50 Jahre Stendal-Stadtsee

Mad-Club in Stendal bietet der Stadtsee-Jugend seit 30 Jahren eine Heimat

Der Stadtteil Stadtsee wird 2021 50 Jahre alt. In einer Serie blickt die Volksstimme auf die Vergangenheit und Gegenwart dieses besonderen Viertels zurück. Im fünften Teil erzählen zwei Sozialarbeiterinnen von ihrer Arbeit im Mad-Club.

Von Antonius Wollmann 03.08.2021, 18:02
Kai Wetter, Nanette Schatter, Susann Junghans, Petra Tuchen und Petra Jatzek (von links) sind das Team des Mad-Clubs. Auf dem Bild fehlt Dirk Wetter. Das Graffito entstand bei einem Workshop im Mad-Club.
Kai Wetter, Nanette Schatter, Susann Junghans, Petra Tuchen und Petra Jatzek (von links) sind das Team des Mad-Clubs. Auf dem Bild fehlt Dirk Wetter. Das Graffito entstand bei einem Workshop im Mad-Club. Foto: Antonius Wollmann

Stendal - Die Jahre nach der Wende seien heftig gewesen für viele Jugendliche, erzählt Susann Junghans. Die Perspektivlosigkeit im gesamten Stadtteil Stadtsee mit den Händen zu greifen. Alte Gewissheiten waren so schnell verloren gegangen wie die Arbeitsplätze der Eltern. Viele Teenager stolperten orientierungslos durch die Zeit. Die Frustration entlud sich. Schlägereien waren eher die Regel als die Ausnahme. Schwerstarbeit für die Sozialarbeiterin, die seit seiner Gründung im Jahre 1992 im Mad-Club in der Wahrburger Straße arbeitet.

In jenen Räumen, in denen 1982 mit dem „11. Parlament“ der erste Jugendclub in Stendal-Stadtsee überhaupt gegründet worden war. Nur waren die Zeiten plötzlich ganz andere. Anarchischer, weniger geordnet. Mit den genannten Problemen.

Klima im Stadtteil Stadtsee ist nicht immer leicht

Doch habe ihre Arbeit seitdem beileibe nicht nur daraus bestanden, Streit zu schlichten, sagt Petra Tuchen. Sie gehört wie ihre Kollegin zum Inventar des Clubs. Seit 1997 ist sie dabei. Und mit ihrer ruhigen Art die perfekte Ergänzung zu ihrer extrovertierten Chefin. Die spricht ein bisschen so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Immer geradeaus, aber stets herzlich.

Musik habe jedenfalls zum Beispiel immer eine große Rolle gespielt, sagen die beiden unisono. Tanzgruppen gehen hier seit eh und je ein und aus. Die Stendaler Hip-Hop-Szene sei in den Räumen quasi zu Hause gewesen. „Vor etwa 20 Jahren hatten wir hier fast jedes Wochenende Konzerte oder Partys. Das lag auch daran, dass es in Stendal damals keine richtige Diskothek gab“, erzählt Petra Tuchen. Bis der Boom plötzlich abnahm und sich offenbar niemand mehr so richtig für Hip Hop interessierte. So sei das nun mal. Die Veränderung als einzige Konstante.

Wie sich der Stadtteil dabei in all den Jahrzehnten entwickelte, könne man gut an der Zusammensetzung der Jugendclub-Besucher ablesen. „In der Anfangszeit war die Klientel deutlich gemischter. Damals hatten wir auch viele Gymnasiasten hier. Die sind im Laufe der Zeit fast ganz verschwunden“, sagt Susann Junghans. Zurück blieben die oftmals nicht so einfach zu betreuenden Fälle. „Machen wir uns nichts vor. Wir leben hier nun mal in einem sozialen Brennpunkt. Mit all den Schwierigkeiten, die damit verbunden sind“, sagt die Leiterin. Es sei vorgekommen, dass man Zwölfjährigen beibringen musste, die Uhr zu lesen.

Anderen wiederum habe man ganz klare Grenzen setzen müssen. „Wir können hier nicht alle in Watte packen. Regeln sind wichtig. Da bin ich lieber am Anfang strikt. Weicher kann man immer noch werden“, sagt Susann Junghans.

Im Zweifel hält man im Mad-Club zusammen

Umso schöner sei es, wenn man die Erfolge der Arbeit sieht. Wie jener Junge, dem man wenig Chancen eingeräumt hatte, der nun aber bei seiner Ausbildung bei einem Stendaler Autohaus eine richtig gute Figur mache, wie Petra Tuchen stolz erzählt. Im Zweifelsfall lassen die beiden sowieso wenig auf ihre Schützlinge kommen.

„Wir spüren oft einen großen Zusammenhalt. Das ist sehr schön zu beobachten“, sagt Petra Tuchen. Vor 20 Jahren zum Beispiel, als der Mad-Club auf der Kippe stand, und eine große Abordnung im Stadtrat erfolgreich für den Erhalt warb.

Was den Jugendclub außerdem ausgezeichnet habe, sei seine Vielfalt. „Wir waren und sind der Multikulti-Club“, sagt Susann Junghans. Gingen früher vor allem Afrikaner in den Räumen ein und aus, waren es zwischenzeitlich Aussiedler aus Russland. Seit einigen Jahren kommen die Kinder der Flüchtlingsfamilien aus Syrien und Afghanistan. Das sei zwar nicht immer störungsfrei abgelaufen, am Ende habe man es aber hinbekommen, sagt die Chefin. Heute genauso wie vor 30 Jahren.