Asylbewerber

Kostenexplosion im Flüchtlingsheim

Wieso die künftige Landes-Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Stendal sechs Millionen Euro teurer wird als geplant.

Von Siegfried Denzel

Stendal/Magdeburg l Neue Fenster und eine in frischem Gelb-Grau erstrahlende Fassade: Eines der beiden jeweils mehr als 100 Meter langen Hauptgebäude des alten NVA-Grenzkommandos Nord an der Gardelegener Straße sieht von außen schon fast fertig aus. In wenigen Wochen, so der flüchtige Eindruck, könnten in der hier geplanten Landes-Erstaufnahmeeinrichtung Asylbewerber einziehen.

Doch der Anschein trügt: Voraussichtlich erst Ende 2022 werden die Arbeiter abrücken. Bis dahin werden sie nicht wie bisher geplant rund 30 Millionen Euro verbaut haben, sondern wahrscheinlich 36 Millionen, sagte der Sprecher des Finanzministeriums in Magdeburg, Wolfgang Borchert, gegenüber der Volksstimme. Damit bestätigte er zugleich eine Meldung des MDR.

Für die Mehrkosten gibt es offenbar mehrere Gründe. Einer davon: Während eines monatelangen Baustopps habe sich Schimmel in dem einstigen Militärkomplex breit gemacht – der müsse nun aufwendig beseitigt werden, sagt Ministeriumssprecher Borchert.

Die Arbeiten sind in vollem Gange; Spezialisten vor Ort beschreiben das Ausmaß des Befalls als „heftig“. So müssen in beiden Hauptgebäuden jeweils die beiden oberen Etagen vom Pilzbefall in Wänden, Decken und Fußböden befreit werden. Bis dahin sind die „Schimmel-Gefahrenzonen“ durch Luftschleusen von den darunterliegenden Stockwerken getrennt.

Ein weiterer Grund für die Kostensteigerung: Sachsen-Anhalt habe aus schlechten Erfahrungen in der ersten Zentralen Anlaufstelle für Flüchtlinge (Zast) in Halberstadt gelernt, als deren Zweigstelle Stendal geführt werden soll. Dort hatte es mehrfach Tumulte wegen schlechter Unterbringung, Hygienemängeln und aus Bewohnersicht unzureichender Versorgungslage gegeben.

Die Reaktion des Landes waren nicht nur mehrfache Polizeieinsätze in Halberstadt, sondern nach Worten des Sprechers auch eine Verbesserung der für Stendal vorgesehenen Unterbringungsstandards. Ausgelegt ist die künftige Erstaufnahmeeinrichtung für bis zu 1.000 Bewohner, wobei nach Angaben des Innenministeriums vor allem sogenannte vulnerable Flüchtlinge an der Gardelegener Straße unterkommen sollen: alleinreisende Frauen mit Kindern, Schwangere, Behinderte, Ältere oder Opfer von physischer, psychischer und sexueller Gewalt.

Wobei laut Finanzministerium nicht zwangsläufig 1000 Menschen in der Aufnahmeeinrichtung untergebracht werden – es könnten auch nur 150 oder 200 Migranten sein, betont Sprecher Borchert.

Durch die langen Verzögerungen beim Umbau der Kasernenanlage – Startschuss war bereits 2016 – ist indes nicht nur Schimmel eingedrungen: Auch die ansonsten kaum spürbare Inflation hat zugeschlagen. Die Baupreise seien in den Wirtschaftsboom-Jahren vor der Corona-Krise deutlich gestiegen – nämlich um rund 15 Prozent, wie Borchert sagt.

Das Geld indes sei vorhanden: Der Finanzausschuss des Landtages habe die Mehrkosten in der vergangenen Woche freigegeben. Das Land finanziere die Gesamtsumme zwar vor, später erstatte der Bund jedoch zwei Drittel der Kosten.