Ausgewandert

Maria baut in Stendal an ihrem Glück

Maria Paola Valderrama-Perez ist eine junge Frau aus Venezuela, die dabei ist, sich ein Leben in Stendal aufzubauen.

Von Egmar Gebert

Stendal l Maria Paola Valderrama-Perez. Bei so einem Namen denkt man an Musik, eine Opern-Diva oder Star-Pianistin, die auf den Bühnen der Welt zu Hause ist.

Weit gefehlt. Maria Paola Valderrama-Perez ist eine junge Frau aus Venezuela, wie es dort Tausende geben mag. Aufgewachsen in Maturin, einer Provinzhauptstadt im Nordosten des Landes, wurde Maria zu einer guten Schülerin, machte mit 17 Jahren ihr Abitur, wollte studieren und zuvor, wenn es irgend ginge, ein bisschen von der Welt kennen lernen.

Die AFS, eine international tätige, gemeinnützige Organisation, half ihr dabei. Maria bekam das Angebot, für zehn Monate nach Deutschland zu gehen, in einer Gastfamilie zu leben, ein Gymnasium zu besuchen. Beides sollte sich in Stendal befinden. Maria nahm an.

Auch für Kathrin und Torsten Niemeck ist die AFS keine Unbekannte. Bereits zweimal hatten sie ein von der Organisation nach Deutschland vermitteltes „Gastkind“ bei sich aufgenommen, 2011 ein Mädchen aus Japan, 2012 eines aus Hongkong. Tochter Maria war ebenfalls über die AFS zehn Monate im Ausland.

Anfang September 2014 hatte Maria Paola Valderrama-Perez zum ersten Mal deutschen Boden unter den Füßen, altmärkischen, Stendaler. Bei Gastfamilie Niemeck fand sie herzliche Aufnahme, im Stendaler Privatgymnasium, in das auch Gastschwester Marie Niemeck ging, neue Freunde.

Zehn Monate später der Abschied auf dem Stendaler Bahnhof. Leicht war es nicht, ganz und gar nicht, erinnern sich die Niemecks. Und dann die Bemerkung der Betreuerin von der AFS, die Torsten Niemeck von den desolaten Zuständen in Venezuela berichtete, in die Maria nun zurückkehren würde (siehe Info-Kasten) . Das waren jene „fünf Sekunden“, von denen Torsten Niemeck im Rückblick weiß, dass sie entscheidend waren für das, was dann geschah. „Das ließ mir keine Ruhe mehr. Ich habe mit meiner Frau gesprochen und wir waren uns einig, etwas für Maria tun zu wollen.“

Zwei Monate später, Anfang August 2015, bekam Maria in Venezuela Post aus Deutschland. Die Niemecks schrieben ihr, dass sie eine Ausbildung in Stendal machen könne, wenn sie wolle. Sie müsse sich aber schnell entscheiden, denn die Lehre zum Facharbeiter für Elektrotechnik, Energie- und Gebäudetechnik würde im September beginnen. Torsten Niemeck hatte mit der Uenglinger Elektro-Firma Thürnagel einen Handwerksbetrieb gefunden, der bereit war, Maria diese Chance zu geben, hatte bei den zuständigen Behörden die nötigen Schritte eingeleitet, die eine Rückkehr mit dem Ziel der Berufsausbildung in Deutschland absegnen mussten, spricht im Nachhinein von guter Zusammenarbeit und kompetenten Partnern.

Maria, indes noch in Venezuela, war hin- und hergerissen. Gerade erst hatte sie ihre Mutter, deren einziges Kind Maria ist, wiedergesehen, die Freunde... und jetzt dieses Wahnsinns-Angebot. Ihr war klar: Entscheidet sie sich für Deutschland, wird es dieses Mal nicht um zehn Monate, sondern um dreieinhalb Jahre gehen. Schließlich war es Marias Mutter, die ihr zuredete, ihr Mut machte. Als Maria davon spricht, wird ihre Stimme leise. Der heute 21-Jähirgen ist in diesem Moment bewusst, welche Kraft eine Mutter für so eine Entscheidung aufbringen muss. Ihre Mutter hatte diese Kraft.

Am 6. September 2015 kam die junge Venezolanerin zum zweiten Mal in Stendal an. An einem Sonntag. Der Montag darauf sollte ihr erster Tag an der Berufsschule sein. „Die ersten Wochen waren sehr schwer“, erinnert sie sich. Ihr Deutsch noch zu schlecht. Drehstrom? Kreuzschaltung? Sie konnte solche Fachbegriffe kaum aussprechen, geschweige denn ins Spanische übersetzen. Dazu die übergroße Sehnsucht nach ihrer Mutter. Der Besuch über Weihnachten zu Hause tat gut.

Danach ging es aufwärts und vorwärts in Riesenschritten.

Juni 2018: Maria Paola Valderrama-Perez steht vor der nächsten Herausforderung. Ein halbes Jahr vorfristig wird sie aufgrund ihrer Leistungen zu den Abschlussprüfungen zugelassen, besteht, ist Facharbeiter für Elektrotechnik, Energie- und Gebäudetechnik.

Und wie war das jetzt mit dem Wunsch, zu studieren? Natürlich will Maria das immer noch und nun natürlich am liebsten in Deutschland. Das Problem erklärt Torsten Niemeck: Als Nicht-EU-Bürger habe Maria keinen Anspruch auf irgend eine Form staatlicher Unterstützung oder Leistung, müsste ihr Studium allein finanzieren. Das kann die junge Frau nicht. Ist dies das Ende ihres Traums?

Marias „zweiten Familie“, zu der ihr die Niemecks inzwischen geworden sind, kann und will das nicht zulassen. Torsten Niemeck findet zum zweiten Mal offenen Ohren bei den Behörden und er findet ein Unternehmen, das in der Lage ist, Maria den Weg zum Studium zu ebnen.

Die Schubert GmbH Tangerhütte, eines von Sachsen-Anhalts führenden Unternehmen in der Elektrotechnik, lädt die junge Frau zum Gespräch ein und entscheidet:

Erstens: Maria kann während der zwei Semester Studienkolleg, die sie zur Erlangung der deutschen Hochschulreife noch absolvieren muss, als Praktikantin im Unternehmen arbeiten.

Zweitens: Sollte Maria danach Elektrotechnik studieren, wird sie die Schubert GmbH weiter unterstützen, ihr nach erfolgreichem Abschluss ein Vertragsangebot unterbreiten.

Genau das möchte Maria tun – in ihrer zweiten Heimat, in Deutschland, in Stendal. Hier sieht die junge Frau ihre Zukunft, hier möchte sie diese gestalten. Das übrigens nicht mehr allein, sondern mit einem jungen Mann an ihrer Seite, den es seit fast zwei Jahren gibt.

Doch das ist wieder eine andere Geschichte, eine, die Maria ihrer Mutter in Venezuela und ihrer zweiten, ihrer deutschen Familie gern erzählt, nicht aber unbedingt dem Mann von der Zeitung. Zu dem spricht sie lieber zum Abschluss von einem großen, leider noch immer unerfüllten Wunsch: „... dass es Venezuela möglichst schnell wieder besser geht.“