Volksstimme: Zuerst einmal die Frage an Sie: Sind Sie zufrieden? Und was führt dazu?

Thomas Kliche: Zwei bezaubernde Kinder, eine liebevolle Frau, das Häuschen fühlt sich gut an beim Heimkommen, im Garten wächst ganz viel, und meine Arbeit bringt Dinge voran.

Nicht weit von der Jahresbilanz entfernt sind der Blick aufs neue Jahr und die guten Vorsätze. Ist dieses Sich-etwas-Vornehmen ein Zeichen von Unzufriedenheit oder eher von Vorfreude auf noch Unerreichtes?

Vorsätze sind eine griffige Form bedachtsamer Selbststeuerung, im Grunde eine sehr erwachsene und gute Sache. Aber wir müssen unsere Vorsätze in Freundschaft mit uns selbst ausdenken. Sonst setzen sie uns nur noch mehr unter Druck. Unsere Gesellschaft fordert ja, dass wir uns unaufhörlich selbst weiter verbessern, und uns selbst ständig vorwärtsschubsen. Das macht keine Freude. Sigmund Freud spricht vom Unbehagen in der Kultur, weil wir dauernd die wachsende Menge kleiner Alltagsregeln erfüllen müssen, um glatt durchs Leben zu kommen. Solche Regeln sind Bauteile komplexer Gesellschaften, aber sie speisen auch den Ärger über Zwänge der Political Correctness. Unsere guten Vorsätze werden in so einer Kultur leicht faulig: Es stecken darin auch vorweggenommene Forderungen und der abfällige Blick anderer Menschen auf uns.

Haben Sie gute Vorsätze?

Ich wäre gern geduldiger, diplomatischer, charmanter. Aber ich bleibe halt eben doch bekennender Eigenbrötler.

Den Deutschen sagt man nach, besonders unzufrieden zu sein. Ist das denn wirklich typisch deutsch oder nicht vielmehr typisch (Wohlstands-)Mensch?

Dazu gibt es viele Studien. Deutschland liegt oft im Mittelfeld trotz herausragendem Lebensstandard – und stagnierend trotz wachsendem Konsum und steigender Lebenserwartung. Anderswo sind Menschen also mit weniger Mitteln, Gütern und Gesundheit zufriedener. Insofern könnte man sagen, wir leben in einer Nörgel-Kultur. Aber die Erhebungen sind sehr unterschiedlich. Manche fragen nach dem Gesamtglück, andere nach Einzelfeldern, zum Beispiel beruflicher Zufriedenheit, wieder andere schauen sich deren Gewichtung an. Die Ergebnisse sind oft wenig belastbar.

Es gibt nämlich ungeschriebene Vorschriften für positives Denken und Verantwortlichkeit in verschiedenen Kulturen, auch für verschiedene Lebensfelder. Sagen wir mal, Sie leben in Amerika. In Ihrer Umgebung herrscht der Glaube, jeder sei seines Glückes Schmied. Wenn Sie da mit Ihrem wirtschaftlichen Dasein unzufrieden sind, bescheinigen Sie sich selbst, ein Versager zu sein. Das fühlt sich unschön an. Schwupps, sind Sie lieber etwas zufriedener. Die Psychologie spricht von kognitiver Dissonanzreduktion.

Für mich ist der spannendste Ertrag der internationalen Vergleichsstudien deshalb: Wer möglichst viele Menschen möglichst glücklich machen will, der sorgt für wirtschaftliche Sicherheit, ein tolerantes Miteinander und einen freiheitlichen Rechtsstaat. Aus der Gesundheitsforschung kommt außerdem: Je gleicher die Einkommen, die Vermögen und die Bildungsmöglichkeiten, desto gesünder sind die Menschen.

Warum fällt es uns so schwer, zufrieden zu sein – sei es mit Erreichtem, mit dem Besitz, mit sich selbst? Warum wollen wir immer mehr, immer besser, immer das, was wir gerade nicht haben?

Da kommt vieles zusammen. Erstens: Wir leben in einer Dominanzgesellschaft, Erfolg und Durchsetzung sind hohe Werte. Also will man besser sein als andere. Man kämpft um Geld, Ansehen und Einfluss.

Aber dahinter steckt bei vielen Menschen zweitens auch ein ungelöschter Durst nach Anerkennung und Sinn. Selbst wenn wir wirklich viel für andere tun: Wir werden oft übersehen, der Chef lobt das Team eher selten, irgendwer ist immer mit uns unzufrieden, wir sind kleine Rädchen in einer gleichgültigen und oft menschenverachtenden Maschine. Das zehrt aus, da soll dann wenigstens das Schmerzensgeld stimmen.

Drittens sind Vergleiche ein Teil unseres Gerechtigkeitsempfindens und insofern im Prinzip wertvoll. Aber wir sehen: So richtig gerecht geht es hierzulande nicht zu. Das ärgert. Da wollen dann halt viele auch ein größeres Scheibchen vom Kuchen.

Viertens finden Menschen sich selbst meist toll. Wenn wir also mehr bekommen, sind wir davon überzeugt, dass das nur berechtigt ist, und gewöhnen uns rasch daran.

Fünftens stimuliert die Werbung durch Vergleiche und Verlockungen die Illusion, es ginge immer so weiter, nur immer besser, und man müsste nur neue Dinge kaufen, dann wäre man was Besonderes.

Aber sechstens hat Schneewittchens böse Stiefmutter einen Spiegel: Selbst wenn wir uns anstrengen und etwas erreichen, gibt es trotzdem immer jemand, der es besser draufhat: weitere Würfe, bessere Abschlüsse, genialere Gedanken, ein schöneres Gesicht, mehr Follower.

Marktwettbewerb mag Leistungen anstacheln – aus psychologischer Sicht aber nur manchmal. Auf jeden Fall schafft er Verlierer, Misserfolge, ein Gerechtigkeitsgefälle und Unzufriedenheit.

Aber auch Lob anzunehmen fällt uns schwer, jedenfalls hält die Freude nicht lange an oder man neigt dazu, das Lob mit eigenen Unzulänglichkeiten aufzuwiegen. Ist das eine Erscheinung der Moderne, eine Frage der Erziehung oder der Sozialisierung?

Das ist widersprüchlich, würde ich sagen. Einerseits gibt es eine Norm der Bescheidenheit, die ist sehr alt, denken Sie an die Anleitungen zur Selbstlosigkeit im Christentum. Auch bei uns gilt: Wir sollen nicht triumphieren, uns nicht vordrängen. Diese Regel wird aber auch innerhalb unserer Kultur immer wieder neu ausgehandelt.

Andererseits – man hört Anerkennung immer gern. Wertschätzung ist ihrem Wesen nach allemal knapp, sonst hätte sie keinen Wert. Menschen suchen als soziale Wesen außerdem prinzipiell Rückmeldung. Rückmeldung ist auch eines der wichtigsten Führungsinstrumente und der Kern von Erziehung.

Wir achten auf die Meinung anderer aber auch aus ganz pragmatischen Gründen: Lob bezieht sich auf eine Leistung. Auf der kann man sich ja tatsächlich nicht unbegrenzt ausruhen. Also suchen wir immer wieder nach Bestätigung eines realistischen, guten Selbstbildes im Spiegel anderer Menschen.

Ist Unzufriedenheit andererseits womöglich sogar eine Art Antriebskraft?

Nörgelei ist keine Antriebskraft, sondern Gift. Viele von uns haben solche heimlich hetzenden Stimmen als innere Antreiber von Familie und Schule eingepflanzt bekommen. Sie flüstern uns ständig verachtungsvolle Gemeinheiten ein, was wir noch alles leisten müssten, damit wir toll sind. Es ist dann ganz schwer, ein tiefes Gefühl für den eigenen Wert zu entwickeln. Es ist überhaupt nicht leicht, mit sich selbst im Guten wie in der Kritik ehrlich und unterstützend umzugehen. Dann erst öffnen wir uns wirklich dafür, von anderen zu lernen, und nicht nur einfach Tricks zu klauen oder sie auszustechen.

Was braucht es, um zufrieden zu sein? Gibt es Dinge, die allgemeingültig sind?

Darüber geben uns Forschungen Auskunft, die zeigen, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Menschen glücklicher, gesünder und länger leben. Da gibt es ein paar ganz platte Dinge: Wir wollen ein Dach überm Kopf, was Gutes zu essen, eine sichere wirtschaftliche Existenz ohne Sorgen und Hunger und Not, halbwegs nette Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung und Weiterentwicklung, Ruhe und Freundlichkeit mit anderen Menschen, wozu auch gleiche Chancen und Teilhabe als Teil eines Grundgefühls sozialer Gerechtigkeit gehören. Also, soziale Sicherheit ist wichtig, und soziale Gleichheit: Je flacher die Gesellschaft, desto besser geht es den meisten.

Gibt es Menschen oder gar Völker, die eine Grundzufriedenheit in sich tragen?

Ich war noch nicht überall, und Befragungen sind da unzuverlässig. Ich hab‘ aber Zweifel. Das Leben stellt doch fast jeden Menschen irgendwann vor tiefe Krisen und Verluste. Sicher sind unsere Vorstellungen von Zufriedenheit und Glück an unsere Kultur gebunden. Leicht ist es allerdings auch anderswo nicht, Selbstsucht zu überwinden, davon kündet zum Beispiel der gesamte Buddhismus. Zusammenarbeit und Weitblick sind Teil des menschlichen Evolutionserfolgs, Egoismus aber auch.

Warum lässt man sich eher dazu verleiten, beim Nörgeln und Jammern einzustimmen, als wenn jemand von etwas Schönem schwärmt und sich rundum wohlfühlt?

Meckerthemen sind gute Themen für Alltagsgespräche zur Beziehungspflege: Wir sind uns einig, wie es eigentlich sein sollte, also über Werte, wir erleben das Gleiche, wir kämpfen mit den gleichen Misslichkeiten. Wir bilden aus dem Stand eine kleine Gemeinschaft: Wir sind ungefähr gleich, wir haben alle ähnliche Probleme. Wir lösen also keinen Neid aus. Wenn es mir aber gut geht, will womöglich gleich wer was von mir. Also wehre ich Erwartungen an mein Einfühlungsvermögen, meine Zeit und meinen Geldbeutel leichter ab, wenn ich schimpfe. Freude ist dagegen persönlicher, sie verrät mehr über mich.

Wann waren Sie persönlich zuletzt so richtig zufrieden?

Mit Rotwein und lecker Brötchen im Zug, als ich von einer wirklich witzigen Diskussionsveranstaltung zur Familie heimgefahren bin.

Und was tun Sie, wenn Sie unzufrieden sind?

Ich halte Selbstgespräche und schwelge darin, wie toll ich alles das nächste Mal hinbekomme. Manchmal ändere ich auch was, zum Beispiel mich. Aber doch eher selten.