Möllenbeck l Malerischer könnte es an einem Sonntagmorgen im November kaum sein. Im Südosten sticht die Sonne mit den ersten Strahlen durch die Nebelwand und lässt die Feldsteinkirche im Hintergrund einer grasenden Fleischrinder-Herde erstrahlen. Hier und dort ertönt ein „Muh“ und es ist zu spüren: In Möllenbeck ist die Welt noch in Ordnung. Mein Weg führt mich auf Empfehlung von Regina Lühe aus Erxleben zum Gotteshaus, wo ich mit Glockenschlag 9 Uhr ankomme, um Lars Schmidt zu treffen. Der 40-Jährige ist hier die gute Seele, wie Lühe, die in Möllenbeck die Gräber ihrer Eltern und Großeltern pflegt, es vorab sagte.

Sogleich habe ich ihn erblickt, die Heckenschere hat er schon in der Hand. Zu früh ist es für ihn nicht. „Ich bin Frühaufsteher“, hat er mir im Vorfeld verraten. Im Alltag zieht es den Landschaftsgärtner jeden Morgen zur Arbeit nach Lüchow, am Sonntag ist er immer auf dem Friedhof seines Heimatdorfes zu finden. Man könnte meinen, es ist sein zweites Wohnzimmer. Das verrät nicht nur sein Funkeln in den Augen, als er mich über die schmalen Wege führt, sondern auch jedes Wort, welches er erzählt. Sein Herz schlägt für Pflanzen und die Erhaltung des Gotteshauses. Dieses stammt in Teilen bereits aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Dazu sagt er auch: „Wenn ich es nicht mache, fällt das auch keinem auf.“

Gärtner schafft kleine Kunstwerke

Und trotzdem kommt Lars Schmidt immer wieder auf den Möllenbecker Friedhof, schneidet die Hecken und Sträucher. Dabei erschafft er auch kleine Kunstwerke, die man zum Teil erst auf den zweiten Blick erkennt. Als Beispiel dafür gilt eine Buchsbaumbank oder ein doppeltes Herz, welches es hinter der Kirche zu entdecken gibt.

Bilder

„Ich kümmere mich jetzt seit etwa zehn Jahren um die Kirche und den Friedhof. Bis dahin hat das eine ältere Dame gemacht, die dann aber nicht mehr konnte“, berichtet Lars Schmidt, für den die Arbeit mit Pflanzen Passion ist. Und die hat er schon an vielen Orten auf der Welt ausgelebt. „Nach meiner Ausbildung und dem Zivildienst habe ich in einer Garten-Zeitung ein Inserat geschaltet, dass ich Arbeit im Ausland suche. Daraufhin habe ich Anfragen aus Spanien und dem Süden Frankreichs erhalten“, erzählt der Möllenbecker. Beides hat er sich angesehen und ist schließlich in Spanien an der Costa Blanca hängengeblieben.

Gärtner arbeitet im Winter in Spanien

Über viele Jahre ist er gependelt, wie er sagt: „Über den Winter habe ich dann in Spanien gearbeitet.“ Schließlich mag er die kalte Jahreszeit nicht so. „Da sind die Finger schnell nass und kalt.“ Das letzte Mal war Lars Schmidt im Vorjahr im Süden. „Dieses Jahr geht es ja nicht und dabei wird es wohl bleiben. Für Januar und Februar habe ich genug Urlaub und Überstunden.“

Seine Freizeit verbringt er dann beispielsweise damit, den Friedhof in Schuss zu halten. „Ich benötige zwei Wochen, um alle Hecken und Sträucher zu schneiden“, verrät er. Dabei erstaunt mich besonders, dass er dies vorwiegend mit der Hand macht. Sogar das Rasenmähen führt er häufig mit einem Spindelmäher aus. „Dann kann ich das auch am Sonntag.“ Sogleich fällt ihm wieder ins Auge, welche Aufgaben er hier noch vor sich hat. Doch zuerst führt er mich in das Gotteshaus.

Mit dem Gärtner in die Kirche

Voller Stolz präsentiert Lars Schmidt den großen Schlüssel. „Das ist das Original“, sagt er. Im Inneren ist der Kirche anzusehen, dass sie nur selten genutzt wird. Die Wände haben schon lange keinen Anstrich mehr gesehen. Hier und dort wurde aber dennoch Hand angelegt. Schmidt hat bereits einen Weihnachtsstern aufgehängt und zeigt mir eine Wand, die er vor dem Verfall lieber neu verkleidet hat.

Durch eine Holztür gelangen wir in den Turm, der von alten und vor allem steilen Holztreppen gekennzeichnet ist. Angesichts dessen, dass wir nun hochsteigen wollen, ist mir etwas anders. Lars Schmidt sagte mir zudem, dass er eigentlich etwas Höhenangst hat. Trotzdem steigt er Woche für Woche auf. Denn mitten im Kirchturm sind das Zähl- sowie Schlagwerk verbaut. Dieses muss manuell aufgezogen werden. „Das sind ungefähr 124 Umdrehungen“, sagt der 40-Jährige und kurbelt los. Dabei erzählt er mir von den zahlreichen Tieren, die hier immer wieder ihren Nachwuchs aufziehen. Zuletzt waren es Falken und eine Eule.

Gärtner bedient die Glocken

Schnell ist er fertig und wir gehen noch eine Etage höher zu den beiden Glocken. Eine ist aus Eisen, die andere aus Kupfer. Hier haben auch die Vögel ihre Spuren hinterlassen und dem gesamten Bauwerk ist sein Alter anzusehen. Nur ein falscher Schritt auf dem Holz-Boden und es geht mehrere Etagen tiefer. Dennoch kommt Schmidt bei besonderen Anlässen zusammen mit seinem 65 Jahre alten Vater Rüdiger hier hoch. „Dann bedienen wir beide Glocken manuell, weil der Klang einfach schöner ist.“

Von ganz oben hat man durch die kleinen Öffnungen einen wunderbaren Ausblick. In Richtung Norden ist Schönebeck zu sehen, im Osten lässt der Nebel Wollenrade nur vermuten. Dazwischen zeigt mir Schmidt auch sein Häuschen und einen kleinen Wald, den er direkt daneben auf einer früheren Wiese gepflanzt hat. Dabei erzählt er, dass er nur schwer Pflanzen einfach so wegschmeißen kann. „Wenn ich bei Kunden dies oder das entfernen soll, nehme ich es häufig mit nach Hause.“

Gärtner kennt die Friedhofsbesucher

Sogleich klappt das Tor zum Friedhof. Ein Rentner schreitet den Weg herauf zum Grab seiner Frau. „Diese ist erst kürzlich verstorben“, weiß Lars Schmidt. Der Witwer hat dann mit seiner Verstorbenen gesprochen, ihr von der zurückliegenden Woche berichtet. Beim Abstieg verweist Schmidt noch auf den Dachstuhl des Kirchenschiffes und die Beschaffenheit der Wände. „Erstaunlich, dass das so lange hält. Das ist ja kein Zement“, so der Möllenbecker.

Im Sommer ist Lars Schmidt von Sonnenauf- bis -untergang im Grünen unterwegs. Für ihn ist die Arbeit als Landschaftsgärtner eine Berufung. So verwundert es mich nicht, dass er in der Freizeit nur von einem Hobby spricht: der Fotografie. „Ich fotografiere alles, was ich interessant finde.“ Zu sehen sind seine Bilder allerdings nicht. „Wir haben hier kein Internet, so dass ich nicht einmal ein Fotobuch erstellen kann“, berichtet er.

Als wir den Friedhof verließen, war mir eines klar: Die schönsten Fotomotive hat der Möllenbecker Lars Schmidt sich vor der eigenen Haustür selbst kreiert.