Stendal l Etwas improvisiert wirkte alles vor 20 Jahren. Noch lange nicht so professionell wie heute. Dass die alten Kasernen an der Osterburger Straße dereinst in neuem Glanz erstrahlen und den Stendaler Studenten eine schicke Heimstatt sein werden, konnten sich wahrscheinlich nur kühnste Optimisten vorstellen. Nach dem Seminar mal schnell zum Mittagessen in die Mensa – daran war im Oktober 1999 schlicht nicht zu denken. Stattdessen traf man sich zu den Lehrveranstaltungen noch in der Innenstadt.

Hörsäle und Seminarräume zerstreuten sich quer in der City. Der eine Raum eignete sich besser zum Studieren, der andere weniger. In der Baracke hinter dem Winckelmann-Museum, so erinnert sich Professor Wolfgang Maiers, traf sich damals eine besondere Gruppe. 35 Erstsemester umfasste sie, es gesellten sich eine Handvoll Lehrbeauftragte dazu. Die meisten Studenten stammten aus der Altmark, die übrigen ebenfalls aus Sachsen-Anhalt oder den neuen Bundesländern. Eine Kommilitonin war aber sogar vom Bodensee nach Stendal gezogen.

Dass es sie aus Baden-Württemberg hier her zog, hatte einen einfachen Grund. Ein neuer Studiengang ging an den Start. Der Name mutete ein wenig exotisch an: Rehabilitationspsychologie. Einzigartig in Deutschland. Bis heute. Für die weitere Entwicklung des Stendaler Hochschulstandortes von herausragender Bedeutung.

Klinischer Ansatz weckte Misstrauen

Was verbarg sich aber hinter dem neuen Fach? Wieso wurde der Studiengang konzipiert und in Stendal angesiedelt? Und was machte ihn so besonders? Wolfgang Maiers hat Antworten auf die Fragen. Muss er auch. Schließlich gehörte der Professor zu jenen, die bei der Begrüßung der ersten „Rehas“, so die Abkürzung Angehörigen des Studiengangs, dabei waren. An der Konzipierung wirkte er federführend mit. Bis heute lehrt er Allgemeine Psychologie an der Hochschule. Weshalb die Rehabilitationspsychologie vergleichsweise viel Aufsehen erregte, kann er schnell beantworten. „Im Gegensatz zu Studiengängen wie Wirtschafspsychologie haben wir einen klinischen Ansatz verfolgt.“

Damals ein absolutes Novum und nicht von jedem gern gesehen. Insbesondere die Vertreter der universitären Psychologie rümpften die Nase und begegneten dem neuen Ansatz mit großer Skepsis. Dabei wollte man überhaupt keine Konkurrenz darstellen. Die Entstehung der Rehabilitationspsychologie hatte nämlich viel mehr mit den speziellen altmärkischen Strukturen zu tun, als mit einem Anspruch, irgend jemandem etwas streitig zu machen.

Praktische Ausrichtung kommt gut an

„Den Anstoß für die Gründungsidee gab vielmehr der seit 1989 erfolgende Neuaufbau rehabilitativer Einrichtungen in Sachsen-Anhalt und insbesondere in der Altmark“, fasst Wolfgang Maiers zusammen. Der Anspruch damals: Grenzen unterschiedlicher Studiengänge aufbrechen, die Studenten mit einem breiten Wissenshorizont ausstatten. Ergänzt mit einer engen Verzahnung von Theorie und Praxis.

Bei den Arbeitgebern in der Region kommt das offenbar gut an. Diese würden die Qualitäten der Absolventen schätzen, erzählt Melanie Jagla. Sie studierte Rehabilitationspsychologie zwischen 2000 und 2008 . „Die Ausbildung in praktischer Hinsicht war wirklich sehr gut. Damit können wir „Rehas“ auf dem Arbeitsmarkt wirklich punkten“, spricht sie aus eigener Erfahrung.

Mittlerweile lehrt sie an der Hochschule, arbeitete davor in verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesen. Als Mitglied der „Alten Garde“ kann sie sich aber auch daran erinnern, dass lange Zeit Ungewissheit darüber herrschte, ob sich der Studiengang wirklich durchsetzt. Die Einstellung schwebte wie ein Damoklesschwert über den Studenten. Sogar der gesamte Stendaler Standort stand teilweise zur Disposition.

Absolute Bereicherung

Das ist kein Thema mehr. Nach 20 Jahren ist der Studiengang fest etabliert und erfreut sich großer Beliebtheit. Für die Außenwirkung ist er kaum zu unterschätzen. „Er ist etwas Besonderes. Für ihn kommen Studierende aus allen Bundesländern nach Stendal. Das Einzugsgebiet ist besonders groß“, schätzt Hochschul-Prorektor Volker Wiedemer ein. Kein anderes Fach werde stärker nachgefragt.

Auch auf den Alltag auf dem Campus habe dies große Auswirkungen. „Die Rehabilitationspsychologie bringt mitsamt Studierenden und Kollegen eine Menge Qualität, hohes Engagement und innovative Ideen an unseren Standort“, sagt der Prorektor.

Beispiele dafür seien die „Connect You“, eine Messe für Sozialwirtschaft, und die Reflexionstage. Die „Rehas“ möchte in diesem Sinne niemand mehr missen. Das hätten sich vor 20 Jahren viele in der Baracke hinter dem Museum wohl so kaum vorgestellt.