Tangermünde l Torsten Ladwig holt eine kleine „Plastik-Rennpappe“ aus der Vitrine und fragt: „Warum wurde der Trabbi in den 80-er Jahren ohne Motor gebaut?“ Die Antwort liefert er spontan: „Erstens ging es sowieso nur noch bergab und zweitens gab es genug Autoschieber.“ - Solche kleinen Requisiten nimmt der Tangermünder, besser bekannt als „Lotte Püttelkow“, gern mit auf Tour und baut die dazugehörigen Gags in seine Programme ein.

Doch aktuell ist „Lotte“, das komödiantische Aushängeschild der Kaiserstadt, coronabedingt zur Untätigkeit gezwungen. Ladwig hat nun Zeit, sich seinem riesigen Fund aus DDR-Utensilien zu widmen. In seiner Garage und in mehreren Kellerräumen bewahrt er alles auf, was an die untergegangene Republik erinnert – von der Kino-Eintrittskarte bis zum Motorrad der Marke MZ mit Beiwagen. „Die gönnte ich mir zu meinem 50. Geburtstag“, zeigt er stolz auf das Gefährt.

DDR-Sammler seit Jahren aktiv

Ansonsten gibt er für dieses Hobby in der Regel kein Geld aus. Er sammelte im Laufe der Jahre, was andere wegschmeißen wollten. Alte Zeitungen und Zeitschriften stapeln sich beispielsweise meterhoch. Ladwig stöbert gern in dieser Lektüre, besonders wenn es einen Bezug zu Tangermünde gibt. Schmunzelnd schlägt er den Anzeigenteil einer Volksstimme aus dem Mai 1978 auf: „Für die vielen Glückwünsche, Blumen und Geschenke anlässlich unserer Vermählung danken wir allen recht herzlich – Dr. Rudolf Opitz und Frau Marion...“ - Ob sich Opitz, langjähriger Bürgermeister in Tangermünde, noch an diesen Anzeigentext erinnern kann?

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Der Sammler nimmt eine andere Zeitung zur Hand. „Unsere Republik umarmt Valentina und Jury“, titelte das „Neue Deutschland“ am 6. Oktober 1963. Anlässlich des 14. Jahrestages der Republik waren der erste Mann im All, Jury Gagarin, und die erste Frau im All, Valentina Terschkowa, zu Gast in der DDR. Was die beiden Kosmonauten nicht wissen konnten: Am 6. Oktober 1963 wurde in Plau am See auch der kleine Torsten Ladwig geboren. Das macht diese Zeitung so wertvoll für ihn.

Schon zu DDR-Zeiten gesammelt

Gesammelt habe er schon zu DDR-Zeiten, so der Tangermünder. Während er die Briefmarken aus damaliger Zeit noch sein eigen nennt, sind die über 100 Bierdosen aus der einstigen Bundesrepublik mittlerweile verschwunden. „Eine Leistung war das damals aber schon“, lacht er. „Schließlich hatten wir keine Westverwandtschaft.“

Wie in so vielen Familien landete nach dem Mauerfall aber auch bei den Ladwigs vieles im Müll, was an den „realen Sozialismus“ erinnerte. Erst ein besonderer Fund inspirierte ihn die Dinge zu bewahren, die seine Kindheit und Jugend bestimmten. Der gelernte Baufacharbeiter war 1995 in der Sturm GmbH beschäftigt, einem Unternehmen, das sich mit der Verwertung von Militärbekleidung beschäftigt. Durch Zufall fand er im Haufen von über 200 000 Armeekoppeln der NVA den Gürtel, den der drei Jahre lang während seiner Dienstzeit tragen musste. „Es war mein Name, in meiner Schrift“, ist er sich sicher, dass eine Verwechselung ausgeschlossen ist.

DDR-Erinnerungen

Seine Leidenschaft für DDR-Erinnerungen war geweckt und Freunde und Bekannte waren froh für ihr „Ausrangiertes“ einen dankbaren Abnehmer gefunden zu haben. Mittlerweile dürfte der ein oder andere Spender aber schon bereuen. Denn speziell in Ladwigs Spielzeugabteilung befinden sich einige Stücke, die wieder an Wert gewinnen. Ob Blechspielzeug, oder ein kabelgesteuerter Pkw der Marke „Wolga“, es sind Dinge die in Sammlerkreisen gesucht sind und auch schon in der Kult-Trödelsendung „Bares für Rares“ für anständige Preise den Besitzer wechselten.

Das alte Schaukelpferd und Co. dürfen noch seine drei Enkel nutzen. Wenn diese dann auf dem DDR-Dreirad der Marke „Liliput“ ihre Runden drehen, wird dem Opa sogar warm ums Herz: „So einen hatte ich mir als Kind auch immer gewünscht, ihn aber nie bekommen.“

DDR-Fabrikat noch im Dienst

Überhaupt verrichtet manch ein DDR-Fabrikat im Hause Ladwig noch immer seinen Dienst. So sind Kompressor und Bohrmaschine noch im Einsatz und auch in die Wanne der alten Schubkarre „passt mehr rein.“ Die Enkel „sind auch ganz scharf darauf, mit der MZ aus der Kindertagesstätte abgeholt zu werden.“ Schließlich sind da noch die über 100 Schallplatten „mit denen ich manchmal meine Gäste nerve. Querbeet, von den Puhdys, über Karat und City, selbst Hauf und Henkler, was wir in unserer Jugend nun überhaupt nicht hören wollten.“

Es ist die Nostalgie, mit der der Tangermünder seine Liebhaberei für alles aus DDR-Produktion begründet. „Keinesfalls will ich dieses System vergöttern“, schiebt er sofort nach und begründet: „Hätte es die Wende nicht gegeben, hätte ich heute beispielsweise nicht als Comedian arbeiten können.“ Er wolle Geschichte zum Anfassen für die Nachwelt bewahren, Jüngeren erzählen, wie einst das normale Leben war: „Kohle über zwei Etagen schleppen, Altstoffe sammeln, stundenlanges analoges Spielen bis hin zu unsinnigen politischen Parolen“, lacht er.

In Zeitkapseln wird Geschichte verstaut

Aus diesem Fundus heraus kann Ladwig aber auch mit so mancher Mär aufräumen: „Es gab in der DDR keine Preiserhöhungen? Von wegen...“, kramt er schmunzelnd Lamettaverpackungen aus drei Epochen hervor. Kostete diese Weihnachtsdekoration anfänglich noch 21 Pfennig, steigerte sich der Preis über 52 Pfennig bis später auf eine Mark.

Da sein Fundus regelmäßig wächst, der Platz knapp wird und er nichts wegschmeißen will, fand er als bisher darstellender Künstler so auch zur bildenden Kunst. Ladwig baut mit verschiedenen Utensilien durchsichtige, individuelle Zeitkapseln in der Größe 20 mal 20 Zentimeter. Diese können neutral bestückt oder auch persönlich zugeschnitten sein. Wer beispielsweise vor 30 Jahren oder mehr in der Tangermünder Marmeladenfabrik arbeitete, kann auf ein Etikett vom „VEB Ogema“ hoffen.

Solch eine umfassende Sammlung kann darüber hinaus auch ein gewisses Gefühl der Sicherheit geben. Ladwig zeigt auf einen großen Karton im Regal, vollgepackt mit 95 Rollen original DDR-Klopapier. „Wir hatten also vorgesorgt“, meint er augenzwinkernd mit Blick auf die zurückliegenden Hamsterkäufe von Hygieneartikeln.