Stendal l Als eher rational veranlagter Physik- und Mathematiklehrerin war Heidemarie Henning bei ihrer Verabschiedung aus der Comenius-Sekundarschule Stendal die Bilanz in nüchternen Zahlen vermutlich ganz recht. „42 Jahre Lehrerin, 30 Jahre Schulleiterin, 11 Jahre mit und bei uns.“ Auf diese knappe Formel brachte es am Dienstag vor versammelter Kollegenschaft Lehrerin Annegret West. Sören Messerschmidt vom Landesschulamt stellte die Jahreszahlen dazu: „1977 haben Sie an der Otto-Grotewohl-Schule angefangen, 1989 im Februar wurden Sie dort stellvertretende Direktorin und wenige Monate später Schulleiterin. 1991 übernahmen Sie die kommissarische Leitung der Komarow-Schule, wurden 1993 offiziell bestellt. 2008 wechselten Sie an die Comenius-Schule.“ Eine lange Zeit, in der sie viel bewirkt habe.

Am Tag des Lehrers geboren

„Weil wir uns erst kurz kennen, habe ich mich ein bisschen umgehört“, so Messerschmidt an die 65-Jährige gewandt, „und es hat mich beeindruckt, was Sie hier aufgebaut haben und was für eine tolle Schule Sie heute hinterlassen. So etwas passiert nicht von allein, dazu gehört Engagement und nicht nur Dienst nach Vorschrift. Und ein gutes Team.“

Dass sie ein solches an ihrer Seite hatte, zeigte sich bei der als „letzte Dienstberatung“ getarnten, bewegenden Verabschiedung in der Aula. Es gab Blumen und Geschenke, Gedichte und persönliche, warmherzige Worte. Annegret West machte deutlich, wie sehr ihrer Schulleiterin Name und Leben jedes einzelnen Schülers wichtig war, wie sie gleich in ihrem ersten Jahr Neuerungen und Kooperationen anschob, die Schultüren für Studenten und Gäste öffnete. Dass Heidemarie Henning Lehrerin geworden ist, sei im Grunde nicht verwunderlich: „Wer am Tag des Lehrers geboren wird, hat ja keine andere Wahl.“ Heiterkeit im Saal.

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Fast eine Liebeserklärung

Hennings Stellvertreter Manfred Teichert wollte es à la Fontane nicht ausschweifen lassen: „Abschiedsworte müssen kurz sein wie eine Liebeserklärung“, was es dann, rein kollegial, irgendwie fast wurde. Er hob das „Selbstverständnis in der Zusammenarbeit“ hervor, die von „Loyalität, Respekt und Vertrauen“ geprägt gewesen sei. „Sie haben ruhig und mit viel Sachverstand die Schule geführt und waren immer bereit zu helfen, weil Sie es wollten und weil Sie es konnten.“ Und viel wichtiger bei alldem: „Sie haben Ihre Arbeit als Schulleiterin gern gemacht.“ Die von ihr geschaffenen Standards zu halten, prognostizierte Teichert, werde nicht leicht, wenn nicht gar unmöglich sein.

Wie professionell muss man sein, dass einem da nicht doch die Tränen in die Augen treten... Mit denen hatte Heidemarie Henning an diesem Tag mehrfach zu kämpfen. Schon bei ihrer Feststellung: „Ich habe schon ganz viele Kollegen in den Ruhestand verabschiedet, heute bin ich selbst mit dabei.“ Sie dankte gerührt für eine Zeit, in der sie mit den Kollegen gemeinsam viel gestalten konnte. „Das kann man gar nicht genug wertschätzen. Ich habe großes Glück gehabt, dass ich hier an dieser Schule sein durfte.“

Noch kein Nachfolger

Viele werden es gedacht haben, einer sprach es unumwunden aus: „Sie hinterlassen große Fußstapfen.“ So groß offenbar, dass sich niemand traut, in sie zu treten – es gibt noch keine Nachfolgerin für Heidemarie Henning. „Es hat sich tatsächlich bislang niemand beworben“, ergänzte Messerschmidt seine anerkennende Feststellung auf Volksstimme-Nachfrage. „Wir werden die Stelle nochmals ausschreiben.“

Vielleicht ist es ja auch nur so wie damals bei Heidemarie Henning. Die wollte erst gar nicht Schulleiterin werden, hatte aber durchaus das Zeug dazu, wie Messerschmidt anek­dotisch verriet. „Manche Menschen, und das sind oft die wirklich guten Leute, brauchen eben oft erst einen Schubs. Schade, wenn dieser Schubs nicht passiert.“ Bis ein Nachfolger gefunden ist, übernimmt Hennings Stellvertreter Manfred Teichert die Leitung der Ganztagssekundarschule.

Und was kommt jetzt?

Eine Frage, die ihr mehr als einmal in den vergangenen Wochen gestellt wurde, nämlich „Was machst‘n jetzt?“, beantwortete Heidemarie Henning so vage wie vielsagend: „Ich kann sagen: Mir fällt schon was ein.“ Der Volksstimme hatte sie zuvor schon etwas mehr verraten: „Einfach mal die Zeit genießen. Auch während der Schulzeit Urlaub machen. Mein Zuhause genießen und ganz viel mit dem Rad unterwegs sein. Meine Enkelin öfter mal sehen.“ Vor allem aber: „Ausgiebig lesen.“ Vermutlich keine Schulverordnungen...