Bellingen l Die Milchviehherde der Agrargenossenschaft Bellingen strahlt Ruhe aus. Die Tiere liegen auf ihren Plätzen, käuen zufrieden wieder. Auf den neuen, weichen Stallmatten machen sie es sich bequem. „Tierwohl wird immer mehr zum Thema“, so der Vorstandsvorsitzende Andreas Wetzel.

Außerdem: Die Investition in diesen Wellnessbereich für Kühe, rund 35.000 Euro nahm der Betrieb dafür im Januar in die Hand, hat sich gelohnt. Die Leistung stieg an. Rund 8600 Kilogramm Milch pro Tier und Jahr werden hier aktuelle gemolken. „Die könnten noch mehr, wenn wir wollen“, ist sich die stellvertretende Vorstandsvorsitzende Ute Lüdecke sicher. „Aber wir wollen die Kühe nicht auslutschen.“

Nicht in Bestenlisten vertreten

Die schwarzbunten Kühe aus Bellingen sorgen auf keiner Tierschau für Furore. Diese Herde taucht auch nicht mit sensationellen Leistungen in den einschlägigen Bestenlisten auf. Ja, Wetzel gibt unumwunden zu, dass er eher einen Durchschnittsbetrieb führt. Aber auch der muss sich rechnen, das ist der Vorstand gegenüber Mitgliedern, Flächeneigentümern und nicht zuletzt dem Personal schuldig. Milchproduktion als Standbein ist da aktuell aber eher hinderlich.

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Mit Blick auf das wirtschaftliche Ergebnis eines Landwirtschaftsunternehmens sind Kühe derzeit nämlich alles andere als Goldesel. Nach der großen Milchkrise 2015/16, in der über einen längeren Zeitraum der Milchkilopreis unter 20 Cent lag, hat sich der Markt noch immer nicht erholt. Produzenten können kaum auskömmlich wirtschaften. Durch das zurückliegende zweite Dürrejahr in Folge und die Tatsache, dass immer weniger Menschen bereit und auch fähig sind, im frühesten Morgengrauen Kühe zu melken und zu versorgen, verschärft sich das Problem.

Hälfte der Betriebe trennte sich von Tieren

Die Altmark ist zwar immer noch die Milchhochburg Sachsen-Anhalts, immer mehr Bauern ziehen aber die Reißleine. Von einst 105 Milchproduzenten, die noch 2007 in den Altkreisen Stendal, Havelberg und Genthin ansässig waren, trennten sich bis Ende 2019 über 50 von ihrem Viehbestand. Wetzel nennt auf Anhieb allein zehn Kollegen aus dem Süden des Landkreises Stendal, die in jüngster Zeit das Handtuch warfen. Darunter befanden sich Herden, die züchterisch als Perlen galten. Nur noch eine Handvoll Landwirte aus dem Tangerhütter Raum hält die Stange. „Noch“, seufzt Wetzel. Er weiß, der ein oder andere „liebäugelt“ auch damit, sich von den Kühen zu trennen.

Unter rein ökonomischen Gesichtspunkten müssten auch die Bellinger diesen Schritt in Erwägung ziehen. „Auch wir subventionieren die Milchproduktion quer“, macht Lüdecke klar, dass ihre Kühe derzeit teilweise durch andere Einnahmequellen mitfinanziert werden. Trotzdem halten die Bellinger an ihren Schwarzbunten fest. „Wir bewirtschaften das Grünland in der Tangerniederung. Das können wir nur über das Milchvieh veredeln“, begründet Wetzel zum einen mit der Standortgebundenheit. Weiter nennt er das Stichwort Kreislaufwirtschaft. Der Mist werde als Dünger gebraucht. Nicht zuletzt wäre da auch die Verantwortung als Arbeitgeber. Immerhin haben acht Personen durch die Milchproduktion Lohn und Brot. Schließlich sei da auch der emotionale Aspekt. Milchwirtschaft habe in Bellingen Tradition. Verschwinde sie, verschwinde Wissen.

Es geht bei der Milchwirtschaft in diesem Unternehmen also nicht um die großen Gewinne, sondern vielmehr um die Verlustvermeidung. „Das ist eine Gratwanderung“, so der Vorstandsvorsitzende. Gern hätte man drei Millionen Euro in die Hand genommen, um einen neuen Stall zu bauen. „Das hätten uns unsere Nachfolger aber übel genommen“, meint Wetzel mit Blick auf die finanziellen Belastungen, die damit verbunden wären.

Milchproduktion im Schweinestall

„Wir müssen also versuchen nach und nach mit einem schmalen Taler weiter voranzukommen, auch wenn es keinen Spaß macht, jeden Cent zweimal umzudrehen“, fügt er hinzu. In der Vergangenheit ist das den Bellingern gelungen. Sie produzieren Milch in einem umgebauten Schweinestall, der im Laufe der Jahre hauptsächlich mit eigenen Arbeitskräften mit dem notwendigen Kuhkomfort ausgestattet wurde. Die neuen Liegematten waren die jüngste Anschaffung, in diesem Jahr soll außerdem noch in die Verbesserung des Stallklimas Geld gesteckt werden. Eventuell könnten auch Melkroboter zum Thema werden. „In diesem Jahr aber nicht mehr. Wir haben gute Melker. Die machen alles richtig“, so Lüdecke.

Sowohl sie als auch Wetzel machen deutlich, dass man in Bellingen an der Milchproduktion festhalten werde. Ob das in zehn oder 20 Jahren noch so ist, könne dagegen niemand prophezeien. Abhängig sei dies nicht zuletzt von einer notwendigen Investition in den Hochwasserschutz. Die Flut 2013 machte nämlich vor dem Betriebsgelände in der Tangerniederung keinen Halt. „Wir wollen keinen Din-gerechten Deich, aber wir brauchen einen Schutzwall um die Anlage“, so Wetzel.

Selbst der würde aber mit rund 100.000 Euro zu Buche schlagen und das sei aus eigener Kraft nicht zu stemmen. Die einst von Landespolitikern großzügig versprochen Fördermittel wurden bislang verwehrt.