Stendal l Drei Räume mussten genügen. Drei Räume, um eine Zeit und ihre künstlerische Spiegelung begreifbar zu machen, die Weltbedeutung hatte, die Grauen und Vernichtung brachte, Brutalität und Verzweiflung. Eine Zeit, die äußere Verletzungen zur Folge hatte genauso wie innere Zerstörung und seelische Zerrissenheit. Die Zeit des Ersten Weltkriegs. - Wie also all dies fassen? Innerhalb weniger Wochen noch dazu.

Vor dieser Aufgabe standen die Zwölftklässler des Kunstkurses von Reinhard Döring am Rudolf-Hildebrand-Gymnasium mit Beginn des neuen Schuljahres. Wie sie sie bewältigt haben, ist ab Sonnabend im Altmärkischen Museum zu sehen – dann wird die Ausstellung „Ins Licht!“ eröffnet, die hochkarätige, bedeutende Grafiken von Max Liebermann, Käthe Kollwitz, Ernst Barlach, Karl Schmidt-Rottluff und anderen zeigt. Alles dreht sich um den Ersten Weltkrieg, den Weg darein, das Leid mittendrin und den nur kurzen Hoffnungsschimmer in den Jahren danach.

Planen, streiten, verwerfen

Zeitgeschehen und Kunst – das lässt sich nicht trennen. Bringt doch jede Epoche ihre Kunst hervor, spiegelt jede Kunst doch auch ihre Zeit wider, reagiert auf Geschehnisse und Entwicklungen. Der 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs samt der Kunstepoche des Expressionismus – beides war im Unterricht bereits durchgenommen worden – boten sich nun als Thema an, um das im Kunstunterricht geforderte „Präsentieren“ praktisch anzugehen.

Bilder

Für Rainer Döring ist das Vorhaben voll aufgegangen. Es war ja das erste Mal, dass Schüler auf diese Weise so intensiv und hauptverantwortlich an der Gestaltung einer Ausstellung beteiligt wurden. „Es geht nicht darum, dass sie lernen, Galerist zu werden“, sagt er, „sondern zu planen, ein Konzept zu entwickeln, Erdachtes auch mal umzuwerfen und zu verändern und vor allem: im Team zu arbeiten.“ Da ging es zuweilen hitzig zu, wurde um kleinste Details gerungen und im besten Sinne gestritten – manchmal waren es nur wenige Zentimeter Bildabstand, die plötzlich von Belang waren.

Bildwirkung kein Zufall

Lehrer Rainer Döring hat es mit Wohlgefallen beobachtet und wahrgenommen, denn: „Da haben sie gemerkt, dass eine Ausstellung mehr ist, als nur Rahmen aufzuhängen. Es geht um Inhalte, um Zusammenhänge und natürlich auch um eine ansprechende Gestaltung und sinnvolle Hängung, damit ein Bild wirkt.“ So ist es kein Zufall, dass ein Holzschnitt der bedeutenden „Christus“-Mappe von Karl Schmidt-Rottluff den prominentesten, weil augenfälligsten Platz in der Ausstellung bekam, am Ende der Sichtachse, die sich dem Besucher eröffnet, sobald er den ersten Raum betritt: „Ist euch nicht Kristus erschienen“ lautet die Textzeile unter dem maskenhaften, kantigen Kopf, der Christus darstellt. In der bewusst abstoßenden Gestaltung vereinen sich Erschütterung, Sehnsucht, religiöses Leuchten. Döring ist ganz bewegt von dieser Darstellung und ob ihrer Bedeutung froh, dass sie aus der Sammlung der Hansestadt Stendal in die Ausstellung gegeben wurde.

Drei Räume als Zeitleiste

Neben diesen städtischen Leihgaben sind es Grafiken aus einer Privatsammlung, die in den drei Räumen präsentiert werden und die Entwicklung des Denkens und Schaffens parallel zu den Zeitläufen aufzeigen: von Kriegseuphorie und nationalistischer Erbauung über Ernüchterung und Lebensbrüche bis zu Sinnfragen und Hoffnungssehnsucht. In der schwarz-weißen Düsternis der Darstellungen geschieht dies sehr eindrücklich und beklemmend.

Mit dem Wissen um die Energie, die die Gymnasiasten in die Konzeption der Ausstellung gesteckt haben, wird sich mancher Besucher vielleicht selbst mehr Zeit zum Betrachten und Wirkenlassen nehmen. Bei den Schülern, schildert ihr Lehrer, war es am Ende so: „Sie standen vor den aufgehängten Grafiken und sagten einfach nur ‚Ja.‘“ Ein sattes, zufriedenes, wenngleich ein wenig erschöpftes Ja muss das gewesen sein.

Vernissage am 29. September

Die Ausstellung „Ins Licht!“ wird am Sonnabend, 29. September, um 15.30 Uhr im Musikforum Katharinenkirche eröffnet. Es gibt eine thematische Einführung und musikalische Umrahmung. Sie ist dann bis 19. Dezember zu sehen.