Stendal l Die Tür zum Friseursalon von Kerstin Prause in Stendal steht offen. Am Tag nach der Pressekonferenz von Angela Merkel zu weiteren Maßnahmen während der Corona-Krise schaut die 56-Jährige dort nach dem Rechten. Voraussichtlich dürfen Friseure ab Montag, 4. Mai, wieder arbeiten. Und das nicht zu früh. Die versprochenen Soforthilfen hätten zum Überleben nicht gereicht.

„Im Moment leben wir vom Geld von meinem Mann“, sagt die Friseur-Obermeisteirn. Von der Soforthilfe könne sie für Betriebskosten vielleicht 2000 Euro in Anspruch nehmen, schätzt die Stendalerin. Die März-Gehälter ihrer fünf Mitarbeiter musste sie bereits aus privater Tasche bezahlen. Für April erhalten sie Kurzarbeitergeld.

Friseure haben auf mehr Hilfe gehofft

Sie und andere Friseure im Landkreis haben sich Bernhard Brauer zufolge während des Arbeitsverbotes mehr Hilfe erhofft. Der Geschäftsfrüher der Kreishandwerkerschaft im Landkreis Stendal ist enttäuscht, dass statt dem Infektionsschutzgesetz des Landes Soforthilfen, Kredite oder sogar Hartz IV die Existenz der Selbstständigen retten sollen. Der 63-Jährige erklärt, dass durch ein ausgesprochenes Arbeitsverbot auf der Grundlage des Infektionsschutzgesetzes Arbeitnehmer und Arbeitgeber eine bessere finanzielle Unterstützung erhalten hätten. Angestellte hätten für sechs Wochen weiter volles Gehalt erhalten und ab der siebten Woche entsprechen der Höhe des Krankengeldes. Selbstständige hätten den erwarteten Verdienstausfall erstattet bekommen.

„Diese Regelung gilt ausschließlich für Personen, die direkt einem Ausübungsverbot ihrer bisherigen Erwerbstätigkeit unterliegen“, erklärt Matthias Stoffregen, Pressesprecher des Wirtschaftsministeriums Sachsen-Anhalt. „Das bedeutet im Umkehrschluss: Unmittelbare Entschädigungen ... werden nicht an Unternehmen gezahlt, die von Schließungen durch die SARS-CoV-2-Eindämmungsverordnung des Landes nur allgemein betroffen sind.“

Kunden machen erste Termine beim Friseur

Vor dem Salon von Kerstin Prause steht eine ältere Dame. Sie fragt, ob denn geöffnet sei. „Ab dem 4. Mai“, sagt die Friseurin mit Zuversicht. Die Kundin nutzt die Chance und vereinbart direkt einen Termin. Es war nicht die erste Anfrage für einen Haarschnitt an diesem Donnerstag, sagt die Stendalerin. „Auch beim Einkaufen“ wurde sie angesprochen, sagt die 56-Jährige.

Mit einem Ansturm auf Friseursalons rechnet Kerstin Prause nicht. „Ich denke, das verteilt sich, wie sonst auch.“ Über Kundschaft brauchte sie sich auch vor der Krise keine Sorgen zu machen. Bei vielen Salons seien Wartezeiten von ein bis zwei Wochen üblich. Durch den Fachkräftemangel kommen auch nur wenige Friseure nach. Einer davon ist Steffen Feldt, der erst kurz vor der Krise am 11. November 2019 seinen Friseursalon in Stendal eröffnete.

„Wenn man gerade frisch aufmacht, hat man nicht die Möglichkeiten, sich Rücklagen zu machen“, sagt der 33-Jährige. Was er bisher an Geld gespart hatte, floss in den Laden. „Wir haben das Gehalt von meiner Frau“, erklärt der Familienvater von zwei Töchtern. Für das Erste reiche das. Der Friseur hatte Glück. Sein Geschäft lief nach der Gründung gut an und er hat noch etwas aus seinem Finanzierungsplan übrig. Diese Rücklage war allerdings für die Gewerbe- und Einkommenssteuer im nächsten Jahr gedacht. Zu der Möglichkeit, neben der Soforthilfe günstig Kredite aufzunehmen, sagt Steffen Feldt: „Davon halte ich überhaupt nichts. Irgendwann holt einen das ein.“

Im Geschäft von Kerstin Prause klingelt das Telefon. Es wird gefragt, ob sie offen hätte. Sie erklärt dem Anrufer, dass sie eigentlich gar nicht im Geschäft wäre. Bereits jetzt Termine zu vereinbaren, sei die Ausnahme und nicht die Regel, sagt die Friseurin. Bei ihr könne man auch ohne Anmeldung vorbeikommen, auch ab dem 4. Mai. Allerdings müssen dabei hygienische Vorschriften eingehalten werden.

Auf Corona-Regeln vorbereiten

„Desinfektionsmittel muss man erst einmal kriegen“, sagt die 56-Jährige. Sie erwägt, stattdessen Seife zu benutzen. Kunden sollen beim Ein- und Austreten ihre Hände waschen. Für ihre Mitarbeiter näht eine befreundete Schneiderin Gesichtsmasken.

Dann gilt es noch, Abstand zu halten. „Wir sind gesegnet, dass wir zwei Räume haben“, sagt Kerstin Prause. Damit können zwei Personen gleichzeitig einen Haarschnitt erhalten. Mehr sei aus Platzgründen nicht möglich.

Zu 100 Prozent steht noch nicht fest, dass Friseure ab dem 4. Mai wieder öffnen. Kerstin Prause vermutet, dass die Aussage bei der Pressekonferenz von Bund und Ländern am Mittwoch aus Vorsicht schwammig formuliert wurde. Würden die Zahlen der Neuinfizierten mit dem Coronavirus in den nächsten zwei Wochen nochmals rasant ansteigen, könne die Bundesregierung schnell entscheiden, dass Friseursalons doch weiter geschlossen bleiben.

Bisher zeigt sich die Friseur-Obermeisterin verständnisvoll. „Es ist richtig, dass wir geschlossen haben“, sagt sie. Das Wohl ihrer Kunden sei ihr am wichtigsten und nur in wenigen Berufen sind sich Dienstleister und Kunde so nah, wie im Friseursalon.