Stendal l „Mehtab, nicht so weit raus schwimmen!“ „Komm, Leyla, wir gehen jetzt alle mal ins Wellenbecken!“ Solche Rufe konnte man in der Vorwoche in den Morgenstunden im Stendaler Sport- und Freizeitbad Altmark-Oase hören. Die freundliche, aber bestimmte Stimme gehörte Kathrin Musold, Streetworkerin der Hansestadt Stendal, die zusammen mit ihrer Kollegin Anke Hartel, Sozialarbeiterin des Landkreises, ein besonderes Projekt ins Leben gerufen hat. Gemeinsam versuchen sie, durch eine „Schwimmbegegnung geflüchteter Mädchen des Landkreises Stendal“ eben diese in gemeinsamen Aktionen in Kontakt zubringen.

Die acht jungen Teilnehmerinnen, die sich in der Vorwoche zwischen 8 und 10 Uhr ins Nass stürzten, kamen aus dem ganzen Landkreis. Beim gemeinsamen Erkunden des Wassers, ein für die meisten der aus Syrien und Afghanistan stammenden Mädchen noch recht fremdes Element, sollten sie sich näherkommen und austauschen können sowie durch das Erlernen des Schwimmens als Nebeneffekt neues Selbstvertrauen erlangen. Dafür standen ihnen die Schwimmlehrerinnen Sabine und Juliane Sturm zur Seite.

Angst ist Spaß gewichen

Das Projekt wurde über das Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ gefördert. Das Schwimmbad diente als attraktiver Ort, um die Schwelle zum Kennenlernen, zu dem die Flüchtlingsmädchen ansonsten nur wenige Möglichkeiten haben, bewusst niedrig zu setzen. In unbeschwertem Rahmen konnten sie sich so auch über ihre Fluchterfahrungen austauschen sowie kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausarbeiten. Dies geschah in Gesprächsrunden beim Imbiss in der Pause.

Als sie das erste Mal mit dem Wasser intensiv auf Tuchfühlung gingen, so die beiden Betreuerinnen, haben sich die Mädchen erst einmal gewaltig erschrocken. Durch Spiele in der Gruppe sind sie aber dem Wasser nach und nach nähergekommen und mittlerweile ist die Angst dem Spaß gewichen.

Die Idee zu dem außergewöhnlichen Projekt war Musold und Hartel im Sommer beim „Girls Camp“ in Havelberg gekommen, einem dreitägigen Projekt zur Begegnung von Mädchen mit und ohne Migrationshintergrund. „Damals“, erzählt Musold, „wollten die Mädchen unbedingt ins Wasser, aber wir haben festgestellt, dass noch keines von ihnen wirklich schwimmen konnte.“ Daraufhin haben sie überlegt, wie man Abhilfe schaffen und gleichzeitig einen pädagogischen Nutzen ziehen könnte und anschließend die Förderung beantragt.

„Ohne die Unterstützung des Bundesprogrammes wäre unser Projekt nicht möglich gewesen“, machen Musold und Hartel deutlich. Dank schneller Bewilligung der Finanzmittel konnten ein Teil der Fahrtkosten und Eintrittsgelder abgedeckt werden. Aber auch die Eltern der Mädchen leisteten einen Anteil.

Um rechtzeitig um 8 Uhr an der Schwimmhalle zu sein, mussten die Mädchen teils lange Anfahrtswege in Kauf nehmen. So erzählt Rulyana, die jetzt in Iden wohnt und damit den weitesten Weg hat, wie früh sie morgens schon aufstehen musste. Daran erkenne man aber, so die Sozialarbeiterinnen, dass es den Mädchen wirklich viel Spaß macht, auch wenn es am Anfang so manche Probleme mit der „deutschen Pünktlichkeit“ gegeben habe, gibt Kathrin Musold augenzwinkernd zu. Aber schließlich sei das alles ein Lernprozess.

Und was gefiel den Teilnehmerinnen am besten? „Auf jeden Fall das Rutschen“, berichtet die 13-jährige Aya aus Syrien freudestrahlend. Auch ihrer Freundin Leyla aus Afghanistan bereitete das gemeinsame Projekt viel Freude, besonders das „Zusammensein und voneinander lernen in der Gruppe“, ergänzt die 14-Jährige in schon fast fehlerfreiem Deutsch. Sie ist sichtlich stolz, dass sie jetzt auch schon mal in den tieferen Bereich des Schwimmbeckens darf, natürlich aber unter den wachsamen Augen der Schwimmtrainerinnen. Denn manchmal kann das neu gewonnene Selbstvertrauen auch leicht zur Selbstüberschätzung führen. „Wir hatten schon den Fall, dass plötzlich eines der Kinder – eben noch schüchtern – auf dem Sprungturm stand.“

Lust auf Altmark-Oase bleibt

Kathrin Musold und Anke Hartel sind zufrieden ob des schnellen Erfolges. So fällt auch das Resümee von Musold aus: „Ich freue mich, dass die Kinder die Möglichkeit haben, sich zu treffen und Spaß zu haben, Sprachbarrieren abzubauen und in einem geschützten Rahmen sich auszutauschen, neue Erfahrungen zu sammeln und so letztendlich selbstständiger und selbstbewusster zu werden.“ Musold und Hartel zeigen sich überdies zuversichtlich, dass ihre Schützlinge dem Stendaler Schwimmbad auch nach Ende des einwöchigen Projektes noch viele Besuche abstatten werden.

Dem Team der Altmark-Oase, das für die kleine Truppe schon zwei Stunden früher als gewöhnlich die Türen des Bades öffnete, möchten die beiden noch einmal ein Dankeschön aussprechen. Das Projekt fand gezielt so früh am Tage statt, da die Mädchen sich dann frei bewegen konnten und noch keine anderen Badegäste da waren. Schließlich waren die meisten der Mädchen mit einem Schwimmbad vorher noch nie in Berührung gekommen.

Wenn es nach Musold und Hartel ginge, könnte das Projekt durchaus Schule machen. „Die Brüder der Mädchen fragten uns bereits: Warum nicht auch für uns?“, berichtet Musold. Wenn es dafür wieder eine Förderung gäbe, würden sie auf jeden Fall dafür bereit stehen. Und natürlich stünden ihre Projekte auch deutschen Kindern aus benachteiligten Familien offen, betont die Streetworkerin.

Übrigens: Obwohl der Burkini erlaubt gewesen wäre, kamen alle Mädchen im normalen Badeanzug.