Tierschutz

Katzenhaus in Stendal am Limit

Viele Besitzer lassen ihre Katzen und Kater nicht kastrieren, so dass sich die Tiere unkontrolliert fortpflanzen. Zahlreiche Katzen leben auf der Straße, sie kommen im Notfall ins Tierheim nach Stendal.

Von Leonie Dreier
Anne Mollenhauer, Tierheimleiterin in Stendal, zieht das drei Wochen alte Katzenbaby Jule mit der Flasche auf. Das Katzenjunge braucht rund um die Uhr Aufmerksamkeit.
Anne Mollenhauer, Tierheimleiterin in Stendal, zieht das drei Wochen alte Katzenbaby Jule mit der Flasche auf. Das Katzenjunge braucht rund um die Uhr Aufmerksamkeit. Fotos: Leonie Dreier

Stendal - Leise miaut die kleine Jule auf der Brust von Anne Mollenhauer, Tierheimleiterin in Stendal. Das drei Wochen alte Katzenbaby wurde gerade von der 29-Jährigen mit der Hand gefüttert und wird nun müde. Langsam fallen Jule die Äuglein zu. Das Katzenjunge ist seit Mittwoch bei Anne Mollenhauer, die das Tier bei sich zu Hause aufgenommen hat und sich rund um die Uhr um die Samtpfote kümmert.

Jule ist Opfer der alljährlichen „Katzenschwemme“. Ihre Mutter, vermutlich eine Hauskatze, ist nicht kastriert und vermehrte sich, erklärt Susanne Wieske, Vorsitzende des Altmärkischen Tierschutzvereins Kreis Stendal. Dieses Schicksal ereilt viele Katzen. Entweder setzt der Besitzer der Hauskatze die Kleinen aus, wenn die Mutter ihre Babys zu Hause zur Welt gebracht hat, oder die Jungen werden in der Natur geboren, überleben und vermehren sich unkontrolliert weiter.

„Katzenschwemme“: Kastration als einzig wirksame Methode

Dieser Teufelskreis setzt sich dann fort. Daher kommt es zu immer größeren Katzenpopulationen. Viele Katzen sind in der freien Natur unterernährt, leiden unter Krankheiten oder fallen dem Straßenverkehr zum Opfer. „Die Kastration ist die einzig wirksame Methode, um eine Übervölkerung freilebender und verwilderter Katzen in Grenzen zu halten“, betont Susanne Wieske.

Ob Jule in freier Wildbahn geboren wurde, weiß Anne Mollenhauer nicht. „Ein Schüler entdeckte die Kleine morgens am Stadtsee“, sagt die gelernte Industriekauffrau. Die Kleine folgte dem Jungen bis zur Schule. Dort kontaktierte ein Lehrer das Tierheim.

Die Samtpfote ist nur eine von 25 Katzenbabys, auch Kitten genannt, die die Mitarbeiter des Tierheims aktuell aufziehen. Zudem versorgt der Verein im Tierheim in Stendal, im Katzenhaus in Osterburg und auf ehrenamtlichen Pflegestellen weitere zahlreiche herrenlose Katzen. Weil jeder Neuankömmling erstmal für rund fünf Wochen in Quarantäne muss, „kommen wir an die Grenze unserer Aufnahmekapazität. Wir stehen kurz vor der Entscheidung, einen Aufnahmestopp für Fundkatzen aussprechen zu müssen“, schildert Susanne Wieske. Die Quarantäne dient als Vorsichtsmaßnahme, damit das Tier nicht möglicherweise andere Artgenossen ansteckt.

Auch Jule müsste auf die Quarantäne-Station, wenn Anne Mollenhauer sie nicht bei sich aufgenommen hätte. In einigen Wochen wird das Jungtier zweimal geimpft und kommt dann erstmal ins Katzenhaus, wenn sich die Tierheimleiterin überhaupt vom dem Kätzchen trennen kann. „Das weiß ich jetzt noch nicht“, sagt sie und streichelt Jule liebevoll über den Rücken. Sind die Tiere im Katzenhaus, können sie an Interessenten vermittelt werden.

Ab dem vierten Monat dürfen Jule und andere Katzen kastriert werden. Bei einer Katze kostet der Eingriff zwischen 100 und 120 Euro. Für einen Kater bewegt sich die Summe zwischen 70 und 90 Euro. Entweder lässt der Tierschutzverein die Katzen vor der Vermittlung kastrieren oder erhebt eine Kastrationskaution in Höhe von 50 Euro. Das bedeutet, dass der neue Besitzer die Kaution erst zurückbekommt, wenn er die nötigen Nachweise vom Tierarzt vorlegt, dass die Katze kastriert wurde.

„Katzenschwemme“: Tierschutzverein rechnet mit mehr Kastrationen als 2020

Der Tierschutzverein finanziert die Kastration herrenloser freilebender Katzen auf verschiedenen Wegen. 4000 Euro pro Jahr bekommt der Verein vom Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft und Energie Sachsen-Anhalt. Weitere Zuschüsse kommen von den Städten und Gemeinden im Landkreis. Der Verein selbst, der Deutsche Tierschutzbund und Spenden der Bürger helfen außerdem bei der Finanzierung.

Gerade in diesem Jahr rechnet Susanne Wieske mit mehr Kastrationen für freilaufende Katzen als im vergangenen Jahr. Damals waren es rund 300. „Es nimmt kein Ende“, bedauert die Vorsitzende und appelliert an die Katzenbesitzer, ihre Vierbeiner kastrieren zu lassen.

Interessenten für ein Tier oder Bürger, die Spenden wollen, können sich beim Altmärkischen Tierschutzverein unter 03931/ 21636 und per Mail an info@tierheim-stendal-borstel.de melden.