Stendal l Ohne die Stoppuhr geht nichts. Penibel schreibt Christoph Rosenbaum die Zeiten auf und vergleicht sie mit den Vorgaben. Die sind der Maßstab. Fast jeden Tag versucht sein Sohn Lukáš, sie einzuhalten oder zu unterbieten. Heute muss er den Kilometer in unter sechs Minuten schaffen. „Das ist eher ein gemächliches Tempo und überfordert ihn nicht“, berichtet der Vater, der gleichzeitig sein Trainer ist. Mit seiner Vorhersage hat er Recht. 5:52 Minuten braucht sein Schützling für die 1000 Meter, ohne wirklich erschöpft zu sein. Viermal pro Woche ziehen die beiden ihr Programm durch.

Das erfordert eine Menge Disziplin. Umso mehr, wenn man alleine trainiert. Lukas Rosenbaum teilt das Schicksal all jener, die sich für eine exotische Einzelsportart entscheiden. Der Zwölfjährige ist Geher. Zwar ist die Sportart schon seit 1932 olympisch, zu richtiger Popularität hat es dennoch nie gereicht. Dabei gehört die 50-Kilometer-Distanz zu den schwersten Herausforderungen in der Leichtathletik überhaupt. Trotzdem ist dem Gehen allenfalls ein Platz in der Nische reserviert. Als Ende September in Doha die Leichtathletik-Weltmeisterschaft stattfand, warteten die Fans der Sportart vergebens auf Fernsehbilder.

Er deklassiert seine Konkurrenten

Im Stendaler Leichtathletikverein ist Lukas Rosenbaum also wenig überraschend ein Einzelkämpfer. Obwohl die Geher-Szene in Sachsen-Anhalt sogar vergleichsweise lebendig ist. Allerdings eher im Süden des Landes. Naumburg galt lange Jahre als die regionale Hochburg, dazu Halle und Aschersleben. Da kann es schon mal einsam werden beim Training. Niemand, mit dem man scherzen kann, um sich abzulenken. Sondern immer der Kampf gegen die Uhr. Um sich dafür zu motivieren, hilft es sicherlich, wenn man in seinem Sport richtig gut ist. Und Lukáš Rosenbaum ist ein überaus talentierter Geher. Experten sprechen ihm sogar eine außergewöhnliche Begabung zu. Der Landestrainer Helmut Stechemesser sieht bei ihm prinzipiell alle Voraussetzungen für eine internationale Karriere: „Er gehört ohne Zweifel zu den Besten in seiner Altersklasse in Deutschland.“

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Seine Konkurrenz deklassiert er über die Distanzen von zwei und drei Kilometern regelmäßig. „In den Rennen kämpft er eigentlich mehr gegen die Zeit als gegen die anderen Teilnehmer“, beschreibt es sein Vater. Das stellt auch den zweiten Coach zufrieden, der ziemlich weit weg wohnt. In Banska Bystrica in der Slowakei ist er zu Hause und heißt Juraj Benčík.

Doch woher rührt die Verbindung in die Slowakei, die auch im Namen des jungen Sportlers sichtbar wird? Einfache Antwort: In der slowakischen Universitätsstadt Banská Bystrica kam der talentierte Geher zur Welt. Dort verbrachte er die ersten zehn Jahre seines Lebens und wuchs zweisprachig auf. Sein Vater, ein gebürtiger Rostocker, war nach dem Studium der Slawistik in das Land gekommen. Er lehrte lange Jahre an der Universität von Banská Bystrica und traf dort seine slowakische Frau. Zufälligerweise ist der Ort das Epizentrum des slowakischen Gehens. Als Kind mit dem Sport in Verbindung zu kommen, ist alles andere als ungewöhnlich. In der ersten Klasse probierte sich sein Sohn zum ersten Mal in der Sportart aus. Sie machte ihm Spaß und er blieb dabei. Was sicherlich zu einem gewissen Grad an seinem bereits erwähnten Förderer lag.

Deutsche Elite trainiert in Potsdam

Wäre Gehen keine Randsportart, sondern etwa so populär wie Fußball, hätte man beim Namen Juraj Benčík wahrscheinlich aufgehorcht und aufgeregt gefragt: „Wirklich Juraj Benčík?“ Eben jener ist in der Szene alles andere als ein Unbekannter. Selbst Olympiateilnehmer, brachte er schon Goldmedaillen-Gewinner in der Disziplin hervor. Von Lukáš Rosenbaum war der Trainer von Beginn an begeistert. Das ging so weit, dass er ihn seit dem Umzug vor zwei Jahren noch aus der Ferne betreut.

Moderne Kommunikationsmittel machen es möglich. Regelmäßig werden zwischen der Slowakei und Deutschland E-Mails hin und her geschickt. Darin enthalten sind die Trainingspläne. Akribisch wird über die täglich erreichten Zeiten Buch geführt. So wird sichergestellt, dass der Nachwuchs-Geher sein hohes Niveau hält. Dabei wird eine ziemliche Detailversessenheit an den Tag gelegt. Christoph Rosenbaum achtet zum Beispiel genau darauf, ob die Pausen zwischen den verschiedenen Trainingsläufen eingehalten werden. Wenig wird dem Zufall überlassen.

Während die anderen Jugendlichen am Dienstag in der Halle am Haferbreiter Weg sprinten und Athletik-Übungen machen, geht Lukáš Rosenbaum also immer wieder das Spielfeld hoch und runter. Stets darauf achtend, dass er die strengen technischen Vorgaben erfüllt. Wie lange er hier noch trainieren wird, ist ungewiss.

Meint er es wirklich ernst, wird er Stendal in einigen Jahren verlassen müssen. Die Elite zieht es früher oder später nach Potsdam zum bundesweiten Stützpunkt. Dort wird er sich komplett auf den Sport konzentrieren können. Natürlich mit einem peniblen Trainer im Rücken, der mit der Stoppuhr die Zeiten kontrolliert. Sein Vater wird es dann wohl nicht mehr sein.