Stendal l Was veranlasst einen Mann dazu, die Dienste einer Prostituierten in Anspruch nehmen zu wollen und sich mit ihr zu einem Sex-Date zu verabreden, zum Treffen aber ein 32 Zentimeter langes Messer mitzunehmen und damit unvermittelt auf sie einzustechen und einzuschlagen? Laut Anklage der Staatsanwaltschaft Stendal so geschehen am Abend des 22. März dieses Jahres im Stendaler Ortsteil Röxe.

Wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung steht seit Dienstag ein bislang rechtlich unbescholtener und auch sonst eher unauffällig wirkender 55-jähriger Stendaler vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht. „Das ist kein gewöhnlicher Fall“, stellte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft beim Prozessauftakt fest und sah sich mit dieser Feststellung offensichtlich im Einklang mit Gericht und Verteidigung. Und auch mit der Berliner Anwältin, die die Prostituierte als Nebenklägerin im Prozess vertritt. Denn der Angeklagte vermochte trotz intensiver Nachfragen aller Prozessbeteiligten seine Motivation für die Bluttat, bei der die 1968 geborene Prostituierte am Kopf mehrere, stark blutende Schnitt- und Stichwunden davontrug, die notärztlich versorgt werden mussten, nicht zu erklären.

Angeklagtert spricht von "Blackout"

Er bestreitet die Tat wohl nicht, gibt aber vor, sich an nichts erinnern zu können. Spricht gar von einem „Blackout“, der mit dem Betreten der Prostituiertenwohnung gegen 21.20 Uhr eingesetzt hätte. Angeblich wisse er nur noch, dass „man sich das Streiten gekriegt“ hätte, wobei es um Geld gegangen sei. „Sie wollte wohl mehr.“ Telefonisch seien 50 Euro ausgemacht gewesen. Für welche „Leistungen“, das sei nicht vereinbart worden.

Wer beim Streit als Erster tätlich wurde? „Ich wohl, ich weiß aber nicht warum, ich kann es noch nicht fassen; das tut mir alles so leid“, gab sich der 55-Jährige reumütig. Das sei sein zweiter Besuch bei einer Prostituierten gewesen. Der erste läge etwa zehn Jahre zurück.

Opfer setzt Angreifer außer Gefecht

Laut Anklage hatte sich das Opfer heftig gewehrt. Sie konnte weitere Attacken abwehren, dem Angeklagten das Messer entwinden und ihn schließlich mit Pfefferspray „kampfunfähig“ machen.

Nach Einlassung des Angeklagten war er zuvor ab 16 Uhr auf einer Familienfeier, wo er, der sonst angeblich keinen Alkohol trinkt, drei bis vier Bier konsumiert hätte. Von dort gegen 19 Uhr zurückgekehrt, habe er in einer Gratiszeitung zuhause im Wohngebiet Stadtsee die Anzeige der Prostituierten gelesen und die angegebene Telefonnummer angerufen, um sich noch für den selben Abend zu verabreden.

„Wussten Sie, dass es sich dabei um eine Transsexuelle handelt“, fragte der Vorsitzende Richter Ulrich Galler. „Ja, ich wollte das mal ausprobieren.“ Sodann habe er sich zu Fuß auf den etwa 25-minütigen Weg nach Röxe begeben. Nicht ohne zuvor noch ein Küchenmesser mit 20 Zentimeter langer Klinge und einen langen Schraubenschlüssel in die Jacke zu stecken. „Warum?“, wollte Richter Galler wissen. „Aus Angst überfallen und zusammengeschlagen zu werden“, gab es zur Antwort. Er hätte viel davon gehört und deshalb Messer und/oder Schraubenschlüssel stets dabei, wenn er im Dunkeln mal rausgehe.

Gerichtspsychiater wird Gutachten erstellen

„Überfälle, hier in Stendal?“ Nein, konkret begründete Ängste hätte er nicht gehabt, nur im Fernsehen davon gehört, sagte er auf Frage des Gerichts. Vorurteile oder Aggressionen hege er weder gegen Transsexuelle noch gegen Ausländer. Denn bei der Prostituierten handelt es sich um eine Ausländerin, die zeitweilig in Stendal ihre Dienste in einer als einschlägig bekannt geltenden Wohnung anbot.

Politische Motive scheint es auch nicht zu geben. Er sympathisiere mit den Linken und der SPD, sei aber nicht politisch aktiv, sagte er auf Nachfrage der Opferanwältin. Aufschlüsse zur Motivation und zur Frage der Schuldfähigkeit kann möglicherweise das Gutachten eines Gerichtspsychiaters bringen. Fünf Prozesstage sind vorerst bis zum 23. Oktober angesetzt, das Opfer soll am 14. Oktober aussagen.