Stendal l „Ich brauchte eine Orientierung, in welche Richtung mein Weg gehen soll. Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) war kürzer als ein Studium, deshalb habe ich mich als Freiwilliger in der Regieassistenz im Theater der Altmark beworben“, erzählt der 19-jährige John Schulz. Er hat sein FSJ gemeinsam mit vier anderen jungen Erwachsenen am Theater der Altmark (TdA) in Stendal absolviert. Die fünf gehören damit zu mehreren hundert Freiwilligen, die jährlich in Sachsen-Anhalt gegen kleines Taschengeld in sozialen, kulturellen und ökologischen Einrichtungen mithelfen. Hinzu kommen 112 Personen, die in Stendal einen Bundesfreiwilligendienst (BFD) leisten.

Ab 1. September startet das nächste Freiwillige Soziale Jahr, für das sich Interessierte noch bewerben können. Der Bundesfreiwilligendienst ist an kein bestimmtes Datum gebunden, es sind aber noch Stellen offen.

Wie ist es denn um die Bewerberquote bestellt? „Die Zahlen sind bei uns auf Kreisebene gleich geblieben. Die Plätze sind schnell weg, besonders die Kita ist sehr beliebt“, erklärt Franziska Schütz, Pressesprecherin des DRK-Kreisverbandes Östliche Altmark. Auch Annemarie Walter, Fachbereichsleitung Freiwilligendienste Kultur und Bildung Sachsen-Anhalt, stimmt zu. Die Anfragen seien in diesem Jahr gestiegen. Ob das an Corona liege, sei noch nicht geklärt.

Die 21-jährige Laura Baumgardt hat sich im letzten Jahr nach einem Auslandsaufenthalt für das FSJ am TdA entschieden: „Ich wollte die Theaterpädagogik kennenlernen. Das habe ich getan und jetzt für mich entschieden, weiter in diese Richtung zu gehen.“

Alle fünf FSJler haben während des Jahres für sich gemerkt, dass sie weiter am Theater arbeiten wollen. Über die berufliche Orientierung hinaus haben sie sich persönlich weiterentwickelt.

„Noch vor dem Jahr wäre mir dieses Interview nicht möglich gewesen, ich konnte nicht mit Menschen reden. Das fällt mir inzwischen leicht“, schildert John Schulz seine Erfahrungen. Auch der 20-jährige Jannik Borsee hat für sich gelernt: „Man wird gezwungen, zu kommunizieren. Dadurch, dass wir in diese Blase geworfen wurden, konnte ich viel mitnehmen.“

Neben den 40-Stunden-Wochen haben die FSJler fünf Seminarblöcke, in denen sie auf Freiwillige aus dem Land treffen. Beim zwölfmonatigen Bundesfreiwilligendienst sind 25 Seminartage vorgesehen.

Persönliche Entwicklung und gleichzeitiges Engagement der FSJler und BFDler für die Gesellschaft – sind das nicht ideale Voraussetzungen für einen Pflichtdienst, wie ihn Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer anregt? Franziska Schütz wünscht sich, dass jeder Schulabgänger einen Freiwilligendienst macht. Sie sieht die Vorteile darin, dass jeder das Gesundheits- und Pflegesystem kennenlernen könnte.

„Jugendliche würden verstehen, dass es nicht unattraktiv ist, mit Menschen zu arbeiten und sie zu betreuen“, fasst Schütz zusammen. Dass die Betreuung der Freiwilligen bei einem Pflichtjahr sichergestellt sein muss, ist für sie unumgänglich. Darüber hinaus sollten die Stellen für ein solches Vorhaben attraktiver gestaltet werden.

Auch Annemarie Walter spricht sie sich gegen einen Pflichtdienst aus. Walter argumentiert: „Der Freiwilligendienst soll ein Engagement für die Gesellschaft sein, das sich nicht durch Zwang ausdrückt. Entweder man hat Lust darauf oder nicht.“ Außerdem müssten für einen Pflichtdienst genügend Stellen vergeben werden können, für die es Personal in der Betreuung braucht. Schon jetzt gibt es in einigen Bereichen zu wenig Einsatzstellen auf zu viele Bewerber, wie Michael Harms, Geschäftsführer der Internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten Sachsen-Anhalt, zu bedenken gibt. Er hält nichts vom Pflichtdienst. „Am besten läuft es, wenn sich junge Leute freiwillig zum Dienst entscheiden“, fasst Harms zusammen.

Anstelle eines Pflichtdienstes fordern Freiwilligendienstträger und auch die Freiwilligen selbst bessere Bedingungen, um FSJ und BFD attraktiver zu gestalten.

Für mehr Attraktivität von Freiwilligendiensten könnten zum Beispiel sorgen, wenn es mit kostenlosen Bahn- und Busfahren verbunden ist. Ebenso mit einem höheren Taschengeld. Bei den fünf TdA-Freiwilligen betrug es knapp 370 Euro. Die fünf Freiwilligen haben einen weiteren konkreten Ansatz. „Viele kennen das Freiwillige Soziale Jahr gar nicht. Es würde schon reichen, stärker auf die Möglichkeit des Freiwilligendienstes aufmerksam zu machen. Dann kann jeder selbst entscheiden, ob Studium, Ausbildung oder erstmal FSJ oder BFD“, sagt die 19-jährige Greta Campen.