Büttnershof l Nadun ist ehrgeizig. Neben seiner Arbeit als Kellner im Gutshaus Büttnershof, idyllisch in Nachbarschaft der Elbe gelegen, paukt er für die Fahrschule. Der 29-Jährige möchte unbedingt den deutschen Führerschein besitzen. Den benötigt er hier in der ländlichen Region, sagt Bernd Prüfert, der seit April sein Chef ist. Nadun hat aber noch mehr Ziele. Der junge Mann aus Sri Lanka wird ab August eine dreijährige Ausbildung als Restaurantfachmann absolvieren.

„Die möchte ich erfolgreich abschließen“, sagt er in einem sehr guten Deutsch. Denn Nadun war schon als Jugendlicher ehrgeizig. Um in der in seinem Land bedeutungsvollen Tourismusbranche Fuß zu fassen und eine spätere Leitungsfunktion ausüben zu können, ist eine Fremdsprache Voraussetzung. „Am besten Deutsch“, betont Nadun Anurada Hewagamage, so sein ausführlicher Name. Viele Deutsche schätzen das Klima, die Strände und die Freundlichkeit der Einwohner Sri Lankas und verbringen dort ihren Urlaub.

Chance, in Deutschland zu arbeiten

Der Cricket-Fan ergriff in diesem Jahr die Chance, in Deutschland arbeiten zu können. Nicht-EU-Ausländern ist aktuell nur die Ausbildung in Deutschland möglich. Allerdings werde das Fachkräfteeinwanderungsgesetz überarbeitet. Zuvor lernte er die Sprache in mehreren Kursen am Goethe-Institut auf der Insel, legte insgesamt zwei größere Prüfungen ab. Bernd und Elke Prüfert möchten Nadun nach der Lehre nicht ziehen lassen. Schon nach wenigen Monaten ist der Asiate eine große Unterstützung für das Haus.

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Der 29-Jährige, der an einem September-Tag 1989 in Dhargatown im Südwesten des Landes das Licht der Welt erblickte, liebt die europäische Kultur. Davon musste er erst einmal seine Eltern überzeugen. „Wenn man zwischen 25 und 30 Jahre ist, wird normalerweise bei uns geheiratet“, erzählt Nadun. Aber mit seinem Job in Sri Lanka hätte er es schwer gebabt, eine Familie zu ernähren. „Ich habe umgerechnet rund 100 Euro im Monat verdient.“

Nadun wollte schon immer im Touristen-Sektor tätig sein. In seiner Heimat gibt es viele Kellner, Köche, Reiseleiter, Taxifahrer oder Tuk-Tuk-Fahrer. Sein Vater ist Tourist-Taxi-Fahrer, der mit vielen deutschen Urlaubern ins Gespräch kam und kommt. „Eines Tages hatten wir Besuch von einer deutschen Familie.“ Für Nadun bot sich im Jahr 2009 die Möglichkeit, ein Aupair-Jahr in Neustadt am Rübenberge, zwischen Hannover und Bremen gelegen, zu machen.

94 von 100 Punkten in der Prüfung

Das war eine Chance, ein für ihn fremdes Land, sein erstes Ausland, kennenzulernen. Dafür benötigte er das international anerkannte Goethe-Zertifikat A1 – kein Problem. Unter seiner Prüfung standen 94 von 100 möglichen Punkten. In jenem Jahr verbesserte er nicht nur seine Deutschkenntnisse, er lernte viel Neues und sammelte Erfahrungen. „Ich hab‘ zum ersten Mal vier Jahreszeiten erlebt“, erinnert er sich zurück. Übrigens freut er sich bereits jetzt auf die Wintertage in Büttnershof. In Sri Lanka ist es ganzjährig warm bis heiß.

Nadun erinnert sich bei seinem ersten Aufenthalt in deutschen Landen noch an die Fahrt vom Flughafen an den Zielort, auf der Autobahn. „Bei uns fährt man außerhalb der Orte meist nur 60 km/h“, sagt er. Er hätte sich auch über die meist kahlen Landschaften an der Schnellstrecke gewundert. In seiner Heimat reihen sich an den Straßen Geschäfte an Geschäfte, Händler an Händler.

Das Aupair-Jahr verging im Fluge. Und der Tee-Liebhaber – Sri Lanka ist der drittgrößte Teeproduzent der Welt – musste wieder zurück, 10 Stunden mit dem Flieger von Frankfurt/Main nach Colombo. Nachdem der Wunsch, als deutschsprachiger Reiseleiter zu arbeiten, nicht in Erfüllung ging, verdiente er seine Rupien bei einer Reise-Agentur. „Ich begleitete Touristen beispielsweise vom Flughafen zu ihrem Hotel.“ Zu dieser Zeit beobachtete er auch die Kellner, die einen besser bezahlten Job hatten. In dieser Branche tätig zu sein, entpuppte sich als herausfordernde Aufgabe. Aber Nadun wollte unbedingt Kellner werden. Und wieder packte ihn sein Ehrgeiz.

Gesetze sprachen dagegen

Die ersten Anfänge machte er in der Küche eines Hotels, polierte Teller und Bestecke. Zwei Jahre Berufserfahrung werden von einem erwartet, ehe man als Kellner arbeiten darf, so Nadun, der seinen Arbeitgeber wieder wechseln musste, da das Hotel wegen umfangreicher Renovierungsarbeiten schloss. Bei seiner nächsten Station durfte er kellnern. Seine angenehme und aufmerksame Art lernten damals Prüferts schätzen, die im selben Hotel-Komplex ihren Urlaub verbrachten. Der Kontakt per E-Mail und Handy blieb auch abseits des Urlaubsgeschehens erhalten. „Wir hätten ihn schon damals gern mitgenommen“, blickt Bernd Prüfert zurück. Gute Restaurantfachkräfte zu gewinnen, sei in der Altmark schwierig. Aber die Gesetzeslage schob damals diesem Vorhaben einen Riegel vor.

Es vergingen einige Jahre. Nadun arbeitete mitlerweile sechs Jahre als Oberkellner in einem Ressort nahe seiner elterlichen Wohnung. „Ein Hotel mit 200 Zimmern.“ Er nahm viele Schulungen an, bildete sich weiter. Im Winter 2018 lud ihn eine deutsche Familie zu einem zweiwöchigen Kurzurlaub in den Harz ein. Und wie es der Zufall wollte, entdeckte Elke Prüfert zu jener Zeit auf dem Handy das Profilbild von Nadun – mit Winterkleidung bepackt auf einer Rodelbahn. Sie telefonierten miteinander. Und Bernd Prüfert brauchte Nadun nicht lange zu überzeugen, an seinem letzten Urlaubstag Büttnershof und die Familie Prüfert zu besuchen.

„Ich habe ihn abgeholt“, erzählt der Gutsherr, der sich ihn noch immer in seinem Team wünschte. Nadun war sofort begeistert. „Es hat mir gleich gut gefallen.“ Das Haus, das naturnahe Umfeld und das riesige Gelände, „wo sicherlich viel zu tun ist“, ahnte er schon damals. „Ich arbeite gern.“

4. April - ein Tag der Freude

In Sri Lanka angekommen, ließ ihn der Gedanke, In Deutschland, bei Prüferts, arbeiten zu können, nicht mehr los. Die Gesetze hatten sich mittlerweile gewandelt: Es besteht auch für Nicht-EU-Ausländer die Möglichkeit, aufgtrund einer Ausbildung in Deutschland tätig zu sein. Der 29-Jährige war erneut gewillt, am Goethe-Institut die zweite Prüfung (A2) abzulegen. Wieder mit einem super Wert. Er erreichte 95 von möglichen 100 Punkten. Nadun setzte alles daran, die Voraussetzungen zu erfüllen, meldete sich für ein Visum an. An seinem späteren Ausbildungsort kümmerten sich Prüferts um die Einreiseerlaubnis, erhielten zudem Unterstützung von der Industrie- und Handelskammer. Die Freude war rieisg, als er das Visum in den Händen hielt. Es war der 4. April, erinnert er sich an diesen Tag gern zurück. Und am 10. April ging es für ihn schon nach Deutschland. Klar waren seine Eltern und seine beiden Geschwister „ein bisschen traurig. Aber Mutter und Vater wissen, dass sich Prüferts wie Eltern um mich kümmern.“

„Ich bin sehr glücklich hier.“ Nadun Anurada Hewagamage ist in Deutschland längst angekommen. Er liebt seine Arbeit. Bernd und Elke Prüfert haben vollstes Vertrauen in ihren neuen Mitarbeiter, der mit Herz bei der Sache sei. „Er macht mich richtig glücklich“, spricht Bernd Prüfert nur lobend über ihn. Und denkt bereits über Nadun als seinen Nachfolger nach.

Naduns Art kommt im Restaurant und bei den Gästen gut an. „Lächeln kostet nichts“, ist seine Devise. Im August wird er seine dreijährige Ausbildung im dualen System starten. Klar, die möchte er mit einem guten Zeugnis beenden. Doch zunächst möchte er seine Führerscheinprüfung bestehen.