Stendal l Als Dekanin des Fachbereiches Angewandte Humanwissenschaften ist – wenn man sich im Wortschatz des benachbarten Fachbereiches Wirtschaft bedienen möchte – die Managerin ihres Fachbereiches. Und das heißt aktuell, das neue Wintersemester vorzubereiten.

Dazu gehört es, E-Mails und Briefe zu beantworten, Verträge mit studentischen Hilfskräften oder externen Lehrbeauftragten abzuschließen, Anträge der Kolleginnen und Kollegen für das neue Semester zu prüfen und zu genehmigen, Anträge zum Beispiel zu Stellenbesetzungen an die Hochschulleitung zu stellen und Gespräche mit Bewerberinnen und Bewerbern für die offenen Stellen zu führen.

Der Umzug steht an

Und noch etwas ganz Praktisches hat sie derzeit zu erledigen: den Umzug vom Lehrgebäude 3 ins Gebäude 2, in dem sich ihr neues und etwas größeres Büro befindet. Dort ist sie nicht jeden Tag anzutreffen, glücklicherweise lässt sich vieles am Schreibtisch daheim erledigen. Und der steht nach vielen Jahren in der Bundeshauptstadt mittlerweile im brandenburgischen Umland von Berlin. Dort findet die Professorin auch Zeit für ihr neues Hobby: Islandpferde reiten.

Doch wie gesagt: Monatelange Ruhe auf dem Campus heißt nicht monatelange Ferien für die Professorin. „Ich bin schon froh, wenn ich drei Wochen Urlaub habe“, sagt sie.

Ganz neu war die Aufgabe als Dekanin für die heute 56-Jährige nicht, als sie sie im Oktober vergangenen Jahres von Prof. Wolfgang Maiers übernommen hat. Seit 2009 stand sie ihm als Pro-Dekanin zur Seite und war Studiendekanin für den Fachbereich. Zur Dekanin gewählt wurde sie vom Fachbereichsrat, dem alle Angestellten sowie gewählte Vertreterinnen und Vertreter der Studierenden und der sonstigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angehören.

Das Dekanat leitet sie zusammen mit den Pro-Dekaninnen Prof. Frauke Mingerzahn und Prof. Claudia Wendel. „Damit sind wir das einzige von fünf Dekanaten der Hochschule, das ausschließlich von Frauen geleitet wird.“

Als Dekanin auch im Senat

Zum Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften gehören die Studiengänge Rehabilitationspsychologie, Kindheitspädagogik und Angewandte Kindheitswissenschaften. Als Dekanin gehört Beatrice Hungerland automatisch zum Senat, dem wichtigstes Gremium der Hochschule. Mit Wirtschaft und den Angewandten Humanwissenschaften befinden sich zwei der fünf Dekanate der Hochschule am Stendaler Standort.

Wie an einer großen Schule

Schwerpunkte in der wissenschaftlichen Arbeit von Beatrice Hungerland sind die Soziologie der Kindheit und der Familie, sind Methoden der Sozial- und Kindheitsforschung, sind Kinderrechte, Kinderarbeit und soziale Ungerechtigkeit. Die gebürtige Hamburgerin, die in Bochum und in Brasilien – dorthin zog die Familie wegen der Arbeit des Vaters – aufgewachsen ist, hat in Wuppertal Sozialwissenschaften studiert.

Als wissenschaftliche Mitarbeiterin blieb sie an der Uni in Wuppertal und promovierte dort im Bereich Soziologie mit einer Studie über Elternratgeberbücher zu Veränderungen von familialen Erziehungsvorstellungen von der Nachkriegszeit bis ins 21. Jahrhundert in Deutschland.

„Ich habe mich schon dort auf die Kindheitssoziologie spezialisiert“, sagt Beatrice Hungerland. Und sich auch in der Gleichstellungsstelle der Wuppertaler Universität engagiert, denn sie wusste aus eigener Erfahrung, dass es dort in diesem Punkt dringend Nachholbedarf gab. Aus ihrer Erfahrung, während des Studiums Kinder zu bekommen und als Mutter von zwei Töchtern zu studieren.

„Als ich dann an die Hochschule Magdeburg-Stendal wechselte, wurde ich auch hier gleich die erste Ansprechpartnerin für familiengerechte Maßnahmen, für die die Hochschulleitung immer sehr offen war und ist“, sagt die Professorin. Mittlerweile gibt es dafür eine eigene Mitarbeiterin, aber Beatrice Hungerland ist weiterhin eine der Ansprechpartnerinnen geblieben.

Sie hat den Bachelor-Studiengang Kindheitswissenschaften aufgebaut, seit 2016 gibt es dazu einen Master-Studiengang. Der in Stendal angebotene Studiengang Angewandte Kindheitswissenschaften (kurz: KiWi) ist nach wie vor einmalig in Deutschland. „2005 haben wir gedacht, das wird ein Renner“, erinnert sich Beatrice Hungerland.

Anfangseuphorie und Alltag

Auch, weil dieser Studienbereich in Skandinavien und Großbritannien seit den 1990er Jahren verbreitet ist. Mittlerweile ist die Anfangseuphorie im Alltag angekommen. Im kommenden Semester starten etwa 50 „Kiwi“-Studienanfänger.

Auf die vergangenen 13 Jahre, auf die „Aufbauatmosphäre“, schaut Beatrice Hungerland mit einem gewissen Maß an Zufriedenheit: „Ich habe echt das Gefühl, diese Stelle ist mein Sechser im Lotto und ich bin hier genau richtig.“ Ein Pluspunkt des Standortes sei der überschaubare Campus, auf dem sie alle Kollegen und die meisten Studenten kenne.

„Es ist wie an einer großen Schule, das kennt man von den großen Universitäten nicht“, beschreibt es die Dekanin und ergänzt: „Es ist toll, was in den Jahren hier passiert ist.“

Damit meint sie den Campus an der Osterburger Straße („anfangs habe ich noch Vorlesungen im ‚Schwarzen Adler‘ gehalten“) als „familiären Standort“, die Studiengänge, aber auch den mit der Hochschule verbundenen Verein Kinderstärken, zu dessen Gründungsmitgliedern sie gehört und dessen stellvertretende Vorsitzende sie ist, oder auch das Kompetenzzentrum für Frühe Bildung.

Was ihr noch am altmärkischen Hochschulstandort gefällt, ist die enge Verbindung zur Praxis: „Unsere Projekte werden in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Es ist zu merken, dass wir in die Region wirken.“

Eine Herzenssache

Etwas, das ihr sehr am Herzen liegt, sind die Kinderrechte. Deren Umsetzung und die Forderung, sie ins Grundgesetz aufzunehmen, „werden in den kommenden Jahren das ganz große Thema werden“, sagt Beatrice Hungerland, die seit 2008 eine Gastdozentur an der Freien Universität Berlin und der Potsdamer Hochschule hat, auch dort zum Thema Kinderrechte. Darum sei es gut, dass es Fachleute zum Thema gibt.

Die melden sich zum Beispiel mit der „National Coalition“ zu Wort, einer Interessenvertretung aller, die sich mit Kinderrechten beschäftigen. Unter anderem berichten sie im Auftrag der Bundesregierung der UN-Kinderrechtskommission. Die Hochschule Magdeburg-Stendal ist Mitglied in der Kommission – Beatrice Hungerland eine der Stimmen, die sich zu Wort melden.