mit den landwirtschaftlichen Biogasanlagen, von denen MVV in der Börde vier betreibt, werde die geplante Bioabfallvergärungsanlage wenig zu tun haben. „Es ist eher eine Industrieoptik, die Anlage ist komplett eingehaust“, erklärte Julian Bott.