Stendal l In Stendal eröffnet am 12. August 2019 der erste „Unverpackt“-Laden der Altmark. Die Stendalerin Yvonne Riesmann übernimmt das bisherige "Tee- und Gewürzhaus" und formt es ein wenig um. Mit Nora Knappe hat die 44-Jährige über ihre Pläne, Müll in unserem Alltag und kleine Schritte zur Veränderung gesprochen und darüber, wie ihre Familie selbst versucht, etwas „unverpackter“ zu leben.

Volksstimme: Sie übernehmen demnächst den Teeladen in der Breiten Straße, aber es wird Veränderungen geben...
Yvonne Riesmann:
Ja und nein. Tee, Gewürze, Keramik, dieses umfangreiche Sortiment soll auch so bleiben. Die Kunden, die dort seit vielen Jahren einkaufen, sollen das auch weiterhin dort finden. Aber ich möchte es ergänzen durch trockene Lebensmittel, die ich unverpackt anbiete.

Was meinen Sie mit trockenen Lebensmitteln?
Nudeln, Haferflocken, Mehl, Zucker, Nüsse und Süßigkeiten. Die frischen Produkte findet man ja um die Ecke auf dem Bauernmarkt, da möchte ich keine Konkurrenz sein.

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Das Besondere wird ja sein, dass es das alles eben nicht verpackt gibt, sondern, so heißt dann auch Ihr Geschäft, unverpackt. Warum?
Wo fange ich da an... Viele Ältere, aber zum Teil auch meine Generation, kennen das ja noch: Zum Einkaufen nimmt man einen Beutel, eine Tasche mit, für Gemüse und Obst braucht man keine Plastetüten. Und manchmal ist es so, dass man von etwas nur eine kleine Menge braucht, warum soll ich da 500 Gramm kaufen und werfe am Ende die Hälfte davon weg? Gerade bei Tee oder Gewürzen reicht doch oft weniger, dafür kommt man dann eben öfter in den Laden.

Sie reihen sich mit Ihrem Laden in einen gerade eher in Großstädten aufkommenden Trend, der ja letztlich, Sie sagten es schon, eine Rückbesinnung ist. Dahinter steckt ja auch das Ansinnen, einfach weniger Müll zu fabrizieren.
Genau, das beschäftigt mich schon länger. Ich habe auch einen Workshop mitgemacht, im ersten „Unverpackt“-Laden Deutschlands, in Kiel. Und das hat mich so überzeugt und nicht losgelassen, das wollte ich dann einfach auch machen.

Ist das Ganze für Sie beruflich ein ganz neues Wagnis?
Ja, vollkommen neu! Ich habe 25 Jahre als Firmenkundenbetreuerin bei einer Bank gearbeitet, mein Schwerpunkt war Agrar, Forst, Ernährung. Das passt also, nur eben jetzt von der anderen Seite her.

Auf jeden Fall haben Sie dann auch das kaufmännische Wissen, was ja nicht schaden kann, wenn man sich selbstständig macht.
Ja, das kommt mir sehr zugute. Und ich habe familiären Rückhalt, eine Schwester arbeitet im Einzelhandel, eine im Steuerbüro, davon profitiere ich jetzt (lacht).

Fürchten Sie nicht, dass Sie es mit solch einem Konzept hier in der Altmark eher schwer haben könnten?
Ich sehe es als Herausforderung, und es liegt wohl in meinem Naturell, die Dinge positiv anzugehen. Außerdem ist es einfach ein wichtiges Thema, es ist interessant und ich erkläre es den Leuten auch gern. Ich möchte niemanden bekehren oder den Leuten etwas verbieten. Aber zum Nachdenken anregen, zu kleinen Schritten animieren. Ich merke ja, dass sich viele Leute jetzt doch mehr mit diesem Gedanken beschäftigen: wie viel Müll wir täglich produzieren und die Umwelt und letztlich auch uns damit schädigen.

Wie läuft das dann praktisch ab, wenn man bei Ihnen einkaufen kommt?
Sie können Gefäße oder Beutel mitbringen, bitte gereinigt, oder bekommen sie bei mir im Laden. Der Sinn dahinter ist dann natürlich, dass man die auch öfter benutzt. Ich habe Baumwollbeutel verschiedener Größen, die waschbar sind, und Gläser. Dann füllen Sie ab, was Sie brauchen. Dann wird gewogen und bezahlt.

Und das Gewicht der Verpackung wird abgezogen?
Selbstverständlich. Auf den Beuteln steht sogar das jeweilige Gewicht schon drauf, und wer selbst Behältnisse mitbringt, wiegt die entweder schon zu Hause oder bei mir im Laden ab und schreibt das dann am besten aufs Gefäß.

Und woher beziehen Sie die Waren?
Meine Vorgängerin, Frau Willmann, hat da ein sehr gutes Netz an Lieferanten, die sie auch sehr sorgfältig ausgewählt hat. Das möchte ich beibehalten. Die Lebensmittel, die jetzt dazukommen, sollen möglichst aus der Region kommen, wenigstens aus Deutschland. Nicht mit Bio-Siegel, das ist für viele Produzenten zu aufwendig, aber trotzdem zum Teil ökologisch hergestellt.

Wie „unverpackt“ leben Sie persönlich denn?
Ich versuche es so gut wie möglich. An mancher Fleisch- oder Käsetheke wird man allerdings noch verwundert angeschaut, wenn man eine Dose rüberreicht oder auf die Tüte verzichten möchte. Aber natürlich gibt es noch Verpackungen im Haushalt Riesmann. Mein Mann war am Anfang skeptisch, aber mittlerweile fängt er selbst an, Dinge umzusetzen. Und unser Sohn, er ist elf, sagt dann auch mal ehrlich: „Nö, das gefällt mir nicht“, aber probiert auch vieles aus.