Volksstimme: Sie sagen immer, Sie seien ein Weihnachtsjunkie – welche Ausmaße hat das und was bekommt das Publikum davon im Konzert zu spüren?

Björn Casapietra: Ich war fünf oder sechs Jahre alt, als mein Vater, einer der berühmtesten Dirigenten der DDR: Herbert Kegel, mich zur Seite nahm, und mit mir sämtliche deutsche Weihnachtslieder am Klavier einstudiert hat. Dann wurden die Nachbarn eingeladen, und ich musste als kleiner Bub in den höchsten Tönen vorsingen. Ich glaube, das spürt mein Publikum heute noch. Dass ich im Grunde immer noch der fünfjährige Bub bin, der vor den Nachbarn Weihnachtslieder singt. Irgendwie gibt es für mich nichts Schöneres. Die meisten Sänger bevorzugen Liebeslieder, Arien, Volkslieder. Ich bevorzuge Weihnachtslieder. Ich glaube, man spürt, dass das sehr ehrlich und authentisch ist, was ich da mache. Dass ich es einfach liebe, diese alten deutschen Weihnachtslieder zu singen.

Bei Ihren Konzerten geben Sie neuerdings ein politisches Statement ab. Was für ein Statement ist das und erschreckt es nicht die Leute, die ja so ganz auf Romantisch und Harmlos eingestellt sind?

Nein, ich bin auch kein politischer Künstler. Was ich versuche, gerade mit den Weihnachtsliedern, ist, etwas zu heilen. Die Menschen zu verbinden. Daran zu erinnern, was uns in den letzten 75 Jahren in diesem Land starkgemacht hat. Und das ist nicht Hass und Hetze – was uns starkgemacht hat, nennt sich Liebe, Empathie, Menschlichkeit, Humanismus. Daran erinnere ich. Das ist ja geradezu die Pflicht und der eigentliche Sinn von Weihnachten, daran zu erinnern, dass Liebe viel stärker ist als Hass. Ich meine, all die Lieder, die ich da singe, italienische, spanische, französische, deutsche Weihnachtslieder sprechen im Grunde nur von Mitmenschlichkeit, Frieden und Liebe. Und darauf müssen wir aufpassen.

Kann man Weihnachten in der heutigen Zeit überhaupt noch „nur so“ feiern, einfach ohne alles Politische, ohne „die Welt da draußen“? Kann Weihnachten noch die Insel der Behaglichkeit und Harmonie sein, als die wir sie uns idealisieren?

Ich bin in der DDR in den Kindergarten gegangen, bin in der DDR zur Schule gegangen. Ich habe sogar einmal 1989 mitdemonstriert vor der Volkskammer und gerufen „Wir sind das Volk“. Und ich möchte als jemand, der in Italien zur Welt gekommen ist, in meinem eigenen Heimatland, in meinem Deutschland, auf das ich sehr stolz bin (zumindest auf die letzten 75 Jahre), keine Angst haben müssen. Die habe ich aber – wenn mir heute im Jahre 2019 ins Gesicht gesagt wird: „Du bist kein Deutscher, Björn. Du gehörst hier nicht hin.“

Ich bleibe dabei, gerade die Weihnachtszeit, gerade dieses wunderschöne Weihnachtsprogramm, mit dem ich jetzt im zehnten Jahr unterwegs bin, ist der beste Beweis dafür, dass Musik heilen kann. Dass sie Menschen glücklich macht, dass sie von Liebe, Frieden, von Mitmenschlichkeit und Empathie, von der Würde des Menschen handelt. Wir wollen die Liebe feiern an diesem Abend in Stendal. Denn die Liebe ist die stärkste Kraft gegen Unmenschlichkeit, gegen Rassismus, gegen Hass und Häme.

Und bei diesem Konzert: Welche Lieder sind Ihnen die wichtigsten?

Also, meine Lieblingslieder im Programm sind „Tochter Zion“, „Still, still, still, weil’s Kindlein schlafen will“, das „Ave Maria“ von Schubert und „Es ist ein Ros‘ entsprungen“. Und das vielleicht berühmteste italienische Weihnachtslied „Tu scendi dalle Stelle“, das meine italienische Oma mir noch am Kinderbettchen gesungen hat. Aber ich muss sagen, dass das berühmte „Hallelujah“ von Leonard Cohen bei den Menschen unglaublich ankommt. Und dann gibt es für mich nichts Schöneres, als mit meinem Publikum zusammen zu singen. Und zwar ein Medley der berühmtesten deutschen Weihnachtslieder am Ende des Konzerts. Da freue ich mich schon auf die Stendaler. Die sind durchaus textsicher. Und wenn sie sich nicht trauen, sollen sie in der Pause ein Glas Wein trinken. Das hilft meistens (lacht).

Wie verbringen Sie selbst Weihnachten, bleibt Zeit für Privates – welche Rituale haben Sie?

Als ich klein war, musste ich immer die Schwibbögen und die Pyramiden meines sächsischen Vaters mit Ohrenstäbchen vom Staub befreien. Damals habe ich das gehasst. Jetzt besitze ich selber neun Schwibbbögen und vier Pyramiden. Die bauen wir auf und dann schmücken meine Tochter und ich traditionell den Weihnachtsbaum. Wir singen miteinander, ich mache eine Gans zu Weihnachten, Oma und Opa kommen und so weiter. Ein ganz traditionelles Weihnachten sozusagen. Unsere Wohnung verwandelt sich in ein einziges Weihnachtsnest. Wir machen den Kamin an und spielen Spiele oder musizieren miteinander. Mein Vater kam aus Dresden. Er hat Weihnachten so sehr geliebt. Und er fehlt mir sehr. Ich fühle mich ihm gerade zur Weihnachtszeit sehr nahe.

Wenn es jemanden gäbe, der unerfüllbare Wünsche erfüllen könnte – was würden Sie sich wünschen?

Ich wünsche mir, dass wir uns daran erinnern, was für ein großartiges Land Deutschland ist. Wie gut es uns geht. Nie gab es eine längere Friedenszeit als die jetzige. Keine Generation hat mehr Wohlstand erreicht als die heutige. Wenn man überlegt, woher wir kommen... Dieses Land war am Boden zerstört 1945. Und dann diese friedliche Revolution, dieser großartige Moment. Wir können stolz sein auf unser Land. Und wir dürfen uns das nicht von rechten Hetzern, Menschenfeinden und Rassisten kaputtmachen lassen.

Aber vor allem würde ich mir wünschen, dass es den Menschen, die ich liebe, allen voran meine wunderbare Tochter, die jetzt zehn Jahre alt ist, immer gut geht. Stella wird mit mir in Stendal zusammen viele Duette singen. Inzwischen singen wir sogar das „Ave Maria“ von Schubert gemeinsam. Sie hat sich in den letzten drei Jahren wahnsinnig entwickelt. Sie singt im Kinderchor der Komischen Oper und stiehlt mir bei den Konzerten mehr und mehr die Show. Ich freue mich ganz besonders, dass Stella in Stendal dabei sein wird und Papa und Tochter gemeinsam Weihnachtslieder singen werden.

Nur noch wenige Karten

Auf seiner Weihnachtstournee macht Björn Casapietra auch Station in Stendal. Sein Programm „Christmas Love Songs“ ist am Sonnabend, 21. Dezember, ab 19.30 Uhr im Theater der Altmark zu erleben. Es gibt nur noch wenige Karten dafür an der Theaterkasse: Tel. 03931/635777 oder Mail: besucherservice@tda-stendal.de