Stendal l Es war die Zeit ihrer Jugend, einer aufregenden, einer schönen. So, wie die Jugend wohl zu jeder Zeit war und ist. Die Zeit, in der man sich selbst erkennt, in der man noch nicht viel vom Leben, aber eines ganz genau weiß: Wir machen es anders als die Alten, weil wir anders sind.

Lauter Rock und kurze Röcke

Zumindest wollte man es sein oder werden, relativiert Sabine Lange, Anfang der 70er Jahre Studentin und an diesem Abend neben Helmut Billy Groth und Klaus Grigoleit einer der drei Zeitzeugen dieses Jahrzehnts, die Gastgeber Donald Lyko aufs Podium des dritten Erzählcafés gebeten hatte.

Als der Rock lauter und die Röcke kürzer wurden, so das Motto des Abends – ein durchaus treffendes, wie sich schnell herausstellen sollte.

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Ja, die Röcke wurde kürzer, verdammt kurz, in den Augen mancher „Alten“ unverschämt kurz. Sabine Lange und ihre Freundinnen fanden das natürlich überhaupt nicht. Und wenn es zur Disko (damals meist noch mit ‚k‘ geschrieben) ging, „dann wurde der Minirock, wenn er immer noch zu lang erschien, oben einfach einmal umgeschlagen und fertig“, erinnert sich Sabine Lange. Das seinen dann manchmal nur noch „etwas breitere Gürtel“ gewesen, schildert Klaus Grigoleit.

Auf den Tanzsälen zu Hause

Lächeln und zustimmendes Nicken im Publikum.

Und da man gerade mal beim Thema Mode war, kamen auch noch die Schlaghosen und die kunterbunten Dederon-Hemden mit den langgezogenen Kragenecken für den modebewussten jungen Herrn der 70er sowie der Rollis der jungen Damen zur Sprache – gern figurbetont unter der offenen Bluse (auch unterm FDJ-Hemd) getragen. Dass die „West-Jeans“ den Jugendlichen Vorteile beim Einlass in die Disko verschafften, wie es ein im Harz Aufgewachsener aus dem Publikum in den 70er erlebt hat, konnten die Stendaler Zeitzeugen nicht bestätigen. Allerdings: „Vernünftig, wenn auch leger, angezogen sollte man schon sein“, bestätigt Helmut Billy Groth. Der Mann muss es wissen. Er war auf den Tanzsälen zu Hause – als Diskotheker oder Schallplattenunterhalter, wie das offiziell damals in der DDR hieß.

Eine Bezeichnung übrigens, die man sich nicht einfach so zulegen konnte. Wer auf die Bühne wollte um aufzulegen, der hatte vorher einen Lehrgang zu absolvieren, eine Prüfung abzulegen und wurde dann von einer Kommission des Kreiskabinetts für Kulturarbeit eingestuft. Nicht ohne ein Programm vorzustellen. So sollte garantiert werden, dass auch die Unterhalter kulturpolitisch „auf Linie“ blieben, erinnert sich Klaus Grigoleit. Auch er wie Groth in den 70ern als Diskotheker unterwegs, zwar weniger auf Jugendtanzveranstaltungen, dafür mehr auf Brigade- und ähnlichen Feiern. Und dort wurde natürlich nicht das gespielt, was offiziell gefordert und zur Einstufung vorgeführt worden war, sondern das, was das Publikum wünschte. „Von 60:40 (60 Prozent Ost-Titel und maximal 40 Prozent West-Titel) war dann keine Rede mehr“, sagt Grigoleit, wobei es auch Tabus gab. „Titel wie ‚Sonderzug nach Pankow‘ von Udo Lindenberg gingen gar nicht“, erinnert sich Klaus Grigoleit.

Mitschreiben und mitsingen

Musik war auch im Leben von Sabine Lange etwas, das verband, speziell mit der besten Freundin. Gemeinsam haben sie vom RIAS Titel auf Tonband aufgenommen, sie dann stückweise abgespielt, um die englischen Texte in selbst entworfener Lautschrift aufzuschreiben und auswendig zu lernen. „Verstanden haben wir vieles nicht, aber wir konnten unsere Lieblingslieder mitsingen und darauf kam‘s ja an.“

Mit Musik sind auch ihre besten Erinnerungen an die Weltfestspiele in Berlin verbunden. Als Studentin war sie 1973 dabei. „An jeder Ecke hat eine andere Gruppe gespielt. Das war unser kleines Woodstock“, sagt sie. Augenscheinlich war Sabine Lange nicht die einzige aus der Erzählcafé-Gemeinschaft dieses Abends, die jene 73er Welt- jugendspiele live miterlebten. Anekdoten wurden zum Besten gegeben. An Synonyme wie „Feldbettspiele“ oder „Inter-Pimper 73“ erinnerte man sich im Publikum. Geprägt wurden sie jedoch wohl meist von denen, die nicht dabei waren und dieses Manko mit umso mehr Phantasie auszugleichen versuchten.

Jeden Abend woanders zum Tanz

Wie auch immer: Während der 70er Jahre in der DDR im Allgemeinen und in Stendal im Speziellen jung gewesen zu sein, war überwiegend toll, so der Tenor des Abends. Das lag sicher auch an Diskothekern wie Billy Groth und Klaus Grigoleit, von denen es damals mehr als 20 in Stendal gab, glauben die beiden zu wissen.

Sie hätten dafür gesorgt, dass man in Stendal in den 70er an jedem Abend in der Woche irgendwo zum Tanz gehen konnte, wenn man das wollte. Und heute...