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Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig,

Es begann im Jahr 1992.

Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln, sogenannten Stolpersteinen, soll an Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

Die quadratischen Messingtafeln sind mit eingeschlagenen Buchstaben beschriftet.

Sie werden von einem angegossenen Betonwürfel mit einer Kantenlänge von 96 mal 96 und einer Höhe von 100 Millimetern getragen.

Die Stolpersteine werden meist vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in das Pflaster beziehungsweise den Belag des jeweiligen Gehwegs eingelassen.

Stolpersteine wurden und werden in Deutschland wie auch in 25 weiteren europäischen Ländern verlegt.

Sie gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Sie sind als Marke geschützt.

Stendal l Es war im April 1942, als die Bewohner der Grabenstraße 4 auf ihre Deportation warteten. Zuvor hatten sie sich nach Aufforderung der Kreisleitung der NSDAP in dem Haus des jüdischen Pferdehändlers Jakob Dänemark begeben müssen, weil es „deutschen Volksgenossen heute nicht mehr zugemutet werden kann, mit Juden unter einem Dach zu wohnen“, so der Wortlaut des Kreisleiters.

Keiner der letzten neun in Stendal verbliebenen jüdischen Bürger entging der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten. Sie starben entweder im Warschauer Ghetto oder in den Gaskammern des Vernichtungslagers Treblinka. Vor 14 Jahren ließ der Kölner Künstler Gunter Demnig einen Stolperstein in den Bordstein vor dem Haus, um an dessen dunkle Vergangenheit zu erinnern. In der Zwischenzeit kamen fünf weitere hinzu.

Stolpersteine: Geschichte sichtbar machen

Das Bündnis „Herz statt Hetze“ bemüht sich derzeit darum, dass weitere hinzukommen und die Geschichte der Verfolgten im Stadtbild noch sichtbarer wird. Der Impuls, wieder tätig zu werden, speist sich dabei aus verschiedenen Quellen. Grundsätzlich setze sich das aus etwa zehn Personen bestehende Bündnis dafür ein, das Gedenken an die jahrhundertelange Geschichte und das verbrecherische Ende der jüdischen Gemeinde in Stendal wach zu halten. Dies umso mehr angesichts des aus Sicht des Bündnisses zunehmenden Antisemitismus und der Leugnung und Verharmlosung der NS-Verbrechen.

Man nehme sich außerdem die Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Gardelegen zum Vorbild, so Jacob Beuchel stellvertretend für das Bündnis. Die AG habe dafür gesorgt, dass dort mittlerweile 44 Steine verlegt worden sind.

"Herz statt Hetze" forscht nach

Derweil forschen die „Herz statt Hetze“-Leute intensiv nach Personen, die man mit einem Gedenkstein würdigen könnte. Stück für Stück sind sie vorangekommen. „Wir haben zehn Biografien recherchiert“, sagt Beuchel. Wie vielen von diesen Personen bei der ersten Verlegung nach dann elf Jahren, die im nächsten Jahr geplant ist, ein Stein gewidmet wird, sei allerdings noch offen. Entschieden sei aber bereits, dass mit der Beantragung der Stolpersteine für Jacob Dänemark und Mathilde Dänemark, denen das bereits erwähnte Haus in der Grabenstraße gehörte, begonnen wird. Was den Mitgliedern des Bündnisses besonders wichtig ist: Die Steine sollen vor den letzten frei gewählten Adressen der Verschleppten platziert werden und nicht am Sammelpunkt Grabenstraße.

„Wir sind gerade im Prozess, diese Wohnorte zu recherchieren“, gibt Jacob Beuchel einen Einblick in den Stand der Arbeiten. Stützen würde man sich bei der Suche auf das Stadtarchiv, das Bundesarchiv und die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Aufschluss über die Schicksale geben darüber hinaus die Sterbebücher des Konzentrationslagers Auschwitz.

Thema ist in Stendal kein Neuland

Zudem betritt die Gruppe bei dem Thema nicht gänzlich Neuland. Es hat in Stendal eine gewisse Tradition. „Einige Ehrenamtliche wie Gerhard Lotsch und Angestellte des Stadtarchivs haben bereits seit Jahrzehnten Recherchen geleistet, auf die wir zurückgreifen können“, sagt Jacob Beuchel. Der Stendaler Holger Huth, der seit mehr als zehn Jahren zu jüdischer Geschichte in Stendal forscht, habe außerdem seine umfangreichen Daten zur Verfügung gestellt. „Aktuell sichten wir die Dokumente und prüfen die Angaben final ab“, gibt Jacob Beuchel Auskunft.

Da das vorliegende Material trotzdem begrenzt ist, bittet die Initiative um Unterstützung. Vor allem zu Augenzeugen zu jüdischem Leben in Stendal würde man gerne Kontakt aufnehmen. Aber auch alte Fotos, Zeitungsausschnitte oder Briefe seien für das Recherche-Team wertvoll.

Dass die Steine erst 2022 verlegt werden, hat einerseits mit den gründlichen Nachforschungen zu tun und andererseits mit formalen Hindernissen. Allein bei Gunter Demnig einen Stolperstein zu beantragen, dauere mindestens ein Jahr. Erst wenn der Künstler seine Zustimmung signalisiert, sei es sinnvoll einen Antrag bei der Stadtverwaltung zu stellen. Zusätzlich müsse man sich mit den Hauseigentümern ins Benehmen setzen.

Personen, die für die Recherche Material zur Verfügung stellen möchten, können sich bei Sylvia Gohsrich und Jacob Beuchel per Mail an info@herz-statt-hetze-stendal.de melden.