Stendal l Lächelnd steht Ekaterina Pushkareva auf der Bühne. Urkunde und Blumenstrauß liegen vor ihr auf dem Rednerpult. Sichtlich bewegt bedankt sie sich. Gerade ist die russische Studentin mit dem DAAD-Preis vom Deutschen Akademischen Austauschdienst ausgezeichnet worden. Damit werden ausländische Studierende geehrt, die an deutschen Hochschulen besondere akademische Leistungen bringen und sich ehrenamtlich engagieren.

„Eigentlich habe ich vorher die ganze Zeit gezittert“, wird die 34-Jährige später sagen. Sie hatte Angst, weil sie auf die Bühne musste. Am Rednerpult habe sie sich verloren gefühlt. „Doch als ich angefangen habe zu sprechen und gesehen habe, wie die Menschen reagieren, lachen, da habe ich meine innere Ruhe gefunden. Dann hat es mir gefallen.“

Weiter Weg bis zu ihrem Traum

Der Preis soll ausländischen Studierenden ein Gesicht geben. Er wird seit mehr als zehn Jahren an deutschen Hochschulen vergeben. Auch an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Nur ist es das erste Mal, dass eine Studentin ausgezeichnet worden ist, die am Standort Stendal studiert.

Und auch für Ekaterina Pushkareva war es das erste Mal, dass sie mit einem Preis ausgezeichnet worden ist. Sieht man von dem zweiten Platz bei einem Paartanzwettbewerb im Alter von zehn Jahren mal ab. Eigentlich hatte sie sich auch für etwas anderes beworben. Für das Otto-von-Guericke-Stipendium. Das ist es nicht geworden, dennoch freut sie sich über den DAAD-Preis. „Es ist toll, dass man in Deutschland einen solchen Preis gewinnen kann. In Russland ist das eher unwahrscheinlich“, sagt sie.

Dass sie heute in Stendal ist und Rehabilitationspsychologie im dritten Semester studiert, ist nicht selbstverständlich. Und schon gar nicht ist es ihr Notenschnitt von 1,4. Bis dahin war es ein weiter Weg.

Sie wächst in Moskau auf. Dort geht sie in eine von sieben deutschen Schulen. Im Alter von zehn Jahren bricht der erste Tschetschenien-Krieg aus. Die damals autonome Republik Tschetschenien will die Unabhängigkeit von Russland, was diesem ein Dorn im Auge ist. Das russische Militär greift 1994 ein. Was folgt, sind Bilder von Krieg, Geiselnahmen und Zerstörung. Bilder, die Ekaterina Pushkareva damals täglich im Fernsehen sieht. „Das hat mich geprägt“, sagt sie. „Ich glaube, dass ich auch deshalb so viel Empathie habe.“

Seither verspüre sie das Bedürfnis, jenen zu helfen, die am dringendsten Hilfe brauchen. Der Grund dafür, dass sie sich heute für Flüchtlinge engagiert. Sie spricht mit ihnen, greift ihnen unter die Arme. Als studentische Mitarbeiterin an der Hochschule hat sie außerdem eine „Gebrauchsanweisung“ für ausländische Studierende in Stendal geschrieben. Es sind auch solche Dinge, die ihr diese Auszeichnung verschafft haben. „Ich glaube, man kann die Welt nur verändern, indem man die Dinge selbst anpackt“, sagt sie.

Harte Zeit während des Studiums

Die Dinge selbst anpacken, sich frei entfalten können – diese Chance sieht sie für sich lange nicht. „In Russland ist das Verbundenheitsgefühl größer“, sagt sie. Und auch das Pflichtgefühl gegenüber den Eltern. Als sie mit der Schule fertig ist, will ihr Vater, dass sie Jura studiert. Also tut sie es. Sie fühlt sich verpflichtet, ihrem Vater zu gehorchen. Dazu kommt: In Russland gibt es kein Bafög. Und auch nur wenige Studentenjobs. Kinder sind weitgehend finanziell abhängig von ihren Eltern.

Für Ekaterina Pushkareva bedeutet das damals: fünf Jahre Studium. Abends arbeitet sie zudem in der Firma ihres Vaters mit. Eine harte Zeit für sie. „Es war so langweilig. Es hat keinen Spaß gemacht, und ich konnte mich auch nicht entfalten“, blickt sie zurück. Irgendwann hätte sie die Firma übernehmen sollen, „aber das wollte ich nicht“, erzählt sie.

Für Ekaterina Pushkarewa steht damals fest: Sie will etwas anderes. Als sie ihren Diplomabschluss in Jura in der Tasche hat, verfolgt sie ein neues Ziel: finanzielle Unabhängigkeit.

Nach weiteren fünf Jahren Arbeit hat sie genug Geld gespart, um ihren Traum zu leben: Psychologie studieren. „Irgendwann möchte ich psychologisch beratend tätig sein oder therapeutisch arbeiten“, sagt sie. Vielleicht in einer psychosomatischen Klinik. „Denn in der Psychologie kann ich ich sein, mit all meinen Gefühlen. Ich kann ehrlich sein. Anders als im Business. Ich muss nichts vorspielen“, beschreibt sie ihre Faszination. So könne sie sich mit ihren Werten, ihrer Empathie und ihrer Präsenz für andere einsetzen.

Dass sie sich schließlich entscheidet, an einer Hochschule in Deutschland zu studieren, liegt nicht nur daran, dass sie in eine deutsche Schule gegangen ist. „Mit 17 war ich bei einer Gastfamilie in München. Dort gab es einen sehr offenen Umgang miteinander“, erzählt sie. Ihr Gastvater habe ihr ein Verständnis von Würde und Menschenrechten vermittelt. Das habe sie nachhaltig beeindruckt. „Das hat in mir die Vorstellung erzeugt, dass ich mich in Deutschland frei entfalten kann“, sagt sie.

Sonnen- und Schattenseiten in Stendal

Nach einem Jahr hier ist sie überzeugt: „Das war der richtige Weg für mich.“ Sie genießt die politische und persönliche Freiheit, die sie hier im Gegensatz zu Russland hat. „Und es gibt hier weniger Verbotsschilder und Zäune“, fügt sie lächelnd hinzu. Außerdem gefällt ihr, dass alles weniger hektisch ist.

Im Studium lernt sie viel, doch sie hat auch viel Vorwissen. Schließlich ist die Psychologie ihre Leidenschaft. Ab und zu gönnt sie sich Pausen. Dann malt sie gern Bilder mit Ölfarben und sonntags geht sie regelmäßig ins Stendaler Kino. „Ich liebe europäisches Festivalkino“, sagt sie.

Dennoch ist auch hier nicht alles Gold, was glänzt. „Ich habe den Eindruck, dass die Verbundenheit untereinander hier nicht so stark ist wie in Moskau.“ Die Menschen wirken auf sie sehr frei, aber oft auch einsam. Eine Umstellung war es für sie zudem, keinen Smog in der Stadt zu haben. „Der wirkt wie Kaffee fürs Gehirn, und auf einmal hatte ich diesen Stimulus nicht mehr“, erzählt sie.

Manchmal fehlen ihr außerdem die Architektur und die Gerüche in Moskau. „Mir war nicht bewusst, wie stark mich das geprägt hat.“

Auch einige Menschen vermisst sie. Seit einem Jahr sei sie nicht mehr in der Heimat gewesen. Einige Kontakte haben sich verloren. „Manche denken, ich würde hier ein perfektes Leben führen“, sagt sie. Dafür, denkt sie, hat sich ihr Vater inzwischen damit abgefunden, dass sie diesen Weg eingeschlagen hat. „Obwohl er schon noch gelegentlich blöde Sprüche am Telefon bringt“, sagt sie.

Trotz allem findet sie: „Stendal tut mir gut, aber auch weh. Es ist ein bisschen wie ein Arzneimittel“, sagt sie. Noch mindestens vier Jahre wird sie hier weiter studieren. Den Bachelor abschließen und den Master beginnen.

Mit dem Preis hat sie auch 1000 Euro bekommen. Mit deren Hilfe wird sie nun endlich in eine eigene Wohnung ziehen. Und sich damit noch freier entfalten können.