Stendal l Irgendwie hatten sie sich das alles ganz anders vorgestellt. Den Beginn des Studiums als Aufbruch in eine andere, spannende Zeit. Neue Leute kennenlernen, Freundschaften schließen, das alte Leben hinter sich lassen. Zum ersten Mal aufgeregt in der Vorlesung sitzen, in den Seminaren diskutieren, danach in der Cafeteria Cappuccino trinken und ein Stück Kuchen essen. Vielleicht auch die ein oder andere WG-Party mitnehmen. Oder so lange in der Kneipe bleiben, bis der Wirt gegen 2 Uhr morgens daran erinnert, dass der Laden eigentlich schon seit zwei Stunden geschlossen sei. Mit anderen Worten: Das Leben als Student in vollen Zügen genießen.

Stattdessen sitzt Janne Jake Raedel, Student der Angewandten Kindheitswissenschaften im ersten Semester, in der vergangenen Woche an einem Ort, den er zur Genüge kennt. In seinem ehemaligen Kinderzimmer in Neubrandenburg nämlich. Seine Wohnung in Stendal befindet sich derweil sozusagen im Winterschlaf und wartet darauf, wieder richtig bezogen zu werden. Schuld ist – wie kann es anders sein in diesem Jahr – natürlich Corona.

Vom Hörsaal zurück ins Kinderzimmer

Das Virus hat alle hochfliegenden Pläne fürs Erste zerschossen. „Als Ende Oktober vom Krisenstab die Empfehlung kam, so viel Lehre wie möglich online abzuhalten, habe ich mich entschieden, erstmal wieder in die Heimat zu gehen“, erzählt der 20-Jährige ein wenig desillusioniert. Nach drei Wochen war der neue Lebensabschnitt auch schon wieder vorbei. All die Kontakte, die er geknüpft hatte, ruhen bis auf Weiteres. „Es tut ein bisschen weh, dass man die neuen Freundschaften in der Form natürlich nicht weiterentwickeln kann“, sagt der Student.

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Allerdings hadert er mit der Entscheidung nicht wirklich, sie scheint einfach zu logisch: Wieso die Tage allein in einer Ein-Zimmer-Wohnung ohne großartige Kontakte zu anderen Menschen in einer fremden Stadt verbringen, wenn man daheim wenigstens die Familie zu Gesicht bekommt.

Zumal auf dem Campus an der Osterburger Straße ohnehin gähnende Leere herrscht. Keine Gruppen vor den Lehrgebäuden, kein hektischer Betrieb mit Stimmengewirr in der Mensa.

Studieren in der Isolation

Jene, die in Stendal geblieben sind, haben sich ebenfalls in Isolation begeben. Amelie-Elisa Kumlehn und Vanessa Lehr zum Beispiel, auch sie sind Studentinnen der angewandten Kindheitswissenschaften. An einem grauen Dezember-Tag haben die beiden jungen Frauen die Zeit gefunden, um über ihre Erfahrungen im Lockdown-Semester zu berichten.

Mit Janne Jake Radel teilen sie, dass sich ihr studentisches Leben in erster Linie vor dem Laptop abspielt. Was sich nach einem entspannten Alltag zwischen Couch und Küchentisch anhört, entpuppt sich in der Realität als alles andere als spaßig.

Sich jeden Tag von Neuem zu motivieren, nur auf den Bildschirm zu starren, verlange den Dreien viel ab. „Es gehört eine Menge Disziplin dazu, das jeden Tag richtig durchzuziehen“, sagt etwa Amelie Kumlehn. Sie stammt aus der Nähe von Klötze und muss zum zweiten Mal wegen der Pandemie erleben, wie etwas ganz anders abläuft als erwartet.

Im März musste sie ihren Auslandsaufenthalt als Au-pair in Island vorzeitig abbrechen. Grund genug eigentlich, um an der Welt im Allgemeinen und dem Virus im Besonderen zu verzweifeln. Solche Gedanken möchte die Westaltmärkerin aber gar nicht erst aufkommen lassen. Sich hängen lassen, gilt nicht. Deswegen habe sie zum Glück weniger Probleme, sich den Online-Lehrveranstaltungen zu widmen. „Ich lege meinen Fokus voll aufs Studium und lasse mich da kaum ablenken, auch wenn es an manchen Tagen viel abverlangt.“

Ihre Devise gegen den Lockdown-Blues: Fleißig sein und sich mit dem Studium beschäftigen. „Man wird mehr in die Selbstständigkeit gezwungen“, gewinnt sie den Zuständen sogar etwas Positives ab. Trotzdem habe sie für jeden Verständnis, dem die Situation zu schaffen macht und der eventuell den Anschluss verliert. Das Ablenkungspotential sei sehr groß. Ob man den Dozenten zuhört oder nicht, könne keiner richtig kontrollieren. „Im Prinzip könnte ich Kamera und Ton ausschalten und keiner kriegt es mit. Gibt auch genug Studenten, die das machen“, berichtet die 20-Jährige.

Der Verdruss wächst von Woche zu Woche

So weit ist es bei Vanessa Lehr noch nicht. Doch gibt die 19-Jährige zu, dass ihre Stimmung von Woche zu Woche schlechter werde. Erst habe sie den Lockdown gar nicht als extrem harten Einschnitt erlebt. „Glücklicherweise konnten die Einführungstage noch in Präsenz stattfinden. So konnte ich wenigstens ein paar Leute kennenlernen und relativ schnell einen Freundeskreis aufbauen“, nennt sie einen der wenigen guten Aspekte ihres ersten Semesters an der Hochschule.

Ende September aus dem fernen Kiel in die Altmark gezogen, unternahm sie viel mit den neuen Bekanntschaften. Aber je schlechter sich die Fallzahlen entwickelten, desto größer wurde auch die Vorsicht. In größeren Gruppen würden sie sich schon lange nicht mehr treffen. Hatte sie sich im Oktober und November noch im Verein Kinderstärken engagiert, sei diese Ablenkung nun auch weggefallen. Aber ganz allein sei sie immerhin nicht.

Mittlerweile setze ihr die Gesamtsituation dennoch immer mehr zu. „Jegliche Alltagsstruktur löst sich irgendwie auf. Sämtliche Hobbys sind eingestellt“, sagt sie etwas geknickt. Sie vermisse den Weg zur Hochschule. Die Vorfreude, auf die Seminare und die Menschen, die sie dort treffen würde. Stattdessen bestehe der Studenten-Alltag in erster Linie daraus, den Laptop hochzufahren und sich aus dem Bett bis zum Küchentisch zu bewegen.

Hoffnung auf ein unbeschwertes Studium

So viel Mühe sich die Dozenten auch mit der Online-Lehre geben würde, es sei halt nicht dasselbe. „Die räumliche Trennung verhindert ein Stück weit Diskussionen. Das ist eine eintönige Angelegenheit“, berichtet die Kielerin. Manchmal merke sie gar nicht, dass sie jetzt Studentin ist: „Das Uni-Feeling kommt so gar nicht auf. All das, von dem alle geschwärmt haben, findet leider nicht statt.“

Große Illusionen, dass es im nächsten Semester damit komplett vorbei ist, macht sich keiner der drei Studenten. Dennoch denken sie manchmal daran, wie es denn sein könnte: Studieren ohne Einschränkungen.

Und oft fällt in diesem Zusammenhang das Wort Unbeschwertheit. „Sich schlicht und einfach keine Gedanken machen zu müssen, wenn man sich mit anderen Menschen trifft, das wäre schön. Zum Beispiel ein Bier am Stadtsee trinken oder wieder zusammen in einer Kneipe sitzen“, sagt Amelie Kumlehn. „Menschen außerhalb des Studienganges treffen, wäre echt schön. Oder endlich wieder über den Campus gehen und mit anderen in der Mensa essen“, fällt Vanessa Lehr ein. Im fernen Neubrandenburg freut sich Janne Jake Raedel darauf, endlich richtig nach Stendal zu ziehen: „Es wäre toll, wenn ich dann wirklich mal mit Leben in Selbstständigkeit anfangen könnte.“