Stendal l Ehe kaputt, Gesundheit ruiniert, der Alltag alles andere als vergnügungssteuerpflichtig. Das Stück „EU only live twice“ zeigte am Donnerstag die Figur der EU-Parlamentarierin Katrin Petschmann. Fazit: Um den Job dürfte sie keiner beneiden.

Wahrhaftiger EU-Abgeordneter dabei

Mit „EU only live twice“ tourt das Team um Autorin und Schauspielerin Hensel durch die Lande. Die Friedrich-Ebert-Stiftung machte die Aufführung in Stendal möglich, lud zu politischem Theater und anschließender Diskussion mit dem wahrhaftigen EU-Abgeordneten Arne Lietz (SPD).

Zurück zum Stück: Abgeordnete Petschmann kann den proppevollen Terminkalender kaum bewältigen. Sie hetzt von einer Verpflichtung zur nächsten – Eröffnung der Tanztheatertage, Kaffeetrinken in der Kulturscheune Hummelmoor, Richtfeste, Arbeitstreffen ... Ihre Mitarbeiterin (Silke Buchholz) nervt, ihr Arzt (Christian Dieterle) mahnt, zu Hause geht die Ehe krachen. Eine Doppelgängerin muss her.

Bilder

Politikerin reibt sich auf

Das Bild, dass die Abgeordnete abgibt, scheint überdreht, übertrieben, komisch. Doch bei allem kabarettistischen Anstrich kommt der Zuschauer nicht umhin festzustellen, dass die dargestellte Lebenssituation durchaus der Realität entspringen könnte.

Autorin Katja Hensel selbst spielt die getriezte Abgeordnete / Doppelgängerin. Die Schauspielerin zeigt sie als zerbrechliche, zarte Frau, die in ihren Mühen, etwas bewirken zu wollen, zermalmt zu werden droht.

Sie quält sich im „Ausschuss für Monotonie“ und stellt irgendwann fest: „Keiner weiß, was da (im Parlament) abgeht – wie in Korea.“ Für das Publikum ist es amüsant, als eine Parlamentssitzung karikiert wird oder die Doppelgängerin eine blödsinnige Rede einstudieren muss.

Im Privaten geht alles schief. Michael Stobbe spielt emotional überzeugend den Ehemann, der um seine Frau kämpft, alles versucht und am Ende zu Sätzen wie „Du bist eitel und borniert“ gelangt.

Regisseurin Uta Krause verwebt Handlungsebenen geschickt miteinander, lässt Ereignisse im Parlament und im Privaten parallel laufen.

„Ich bin mir nicht sicher, ob es Europa in einem Jahr noch gibt“, sagt die fiktive Abgeordnete Petschmann. Diese Frage beschäftigt in der aktuellen Zerreißprobe viele Menschen. Ob das gezeigte Stück mit seiner schonungslosen Sicht auf die Arbeit der Abgeordneten und des Parlaments positiv auf kritische Einstellungen zu Europa wirken kann, sei dahin gestellt.

Arne Lietz, der nach Ende des Stückes von seiner Arbeit als „richtiger“ Abgeordneter berichtet, tut dies sehr wohl. Der Wittenberger sitzt locker auf der Bühne und plaudert von Gesprächen mit Botschaftern und Außenministern (jüngste Themen: Syrien und Irak), von Redegeflogenheiten im Parlament, vom Umgang mit Rechtsextremisten und vom Reise-Marathon zwischen Brüssel, Berlin und etwa Warschau, von eben einem vollen Terminkalender, vom Agieren im Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten. Ein überzeugter Europäer, der von Europa überzeugen kann.

Stück und Gespräch regen an, über Europa intensiv nachzudenken.